»Ah, Keppler hat Ihr Porträt gemalt?«

»Ja, als Satanella,« erwiderte Dolores. »Es war eine Caprice von ihm, die Kombination von Rot und Gold so darzustellen, daß sie künstlerisch wirkte, und ich meine, er hat das Problem gelöst. Kennen Sie die Oper, Doktor Ruß? Wenn nicht, so müßte ich Ihnen das Kostüm beschreiben, um Ihnen die Aufgabe für den Künstler klar zu machen.«

»Ja, ich war in der Residenz, um diese Sensation machende Oper zu hören,« sagte der Doktor langsam. »Aber ich hätte Sie im Leben nicht wieder erkannt.«

»Nicht?« fragte Dolores amüsiert. »Das war gut. Ich wollte vor den Lampen nur die Künstlerin sein, nichts weiter.«

»Es war ein sinnverwirrender Anblick,« fuhr Ruß fort, »ich begreife den Eifer Kepplers, den prachtvollen Farbenreichtum, der Sie umhüllte, auf die Leinwand zu bannen. Der Künstler soll, wie man mir sagte, fast jeder der vielen Aufführungen der Satanella beigewohnt haben. Das ist eine Huldigung, die auffallen mußte,« fügte er mit scharfem Blick hinzu, »und die am Ende auch zu denken giebt.«

Dolores warf das schöne Haupt zurück, und ihre Lippen kräuselten sich verächtlich. »Die Welt ist ja stets geneigt, etwas zu denken,« sagte sie leicht. »Keppler kam, um die Aufgabe, die er sich gestellt, zu studieren. Daß übrigens solche ›Huldigungen‹, wie Sie es nennen, nicht immer der Person, sondern auch der Sache gelten können, mögen Sie aus dem Umstand erkennen, daß Alfred Falkner auch in fast keiner Aufführung der Satanella fehlte!«

Doktor Ruß sah überrascht auf – davon hatte er nichts gewußt.

»Wer weiß,« sagte er leise und beziehungsvoll.

Dolores biß sich auf die Lippen im Unmut, daß sie sich hatte hinreißen lassen, mehr zu sagen, als sie gewollt – hatte sie sich doch vorgenommen, Falkners oftmalige Anwesenheit in der Oper gar nicht zu bemerken.

»Man kann ja Sache und Person leicht trennen. Davon hat mein Cousin den Beweis geliefert,« sagte sie, ohne des Doktors dazwischen geworfenes Wort zu beachten. »Das Werk kann interessieren, die Person des Darstellers aber antipathisch sein, und nur das Wort oder der Ton, über den sie verfügt, eine Saite, einen Nerv in uns berühren. Dieses interessante Problem menschlichen Nervenlebens hatte ich sehr oft vor mir, denn Herr von Falkner wandte der Bühne stets den Rücken zu, wenn ich sang. Es war also die Antipathie gegen meine Person, während meine Stimme, ohne daß er mich sah, auf seine Nerven wohlthätiger wirkte. Ich habe schon früher von solchen Fällen gehört.«