»Man muß es hoffen,« entgegnete Dolores.

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Zu einem richtigen Sturm kam es aber in Monrepos doch nicht, kaum daß ein Donnerwetter die nötige Luftreinigung besorgte. Der Herzog hatte am selben Abend noch eine längere Unterredung mit seinen beiden ältesten Kindern und darauf eine bedeutend kürzere mit Falkner, der abermals hier alle Schuld auf sich selbst lud und die Neigung der Prinzeß für sich selbst also in ein ideales Licht stellte.

Und die dem Idealen stets so geistig nahe Prinzeß Alexandra brachte ihrer Überzeugung und ihrer an das Erhabene streifenden Schwesterliebe ihre hohen Ideen vom Fürstenberuf zum Opfer und ward die Fürsprecherin einer Verbindung, welche der Erbprinz aus Prinzip, der Herzog aber in dem vagen Gefühl bekämpfte, daß es seine Pflicht sei, eine Mesalliance zu verhindern. Daß Falkner keinen Reichtum zu bieten hatte, machte ihm nicht die größten Sorgen.

»Seine Kinder sind versorgt, die erben den Falkenhof,« meinte er. »Und Gott sei Dank, ich hab's ja, um meine Tochter ihr Leben lang ganz passabel glänzend zu stellen.«

Prinzeß Alexandra aber siegte mit ihren Argumenten. Sie zeichnete dem Vater rückhaltlos den Charakter ihrer Schwester mit all' seinen Schwächen, sie stellte ihm all' die Gefahren vor, welchen ein solcher Charakter ausgesetzt ist, Gefahren, die eine Konvenienzehe geradezu beschwört, und die nur eine Herzensneigung abwenden kann. Und als der Herzog immer noch ablehnend sich verhielt, da wagte sie das letzte, das stärkste.

»Papa, denke an unsere Mutter, und wie sehr Lolo ihr in allem und jedem gleicht,« sagte sie leise und mit glühenden Wangen.

Da senkte der alte Herzog traurig sein graues Haupt, und die vergangene schwere Zeit, da die hochselige Herzogin ohne Liebe seine Gemahlin wurde, und ihr heißes Herz erwacht war, diese Zeit kam mit Gewalt zu ihm zurück. Aber er wußte auch, was es seiner Tochter kosten mußte, um ein Bild herauf zu beschwören, das er und seine Kinder mit dem Schleier der Vergebung und der Pietät verhüllt hatten, und er begriff jetzt ihre Herzensangst um das Wesen, dem sie mehr als eine Schwester, dem sie eine Mutter gewesen war. Sie hatte die wilden Triebe in der jungen Seele nicht ganz ausrotten können, sie wußte, daß sie eines Tages emporschießen würden, und hoffte, daß die Liebe allein mit starker Hand und ohne Schmerz zurückhalten würde, was ohne ihren Sonnenglanz nicht zu gedeihen vermag.

Und so kam es, daß Falkner nach Mitternacht sich zur Ruhe begab als verlobter Bräutigam und als anerkannter künftiger Schwiegersohn des Herzogs von Nordland. Der Wahrheit die Ehre zu geben, er fühlte sich in beiden Eigenschaften gehoben, denn einmal that ihm die rückhaltlos offenbarte Liebe des reizenden Fürstenkindes wohl, und dann schmeichelte ihm der Gedanke, einem regierenden Hause so nahe zu treten.

Drüben im Falkenhof war alles still und umfangen vom nächtlichen Frieden, und wirklich schlief die junge Lehnsherrin einen erquickenden Schlaf, unbehelligt durch schwere Träume, während Doktor Ruß seinerseits sich leise erhoben hatte, als seine furchtbar von den Ereignissen des Abends aufgeregte Gattin endlich zur Ruhe gekommen war, ahnungslos über das, was sich drüben »bei Hofe« indes vollzog. Rastlos und leise, als schritte er auf Gummisohlen, ging er im Wohnzimmer auf und nieder und dachte, dachte, dachte, bis das erste Flimmern des jungen Tages durch die Ritzen der geschlossenen Vorhänge drang – da erst legte er sich nieder und stand ein paar Stunden später mit der Miene eines Mannes auf, der die ganze Nacht wie ein Heiliger geschlafen, und als er, nach seinem kalten Bade frisch und bis zum Tüpfelchen auf dem i jeder Zoll ein gutgekleideter Gentleman, seine Gattin am Frühstückstisch fand, da hätte diese sicher am letzten geahnt, daß er die ganze, liebe, lange Nacht hindurch nicht nur nicht geschlafen, sondern anstrengend gedacht hatte.