»Hier bist du doch viel mehr Königin, als auf dem Theater, mein Goldkind!«
Dolores lächelte dazu, aber es war kein Lächeln des befriedigten Stolzes, es war eher wehmütig zu nennen, und es fuhr ihr durch den Sinn, als sei sie als eine Priestern der Kunst glücklicher gewesen, als sie je hier sein könnte – –. Und doch war sie erst seit wenig Tagen Herrin auf dem Falkenhofe!
Zur Dämmerzeit ging Dolores wieder hinüber nach dem Türmchen und plauderte mit Engels. Sie saß am epheuumrankten Fenster und hatte die schnurrende Ida auf dem Schoß. Knieper hatte sich auf dem Fensterbrett niedergelassen und achtete eifersüchtig darauf, daß die Herrin ihre Gunstbezeugungen gleichmäßig zwischen ihm und seiner Freundin verteilte.
»'s ist, als seien die vergangenen Jahre zurückgekehrt,« meinte Engels behaglich.
»Nun, sehen Sie, daß ich die Alte geblieben bin?« scherzte Dolores.
»Ja, ja, mitunter erinnert ein Blick, ein Wort an die kleine Teufelin von damals,« gestand Engels zu, »aber ich laß mir's nicht nehmen, ein fremder Zug, ein Zug des Ernstes, der Melancholie fast, stiehlt sich manchmal um Ihre Augen, Ihren Mund. O, ich beobachte scharf.«
»Das ist das Alter, lieber Engels.«
»O, Sie Baronin Methusalem von zweiundzwanzig Jahren!«
Dolores lachte, wurde aber gleich wieder ernst.
»Man kann, auch jung, seinen Jahren geistig voraneilen, das macht es,« sagte sie. »Sehen Sie, lieber Engels, ich war von Kindheit an mir selbst überlassen, und das lehrt denken. Ich habe vielleicht doppelt soviel gedacht, als andere meines Alters, ich habe mich nie in Gesellschaft meiner Gedanken einsam gefühlt, aber ich habe sie selbst klären müssen durch eigene Erkenntnis, und da fällt manche Frucht von dem jungen Stamme, die vor der Zeit gereift ist. Zum Glück hatte ich eine treue, ernste und gottgeweihte Gefährtin – die Kunst. Die lehrte mich arbeiten und schaffen, und wer das kann, der mag sich glücklich preisen.«