Schaudernd und mit einer Ohnmacht kämpfend sah Dolores auf das Blatt herab, auf welchem ihre Schriftzüge in meisterhafter Nachahmung es schwarz auf weiß der Welt erzählten, daß sie selbst Hand an sich gelegt. Jetzt erst konnte sie sich den nächtlichen Besuch des Doktors erklären: er war nur gekommen, um sich von ihrem Tode zu überzeugen und dessen Schuld auf die zu wälzen, deren Mund ihn nicht mehr Lügen strafen konnte. Und ein ungeheurer Ekel ergriff sie vor der Erbärmlichkeit der Menschen, die lieber ihren Nächsten aus dem Hinterhalte angreifen und vernichten, ehe sie offen vor ihn hintreten und sagen: Das will ich von dir, kannst du es geben, so gieb!

»Heut' den ganzen Tag habe ich's dir sagen wollen, wie ich's jetzt gesagt habe,« sagte Frau Ruß traurig, »du aber hast mich niemals sehen und sprechen wollen. Da blieb mir nichts übrig, als jene Erzählung draußen am Hexenloch, denn ich fürchtete alles für dich in der kommenden Nacht. Aber wenn du mich jetzt nicht schützen kannst –«

Und sie rang verzweiflungsvoll die Hände.

»Er wird dir nichts mehr anhaben dürfen,« sagte Dolores matt, denn ihre überreizten Nerven fingen an nachzugeben, und sie fühlte, daß sie vor einer physischen Katastrophe stand.

Doch die Stimme des Doktor Ruß draußen im Korridor stachelte sie noch einmal auf. Sie drängte die schreckensbleiche Frau hinein in ihr Schlafzimmer und wartete gespannt darauf, was er thun würde. Aber Ramo verteidigte seine Festung gut und alles ward wieder still. Nun kam das Ruhebedürfnis mächtig über sie, und gerade wollte sie demselben Folge geben, als Doktor Ruß draußen abermals vernehmbar ward. Nun fühlte sie, daß es am besten war, diese Sache ein für allemal abzuthun, darum schritt sie entschlossen zur Thür, öffnete sie und stand ihrem Feinde gegenüber.

»Ich hatte gewünscht, allein zu bleiben,« sagte sie kühl.

Doktor Ruß trat sogleich über die Schwelle und auf einen Wink von Dolores schloß Ramo die Thür.

»Teuerste Nichte, ich wünsche Ihre Ruhe nicht für einen Moment zu stören,« sagte er in seiner gewohnten leisen und verbindlichen Weise. »Ich suche meine Frau. Ist sie bei Ihnen?«

»Ja,« sagte Dolores kurz.

»Ach, ich hatte also recht gehört. Gestatten Sie mir also, sie hinabzuführen in unsere Zimmer.«