Ramo hatte inzwischen die Jalousien des Salons, wo Dolores ihren Gast empfangen hatte, emporgezogen, denn die Sonne lag nicht mehr darauf, aber er hatte die Fenster trotzdem noch geschlossen.

»O Ramo, die Fenster auf!« rief Dolores, als er eben noch die Salonthür schloß.

»Es ist noch zu heiß draußen, Herrin,« murmelte er in seinem leisen, wohlerzogenen Kammerdienertone und setzte noch leiser spanisch hinzu: »Man versteht unten auf der Terrasse jedes hier gesprochene Wort bei offenen Fenstern.«

Und damit glitt er leise aus dem Salon und schloß sogar die Thür zum Turmzimmer hinter sich.

Dolores fühlte sich entschieden intriguiert. Zwar mochte sie Angelegenheiten von Wichtigkeit auch nicht mehr im Turmzimmer besprechen, seit sie das Geheimnis des Kamins kannte, durch welches die Passage freilich abgeschnitten war, hinter dessen Wand man aber im Nordflügel jedes im Turmzimmer gesprochene Wort vernehmen konnte. Denn selbst der findige Ramo hatte nicht entdecken können, wie der Inhaber der gefundenen Fußspuren in dieses Zimmer hinein gelangt war. Aber Ramo kannte auch die unausgesprochenen Wünsche seiner Herrin – er wußte, daß das Turmzimmer ihr nicht eher wieder lieb werden konnte, ehe es nebenan nicht sicher war, und da er selbst ein leises Unbehagen empfand bei dem Gedanken, daß es dicht neben den Wohnräumen dieser geliebten Herrin einen geheimnisvollen Schlupfwinkel gab für unbekannte Schleicher, daß die Wände dieses Zimmers sozusagen Ohren hatten, so schnitt er diesen lieber ab, was der Erbprinz zu sagen hatte.

Dieser und Dolores nahmen im Salon indes einander gegenüber Platz.

»Also nun zu den Staatsgeheimnissen,« meinte sie, ersichtlich gespannt. »Nach dem zu dieser Unterredung nötigen Apparate bin ich doch wohl berechtigt, etwas ganz Außergewöhnliches zu erwarten und zu hören!«

»Und doch erraten Sie gewiß nicht, daß von Ihnen in dieser Stunde das Bestehen oder Aufhören eines Staates abhängt,« erwiderte der Erbprinz mit jenem Lächeln, das auch Ernst bedeuten kann.

»Von mir?« fragte Dolores erstaunt. Aber dann lachte sie. »O Hoheit, die Hundstage und die Sauregurkenzeit, wo man vergebens nach Enten sucht, um die Zeitungen zu füllen und die Konversation zu beleben – die sind doch noch nicht da, und vor denen brauchen Sie sich doch nicht zu fürchten!«

»Das ist sehr freundlich bemerkt, aber mir lag wirklich jeder Scherz fern,« versicherte der Erbprinz. »Also darf ich mein Staatsgeheimnis erzählen? Und werden Sie mich geduldig anhören, bis ich zu Ende damit bin?«