Ob sie wohl ihren Begleiter täuschte durch ihre von jedem bitteren oder beleidigten Gefühl freie Besprechung eines, wie es schien, für sie interessanten und doch gleichgültigen Themas? Wer weiß.
Das Gespräch kam dann auf andere Dinge, indem sie fortwandelten und Dolores ihren Waldblumenstrauß vollendete. Ruß war ein tüchtiger Botaniker und wußte Dolores den Namen jedes Pflänzchens zu nennen, das sie pflückte, und als sie eine kleine, wilde weißblühende Nelkenart brach und dem Bouquet einfügte, sagte er erklärend: »Dies Blümchen wird hier in dieser Gegend vom Volke ›Traumblume‹ genannt. Wer sie bei Vollmondschein allein und im tiefsten Stillschweigen bricht und sie unter sein Kopfkissen legt, der träumt, was er zu wissen wünscht und sonst nicht erfahren kann.«
»Welch' wunderbarer Aberglauben lebt doch noch unter dem Volke,« bemerkte Dolores sinnend; ihr wundersamer Traum kam ihr plötzlich zu Sinne.
»Ja, und er wird auch noch lange leben, denn er hat seine unsterblichen Traditionen, die übrigens oft viel Poesie bergen,« meinte Ruß.
»Glauben Sie an Träume?« fragte Dolores.
»Ich möchte darauf weder mit ja, noch mit nein antworten,« entgegnete der Doktor nach einer Pause, »denn ich habe darüber noch nicht genügend nachgedacht. Es kann nicht geleugnet werden, daß, während der Körper schläft, die Seele wacht und weiter lebt. Was ihr begegnet, während wir schlafen, nennen wir dann Traum. Andererseits aber macht der vom Körper während des Schlafes unbeherrschte Geist tolle Ausschreitungen – da sind die unsinnigen Träume, die wir einander oft lachend erzählen. So erklärt es wenigstens der Erbprinz von Nordland, der sich viel damit beschäftigt und auch ein Werk über Seelen- und Traumleben schreibt. Natürlich wird er ebensowenig in dieses große Mysterium der Natur eindringen können, als viele vor ihm.«
»Ich fürcht' es auch,« sagte Dolores seufzend.
»Der Prinz ist nicht unbedeutend,« meinte Ruß, »nur das Thema, das er sich vorgenommen hat auszuarbeiten, verleitet manche zu dem Glauben, er sei es. Er steht mit bedeutenden Männern der Wissenschaft, Naturforschern und Ärzten, in Verbindung und korrespondiert mit ihnen. Aber schließlich giebt es ja doch Dinge, die für menschliche Weisheit zu hoch sind und zu verhüllt, als daß der jede Schranke durchbrechende Blick der Kultur des neunzehnten Jahrhunderts hineindringen könnte.«
Hier wurde Doktor Ruß sehr drastisch unterbrochen. Er und seine Begleiterin waren bis zum Ausgange des Waldes gekommen, an welchem eine Schmiede lehnte, die eine offene Werkstatt hatte, in der wiederum ein mächtiges Feuer lohte. Vorn stand ein riesengroßer Mann, mager und knochig wie der selige Don Quixote, und hielt eine Rosinante am Zügel, die offenbar eben beschlagen worden und ihres Besitzers würdig war – ein hochbeiniger, starker Percheron mit struppigem Fell und struppiger Mähne, mit primitivem Sattel und schlechtgeputztem Zaumzeug.
Das Roß, das für Roland den Riesen wie gemacht erschien, betrachtete mit Interesse seinen Herrn, der in einer sehr großen und sehr leeren grünseidnen Börse herumsuchte. Vor ihm stand der Schmied mit aufgestreiften Ärmeln und ledernem Schurz, eine ebenso kraftvolle, umfangreiche Gestalt, wie jener mager war, ein neues Hufeisen in der Hand.