Als sie die Augen wieder aufschlug, lag sie auf ihrem Bett, neben welchem Tereza und Frau Ruß standen – –

»Fort!« rief sie letzterer in höchster Angst zu, »fort – fort – um Gottes willen – ich fürchte mich vor dir –« –

Da zuckte es über das kalte, ausdruckslose Gesicht der großen Frau wie Wetterleuchten, aber sie wandte sich sofort ab und ging hinaus. Draußen im Korridor aber stand sie still, schlug beide Hände vor ihr blasses Gesicht und schluchzte, thränenlos, und mußte, um sich fassen und mit ihrem gewöhnlichen Ausdruck unten erscheinen zu können, lange stehen, ehe sie wieder hinabstieg und von ihrem Gatten mit einem teilnahmsvollen: »Nun, wie steht es oben?« empfangen wurde.

Indes fuhr Engels mit den schnellsten Pferden nach der Stadt, um dort für Dolores einen Arzt zu holen, welcher nach der unvollkommenen Beschreibung des Zustandes seiner Patientin auf eine schwere Nervenerschütterung schloß und sich mit einigen beruhigenden Präparaten versah. – Auf dem Rückwege von der Stadt begegnete er Falkner zu Pferde, und dieser war sehr erschrocken über die schlechten Nachrichten von Dolores und ritt nun sofort mit nach dem Falkenhofe. Doch war das, was er von Doktor Ruß über den Fall hörte, wenig genug, aber im ganzen beruhigend und überzeugend. – »Die Nerven sind es, die Nerven!« meinte er. »Entsinne dich, wie gesund sie war, als sie die Musik eine Zeitlang ganz ruhen ließ. Plötzlich aber warf sie sich mit nervöser Hast auf das, was ja entschieden ihr Beruf ist, was ihren Neigungen entspricht, spielte stundenlang, sang und komponierte, bis ihre Nerven dem Reize nachgaben. Sie kann froh sein, wenn sie einem Nervenfieber entgeht, was ich aber glaube, wenn sie die richtigen Arzneien bekommt: Schlaf und Ruhe.«

Der Ausspruch des Arztes, den Falkner erwartete, lautete ähnlich. Er hatte ihr ein neu erfundenes, auf die Nerven wunderbar beruhigend wirkendes Präparat eingegeben und verschrieb nun noch ein Präservativ gegen erneute »Anfälle,« denen er aber etwas für ihn noch Unerklärliches nicht absprach.

Dolores verbrachte, dank dem Schlafmittel, eine ruhige, ungestörte Nacht, in welcher ihr unaufhörlich träumte, daß die Ahnfrau Dolorosa blaß und traurig vor ihr stände und sie beschwor, ihren Sieg über den Bösen nicht halb sein zu lassen, sondern zu vervollständigen, damit sie Erlösung fände.

Dieser Traum und die wiederholten Worte standen so klar und deutlich vor ihr, als sie erwachte, daß sie darüber nachdenken mußte. Diesen häufigen Träumen, in welchen eine Warnung vor »dem Bösen,« vor einer vagen Gefahr, immer wiederkehrten, seit sie im Falkenhofe war, fing sie an die Schuld an ihren herabgestimmten Nerven beizumessen, denn seit sie von Nordland zurück war, war kaum eine Nacht vergangen, die ihr nicht einen Traum gebracht, in welchem die Ahnfrau und deren Warnungen eine Rolle spielten. Freilich, der Schuß durch den spanischen Brief und der trotz aller Gegenvorstellungen nicht eingeschlafene Verdacht, daß ihr Sturz ins Hexenloch kein zufälliger gewesen, waren ja schließlich genug, um die unablässigen aufregenden Träume von nahen Gefahren für die zu rechtfertigen, welche an eine Einwirkung auf die Seele im Traume glauben, aber Dolores hatte sie eigentlich immer vergessen, wenn das Sonnenlicht kam und die klaren Gedanken ihres klaren Kopfes warm durchleuchtete. – Und wie sie nach dieser letzten Nacht erwachte und wieder die Erinnerung an den Traum derselben die Klarlegung der Vorgänge des vergangenen Tages verdrängten, der ihr eine so starke seelische Erregung gebracht, da überkam sie ein Wunsch, ein Gedanke –: »Fort von hier!« Und dieser Wunsch wurde so stark in ihr, daß er sie förmlich kräftigte und sie trotz der Gegenvorstellungen Terezas aufstand und sich in einen weichen, weißwollenen Schlafrock gehüllt auf dem Balkon ihres Salons das Frühstück servieren ließ. Dort sah sie der unten promenierende Doktor Ruß, fragte an, ob er störe und ließ sich auf die verneinte Antwort bald darauf ihr gegenüber nieder, ein wohlverbundenes und etikettiertes Fläschchen in der Hand, dessen wasserheller Inhalt ganz unschuldig aussah.

»Es freut mich unendlich, Sie wieder wohlauf zu sehen, teure Dolores,« sagte er mit dem tiefen, leisen Wohlklange seines Organs. »Aber,« fügte er, das Fläschchen schüttelnd, hinzu, »aber Sie müssen auch ›brav‹ sein und dies Tränkchen nehmen, das Doktor Müller für Sie verschrieb, und das ich selbst gestern Abend noch aus der Apotheke für Sie holte.«

Dolores versicherte, daß sie Arznei im ganzen ohne Schwierigkeiten nähme, sofern dieselben nicht bestimmte, ihr widerwärtige Mixturen enthielten, und schluckte darauf zum Beweise sofort einen Theelöffel voll, den Doktor Ruß ihr füllte.

»Schmeckt es schlecht?« fragte er lächelnd, als Dolores den Mund etwas verzog.