»Laß mich ein Telegramm an einen Arzt aufsetzen,« bat sie. »Ich weiß nicht genau, wie oft er dir Gift gegeben und wieviel – du bist vielleicht trotz der momentanen Besserung eine Sterbende!«
Dolores nickte, und Frau Ruß schrieb das Telegramm, das klar ausdrückte, um was es sich handelte. Als sie die Feder weglegte, deutete sie auf den Kamin.
»Dort hatte er auch einen Schlupfwinkel, durch den Nordflügel her. Aber du hast ihn zugebaut. Man kommt aus dem Souterrain auf einer kleinen Treppe hinauf, die jetzt niemand mehr kennt.«
Nun war auch das Rätsel der Fußstapfen gelöst, und Dolores schauerte es, als sie daran dachte, wie der Mörder durch diese geheime Verbindung in tiefster Nacht zu ihr gelangen und sie töten konnte, ohne daß auch nur ein Hahn danach gekräht –!
»O Tante, warum hast du mir das nicht früher gesagt!« rief sie, als Frau Ruß das Telegramm an Ramo gegeben hatte. »Nicht das Geheimnis des Kamins, aber die Mordgedanken deines Mannes! Warum mich sterben lassen, ungerührt, und ich bin doch noch so jung! denn ich weiß, daß ich sterben muß!«
»Nein, nein,« schluchzte Frau Ruß erschüttert und sank vor Dolores auf die Kniee nieder. »Ich sagte dir schon, daß ich dich haßte, weil ich an meines Mannes Liebe zu dir glaubte und eifersüchtig war. Sein Attentat auf dich am Hexenloch erfuhr ich erst durch sein gewohnheitsmäßiges Sprechen im Traume – den Schuß auf dich sah ich im voraus, weil er sich dein Pistol genommen, als du zu Alfreds Hochzeit fort warst, und sich damit übte, wenn er sich unbeobachtet glaubte – aber woher sollte ich wissen, wann er die Waffe auf dich abfeuern würde? Und sollte ich ihn denuncieren auf einen bloßen Verdacht hin? Er war doch immerhin mein Mann und ich habe neben ihm am Altar gestanden!«
»Halt,« unterbrach sie Dolores, »mir fällt etwas ein.«
Und sie erhob sich, um bald darauf mit dem kleinen Teschinpistol wieder zu kommen, das sie neben sich auf den Tisch legte.
»Ich fürchte, ich habe in vergangener Nacht nicht seinen letzten Besuch empfangen,« sagte sie mit seltsam entschlossener Miene. Als sie wieder saß, fuhr Frau Ruß fort:
»Er muß dir wohl schon mehrere Giftdosen beigebracht haben, ehe ich entdeckte, daß er mit diesen Mitteln gegen dich vorging. Ich sah es zum erstenmal beim Thee, daß er ein weißes Pulver in deine Tasse schüttete. Und damals war es noch eine mit Gewissensbissen vermengte Freude, die ich Unholdin dabei empfand. Erst als ich dich verfallen und welken sah wie eine Blume, da gingen mir die Augen auf und ein namenloses Mitleid ergriff mich für dich! Wie aber dich warnen, ohne ihn preiszugeben? Und so durchkreuzte ich jeden seiner Wege, immer wachsam, Tag und Nacht beobachtend und lauschend – es war ein Höllenleben. Weißt du noch den Abend, als Engels den geschossenen Adler brachte? Während mein Mann das Maß suchte auf dem Tische, that er sein Höllenpulver in deine Tasse; ich sah es und stieß dich an, um es dich gleichfalls sehen zu lassen. Aber du wußtest nicht, was ich meinte, und um dich am Trinken zu verhindern, sah ich dich so lange starr und stier an, bis mein Blick dich so jäh erschreckte. Und ich zerbrach auch mit Absicht die Arzneiflasche hier in deinem Zimmer, denn er hatte dir den nichtssagenden Trank mit seinem Gifte gewürzt. An diesem Tage wollte ich sprechen, wollte meinen Gatten anklagen, aber du wandtest dich ab von mir, und Gräfin Schingas Ankunft vereitelte meine Absicht. Wie ich die Blausäure unschädlich machte in seinem Geheimfach – das erlasse mir zu schildern. Aber hier –« und sie zog ein Blatt Papier aus der Tasche, »hier ist der Brief, den er neben deine Leiche legen wollte, nachdem du das Gift genommen –«