»Monrepos,« rief Dolores überrascht, »ich dachte nicht, daß es dem Falkenhof so nahe liegt. Freilich, man vergißt im Lauf der Jahre vieles!«
Monrepos war wohl ein ehemaliges Jagdschloß, denn daran mahnten die steinernen Pikeure rechts und links am Aufgange zu dem hohen Parterre, über das sich nur noch eine Etage aufbaute, welche von seltsam geformten, barock verschnörkelten Mansarden gekrönt wurde. Über der Eingangsthür ward ein fürstliches Wappen von pausbäckigen Engelchen gehalten, von denen man nur künstlich die üppig wuchernden Kletterrosen fern hielt, die bis zu den Mansarden emporragten und jetzt unzählige Knospen aufwiesen, die schon halb erschlossen waren. Vor dem Schlößchen verbreiteten mächtige Linden einen wahrhaft köstlichen Schatten, in welchem barocke Gartenmöbel zum Sitzen einluden, und auf dem Rasenplatz davor blies in steinernem Bassin ein von Nymphen umgebener Meergott aus einer Muschel einen starken Wasserstrahl in die Höhe, der seine glitzernden Wasserperlen auf die herrlichen Rosenstämme sprühte, welche den Platz in dichten Reihen umstanden.
Dolores erinnerte sich wohl des Rokokoschlößchens, das sie von fern oft betrachtet hatte, als sie, ein Kind noch, dem Falkenhof als Bewohnerin angehörte, aber sie wußte nichts von seinem Besitzer.
»Monrepos ist Privateigentum des Herzogs von Nordland,« erklärte Doktor Ruß. »Er hat es von einer Verwandten geerbt, welche in unser Königshaus geheiratet hatte, und es gehört nun zu seinen Lieblingsplätzen. Hier bringt der Herzog mit seinem Sohne, dem Erbprinzen, und seinen beiden Töchtern Jahr für Jahr ein paar Sommermonate zu, ganz wie ein einfacher Privatmann, und nur wenig Auserlesene, die er als Freunde betrachtet, erweitern den zwanglosen Familienkreis, in dem jedes seinen Neigungen lebt. Zu denen des Herzogs gehört die Rosenkultur, und er arbeitet wie ein einfacher Gärtner unter seinen Lieblingen, die aber auch seine Mühe lohnen und von seltener Schönheit sind. Man erwartet die herzogliche Familie in wenig Tagen hier – ich hörte, zu den wenigen Eingeladenen auf Monrepos gehöre dieses Jahr Richard Keppler, der berühmte Maler.«
Hier erinnerte sich Dolores der Einladung, die Falkner dem Künstler damals im Atelier überbracht – sie hatte nicht geglaubt, daß er ihr so nahe sein würde, sie hätte es auch um seinetwillen nicht gewünscht. Und Falkner, war er auch zu dem exklusiven Kreise in Monrepos berufen? Sie hätte sich eher im Hexenloch gesehen, als die Frage dem Manne an ihrer Seite vorgelegt, der mit scharfem Blicke ihre Züge studierte, als wollte er aus ihnen ihre Seele herauslesen. Doch was kümmerte es sie am Ende – die Bewohner von Monrepos und dem Falkenhof standen ja einander so fern wie der Nord- und Südpol, besonders jetzt, da sie die Herrin des letzteren war.
»Gehen wir weiter,« sagte sie, sich vom Schlosse abwendend, und Doktor Ruß folgte ihr mit leisem Kopfschütteln.
»Kennen Sie Keppler persönlich?« fragte er lauernd.
»Ich kenne und achte ihn als Mensch, wie ich ihn als Künstler bewundere,« entgegnete Dolores warm und unbefangen, ein Umstand, der ihren Begleiter zu verwundern schien, um so mehr, als sie nun begann, ganz unbefangen über des Malers Werke zu plaudern, die seinen Ruhm auf der ganzen Erdkugel begründet.
»Ich bin namentlich für seine Porträts begeistert,« bemerkte Ruß. »Sie haben neben frappanter Ähnlichkeit so viel geistigen Gehalt, wie das Original selbst, und ich weiß, daß er am liebsten solche malt, bei denen er diesen Gehalt findet. Nebenbei aber idealisiert er so fein, wie eben nur ein Künstler, wie er, vermag.«
»Es kann jedermann stolz darauf sein, von ihm gemalt zu werden,« pflichtete Dolores bei, »und ich bin es auch in der That.«