»Gut gebrüllt, Löwe,« citierte Keppler lachend seinen Shakespeare, indem er ruhig weiter malte.
Dolores sagte nichts. Sie stand auf ihrer Estrade in dem zum Atelier eingerichteten einstigen Tanzsaal des Falkenhofes – einem wundervollen großen Raum mit weißem Stuckmarmor bekleidet und bemalter Decke, auf der es im Rokokogenre von Göttinnen, Nymphen, Amoretten und Seeungeheuern, welche Arnold Böcklin entzückt hätten, zwischen Blumen und Fruchtgewinden wimmelte, der aber entschieden sehr einer Restauration bedürftig war. Aber der nach Norden gelegene Raum war kühl und hatte gutes Licht, das durch hohe, schmale Fenster voll auf die weiße Gestalt flutete, welche ungezwungen neben einem niederen, plüschbezogenen Lehnsessel aus der Renaissanceepoche stand und die schlanke, lilienweiße Linke leicht auf die Lehne stützte.
»Ich fasse nicht, wie du das Modellstehen aushalten kannst, Dolores,« meinte die junge Frau, indem sie an den Spitzen von Dolores Kleid zupfte. »Ich wenigstens werde davon so müde, als hätte ich im Felde Kartoffeln gehackt.«
»Ich bin auch sehr müde,« sagte Dolores und erblaßte in diesem Moment so, daß Keppler erschrocken die Palette hinlegte.
»Dolores – du solltest dich nicht so anstrengen,« rief Falkner, neben sie tretend. »Komm herab – laß es genug sein für heute.«
»Nein, nein,« sagte sie mit mattem Lächeln, »es geht immer sehr schnell vorüber –«
»Wie, du leidest öfter daran? Was ist es?« fragten Falkners a tempo.
»O, eigentlich nichts,« erwiderte Dolores apathisch. »Es mag eine Folge des heißen Sommers sein, daß ich so träge geworden bin seit Tagen – seit einer Woche etwa. Ich ermüde bei jeder Beschäftigung, und es ist mir alles ganz gleichgültig, ob es so wird oder so. Und manchmal kommen die kleinen Frostanfälle, von denen ich eben einen hatte, und die mir dann alles Blut für einen Moment erstarren machen.«
»Aber du solltest doch einen Arzt fragen,« sagte Falkner, besorgt in das schöne, aber vergeistigt blasse Antlitz seiner Cousine sehend.