Was sollte sie dazu sagen? Sie konnte die Bescheidenheit, die Demut des größten Porträtmalers nur bewundern und fand sie rührend – aber sie hätte doch verstehen müssen, daß diese Demut in der Liebe ihren Ursprung hatte.
»Sie haben mich schon einmal gemalt –« wandte sie ein.
»Als Satanella, ja. Aber dies Bild ist mein, es erinnert mich an die Zeit, da Sie den Purpurmantel wahrer Künstlergröße trugen,« erwiderte er. »Jetzt ist der Purpur abgestreift und er liegt zu Ihren Füßen, ein Teppich, über den Sie hinwegschreiten. Doch ich gestehe gern, daß Ihnen das weiße Gewand der Châtelaine, der Waldfrau einen neuen, vielleicht höheren Reiz verleiht, und was als Satanella dämonisch aus Ihren Augen leuchtete, es ist geläutert, verklärt und vergeistigt. Wodurch? Das habe ich mich oft schon gefragt, mir aber nie zu beantworten gewagt.«
»Sie haben mich scharf studiert, Herr Keppler,« meinte sie, leicht verwirrt.
»Das ist meines Amtes als Kopist der Natur,« erwiderte er.
Und dabei blieb es, er malte sie in der weißen, goldgestickten Atlasschleppe und dem duftigen Kleide von kostbaren alten, echten Spitzen, ganz ohne anderen Schmuck als den ihrer Schönheit und ihres Goldhaares, nur in diesem, schräg schwebend hoch über ihrer Stirn malte er den Halbmond von Diamanten, wie sie ihn auf der Hochzeit der Großherzogin getragen hatte. Die Arbeit ging rasch und flott vorwärts, und auffallend schnell modelte sich die herrliche weiße Gestalt heraus auf dem schmalen, hellgetönten Paneel – ein lichtes Gedicht, eine Symphonie in Farben, vielleicht nicht so genial wie die Satanella, sicher aber schöner, zum Herzen sprechender.
Einmal beim Malen kam Falkner hinzu in Begleitung von Lolo – er ging selten allein in den Falkenhof.
»O wie schön,« sagte er unwillkürlich, als er vor das Werk des Meisters trat.
»Meinst du das Original oder das Bild?« fragte Lolo und warf den Kopf zurück.
»Meine Frau bringt mich in ein Dilemma,« erwiderte er ruhig. »Denn meine ich das Original, so kränke ich vielleicht den Meister, und meine ich das Bild – was soll das Original von meiner Höflichkeit denken. Folglich wähle ich die goldne Mittelstraße, die hier zur Wahrheit führt, und sage: Das Porträt ist getreu dem Original!«