»Fürstentöchter sind schon zu Vasallen herabgestiegen – doch diese hatten dann mehr zu bieten als Äquivalent, als ich.«
»Darauf kommt es nicht an, Falkner,« erwiderte der Erbprinz ruhiger. »Es handelt sich für mich nur darum, zu wissen, wessen Neigung stärker ist – die meiner Schwester für Sie, oder die Ihrige für meine Schwester!«
»Dann fragen Hoheit die Prinzessin Eleonore selbst – ihre Antwort ist die meinige,« entgegnete Falkner.
Der Erbprinz seufzte, aber schwieg. Er konnte sich's ungefähr erklären, wie alles gekommen war, er kannte seine »kleine Schwester,« und im Grunde seines Herzens lebte die feste Überzeugung, daß Prinzeß Lolo bei ihrer Neigung »zum Durchgehen« besser aus der Sphäre herausgedrängt wurde, in welcher sie geboren war, und an der Seite eines Mannes wie Falkner die Festigkeit erlangte und die Stütze fände, deren sie so sehr bedurfte, als daß sie in einer Konvenienzehe, sich selbst überlassen, dem Abgrunde zutrieb, von dem vielleicht nichts mehr sie retten konnte.
Im Falkenhof wieder angelangt, blieb man, Prinzeß Lolo inbegriffen, noch versammelt, aber die Konversation blieb gezwungen und die Gemütlichkeit war entflohen, und während Gräfin Schinga eine der wundervollen ungarischen Rhapsodien von Liszt spielte, beobachtete Doktor Ruß, scheinbar in den Kunstgenuß versunken, wie es in den Zügen des kleinen Kreises nacharbeitete von der Scene an der Grabkapelle. Denn der sonst stets gutgelaunte Herzog suchte ersichtlich Herr seiner Mißstimmung zu werden, und mitunter flog ein Blick aus seinen gutmütigen Augen hinüber nach seiner zweiten Tochter, der so ernst und mißbilligend war, als er's überhaupt zuwege bringen konnte. Der reizenden Delinquentin sah man's an, daß Zorn und Thränen in ihr kämpften. Prinzeß Alexandra sah bekümmert aus, Frau Ruß rang nach Atem, und Falkner stand da wie einer, der den drohenden Sturm gefaßt erwartet. Die Unbefangenen waren Keppler und Graf Schinga – unbefangener und ganz gelassen schien Dolores, als ginge der Sturm im Wasserglase sie gar nichts an. Und wirklich hatte die Scene draußen sie nicht in dem Maße überrascht, als die anderen – sie war ja die Vertraute der kleinen Prinzeß –
»Sie wird weinen, er wird sich in Stolz hüllen, und dann wächst Gras über die ganze alberne Sache,« dachte sie, nicht ohne Bitterkeit.
Und dabei ahnte sie nicht einmal, was diese Selbstbeherrschung ihr wert war. Denn Doktor Ruß beobachtete scharf, und hätte er ein Zucken in ihren schönen Zügen entdeckt, einen verräterischen Blick erhascht – – was alles hängt nicht im Leben oft an einem »wenn!« Und als Gräfin Schinga ihre leidenschaftliche Rhapsodie geschlossen, da sang Dolores einige Lieder mit fester, klarer Stimme, und als ihre Gäste dann die Heimkehr antraten, nahm sie Abschied von ihnen, als sei niemals etwas geschehen, was die Harmonie des heutigen Abends stören konnte.
»Das war ein interessanter Abend,« sagte Doktor Ruß, als er Dolores gute Nacht wünschte.
»Ach ja – die Herrschaften sind wirklich sehr angenehme Nachbarn,« erwiderte sie, ohne den doppelten Sinn verstehen zu wollen.
»Schade nur, daß das blonde Prinzeßchen ihre romantische Idee, nachts die Gruft zu besuchen, so schwer büßen mußte,« setzte er lächelnd hinzu. »Aber wer weiß, wozu es gut war, daß sie ihr Herzensgeheimnis dabei verriet,« meinte er sinnend. »Es wird wohl einen Sturm geben, drüben in Monrepos, aber nach Stürmen pflegt die Sonne gemeiniglich viel heller zu scheinen.«