In diesem Moment trat Ruß in den Saal.

»Ah, ah! Ein ganzes Convivium hier versammelt?« fragte er überrascht. »Wenn das Mama gewußt hätte –«

»Wir kommen noch, ihr guten Tag zu sagen,« fiel Falkner ein, »heut' galt aber Dolores unser Besuch in erster Linie. Doch vor allem ein Wort an dich: du mußt deinen Einfluß geltend machen, daß Dolores einen Arzt konsultiert.«

»Ist sie krank – unsere lebensfrische, starke, gesunde Dolores?« fragte Doktor Ruß überrascht und wandte sich nach ihr um. Dabei fiel das Licht so auf sein Gesicht, daß es sich einzig und allein in seinen ungefaßten, starken Brillengläsern sammelte und diesen das Aussehen von enormen Augen ohne Lider, Wimpern, Iris und Pupille verlieh, wie wir sie in ihrem regungslosen Glanze bei Schlangen sehen.

Dolores fuhr vor diesen auf sie gerichteten, durch die Beleuchtung furchtbaren Augen mit einem leisen Schrei zurück – ein Beweis für die Abgespanntheit ihrer Nerven – und ein Schauer des Entsetzens überrieselte sie. Aber sie bezwang sich schnell.

»Ich glaube, der Einfluß des Herrn Doktors auf mich wird überschätzt,« sagte sie kühl und vielleicht schroffer, als sie gewollt. »Lassen wir also meine kleine Indisposition beiseite, und hören wir lieber, was die Herrschaften von Monrepos heut' nach dem Falkenhofe geführt hat.«

»Ah – ich bitte ungebeugte Willenskraft, unbeeinflußte Unabhängigkeit bei der sogenannten Patientin festzustellen,« rief Doktor Ruß scherzend und scheinbar unberührt von der unzweideutigen Abweisung.

»La garde meurt, mais elle ne vomit pas,« vollendete Lolo mit einem Kompliment gegen Ruß, welcher, da die anderen lächelten und lachten, es nolens volens mitmachte. »Das ist nämlich Graf Schingas Devise, die er sich selbst übersetzt hat,« erklärte die junge Frau, »er hat sich im Lexikon das Wort ›übergeben‹ statt ›ergeben‹ gesucht – folglich nicht La garde ne se rend pas, sondern elle ne vomit pas.«

»Ja, es ist eine böse Sache um Sprachen, die man nicht versteht,« sagte Falkner amüsiert. »Überhaupt sind die fatalen Fremdwörter eine böse Klippe für unseren guten Grafen, der neulich in Berlin bei einer befreundeten Familie den ›Cicero‹ spielen mußte und sie unter anderem auch in den ›Theologischen‹ Garten führte.«

»Ah,« meinte Keppler, »die Garde des Grafen Schinga erinnert mich an einen guten Freund, welcher in einer englischen Familie, mit der ich noch besser befreundet war, gastliche Aufnahme gefunden hatte und sich bei seiner Heimkehr gedrängt fühlte, den Gastfreunden nochmals dafür zu danken. Er drockste also einen recht steifen englischen Brief zusammen, den er sich erst deutsch aufgesetzt hatte, und der mit dem Satze schließen sollte: Gott bewahre Sie und Ihre liebe Familie. Da fehlte ihm das rechte Wort für ›bewahren‹ – und er fand dafür in seinem Lexikon: to conserve, to preserve and to pickle. Die beiden ersten Vokabeln schienen ihm aber in keiner Weise den Sinn wiederzugeben, und so schrieb er denn stolz den Schlußsatz nieder: ›May God pickle you and your dear family.‹ – Ob der Gastfreund von dem Wunsche, nebst den Seinen in Essig gelegt zu werden, sehr erbaut war, ist zu bezweifeln.«