Doktor Ruß hatte mit zitternden Händen die blaue Flasche ergriffen und stand Dolores gegenüber, stumm, aber mit keuchendem Atem und gierigem, raubtierartigem Blick. Und wieder packte Dolores, die stets so mutige, ein unbestimmtes Angstgefühl – im Falkenhof war's still zu dieser Nachtstunde, keine Menschenseele war wach und Tereza schlief so fest, daß man sie bis hier herein atmen hörte – – und wenn dieser Mann wollte – –
Da glitt ein Schatten über die Lampe und im selben Momente stand Ramo zwischen seiner Herrin und ihrem Gaste.
»Baronesse haben geläutet?« fragte er ruhig, als wäre es mitten am Tage. Sie hatte es nicht gethan, aber sie begriff die Wachsamkeit des treuen Menschen.
»Du sollst Herrn Doktor Ruß die Treppe herab leuchten – er hat kein Licht,« sagte sie mit einem tiefen, freudigen Atemzuge.
Doktor Ruß aber hatte sich ganz wiedergefunden.
»Gute Nacht, liebe Dolores – versuchen Sie's noch, ein wenig zu schlummern. Ich werde wegen des Chlorals morgen mit Doktor Müller sprechen. Er hat Ihre Natur für allzu nachgiebig gehalten mit dieser schwachen Dosis,« sagte er und reichte ihr die Hand.
Aber Dolores schien dieselbe nicht zu sehen, sondern wandte sich einfach ab und ging gelassen in ihr Schlafzimmer, das sie hinter sich verschloß mit klopfendem Herzen und fliegenden Pulsen.
Aber sie fand dennoch ein wenig Schlaf, und es träumte ihr, die »böse Freifrau« streiche leise mit ihrer kalten Hand über ihr Haar, und sage mit frohem Lächeln in ihr Ohr: »Bald! Bald! Dolores! Erlöserin!« Ganz wie in ihrer ersten Nacht im Falkenhofe.
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Frau Ruß aber hatte am andern Morgen eine böse Zeit mit ihrem Gatten, der in seiner schlechtesten Laune war und sie mit giftigstem Hohne überschüttete, nervös lachte und in einem Zustande fieberhafter Reizbarkeit seine Kleider durchsuchte nach einem Blatt Papier in einem offenen, unbeschriebenen Couvert, das er verloren haben wollte. Frau Ruß suchte schweigend mit, aber es war nicht zu finden, und dann mußte sie hinausgehen in die kleine Bibliothek, um nachzusehen, ob er es dort verloren habe. Doch es war auch dort nicht zu finden, trotzdem noch niemand das Kabinett betreten hatte, weil es dicht neben dem Schlafzimmer der Schloßherrin lag, diese aber noch schlief und nicht gestört werden sollte. Auch Ramo, welcher die Lampe ausgelöscht hatte, nachdem er Doktor Ruß herabgeleuchtet, hatte nichts gesehen oder aufgehoben.