»Also ein Märchen,« sagte Graf Schinga mit langem Gesicht.

»Ja, ein Märchen,« sagte Frau Ruß und begann nochmals: »Also, es war einmal eine Frau, die war Witwe und hatte ein Kind, das einmal einen großen Besitz erben sollte. Erbschaften aber sind Güter im Monde – Luftschlösser. Und auch dieses Luftschloß zerfiel in Staub und Spreu und das Kind der Witwe blieb arm. Die Witwe aber heiratete wieder –«

»Kommt zuweilen vor,« brummte Graf Schinga.

»Und sie heiratete einen bösen Mann,« fuhr Frau Ruß fort.

»So? Sonst sind meist die Weiber die Xantippen,« sagte Graf Schinga trocken, doch Frau Ruß erzählte unbeirrt weiter.

»Sie heiratete einen bösen Mann – einen schlechten Mann. Denn er liebte, weil seine Frau alt und welk wurde, ein junges, schönes Mädchen, die Erbin der Güter, als deren Herrn er seinen Stiefsohn erträumt – –«

Sie hielt einen Augenblick inne, ohne den Blick vom Wasser abzuwenden, ohne auf das fest auf sie gerichtete Antlitz ihres Sohnes zu sehen, ohne das blasse Gesicht von Dolores mit den Augen auch nur zu streifen.

»Eine recht uninteressante Geschichte, mein Herz,« sagte Doktor Ruß leise, mit seltsam schwankender Stimme.

Währenddem war auch Falkner neben seine Mutter getreten.

»Möchtest du uns deine Geschichte nicht lieber zu Hause erzählen, Mutter?« fragte er leise, sich über sie beugend. Aber sie achtete weder auf den einen, noch auf den anderen.