Entsetzt, aber ohne einen Moment zu verlieren, kehrte er im raschesten Laufe zurück, und wie er das Hexenloch erreichte, sah er sie wieder emportauchen in ihrem Kleide, gehoben von den, der Sage nach unergründlich tiefen Fluten, kämpfend, ringend mit dem nahen Tode.

Und er rang mit dem Allbesieger um dies junge Leben, lautlos in der tiefen Dämmerung suchte er dem Strudel, dessen Wirbeln und Gurgeln dem Hexenloche die einzige Bewegung gab, sein Opfer zu entreißen, und obwohl ein tüchtiger Schwimmer, mußte er doch hart und verzweifelt kämpfen, um sich mit seiner Last, die, sich an seinen Hals klammernd, jetzt das Bewußtsein verlor, aus dem verderblichen Wirbel herauszuarbeiten. Aber er siegte, trotz aller Schwierigkeiten, über den Tod, der seine Runen schon in das blasse, schöne Gesicht seines Opfers gezeichnet hatte, und atemlos, erschöpft fast, stieg er endlich ans Ufer und legte Dolores sanft auf den grünen Rasen. Im ersten Augenblick, als er nur undeutlich ihre Züge in dem schwachen, verglimmenden Lichte unter den hohen Bäumen unterscheiden konnte, und vergeblich auf einen Atemzug lauschte, da glaubte er sie tot, und ein wilder, unsäglicher Schmerz ergriff ihn, daß er ihren leblosen Körper wieder emporrichtete, an seine Brust ihr todblasses Haupt legte und ihre kalten Lippen küßte, als könnte er ihr mit seinem Atem wieder das entflohene Leben einhauchen. Und da that sie einen tiefen, tiefen Atemzug und schlug die Augen auf.

»O, du hast mich gerettet?!« murmelte sie matt, wie schlafbefangen. Doch nun ließ er sie nicht ruhen. Er rieb ihre kalten Hände, und strich ihr das nasse Haar aus der Stirn, und richtete sie endlich völlig empor.

»Fühlst du dich stark genug, nach dem Falkenhof zu gehen?« fragte er liebevoll, »sonst mußt du hier bleiben, bis ich Leute hole, die dich ins Haus tragen helfen, denn es ist ein weiter Weg für dich!«

»Nein, nein, nicht hierbleiben,« erwiderte sie, mit leisem Schauer hinüberblickend nach dem Hexenloch, das wieder ruhig und unbewegt dalag, als hätte ein Mensch nicht eben noch in ihm um sein Leben gekämpft und gerungen. »Ich bin ganz stark und erholt und kann sehr gut gehen –«

Aber es ging doch noch ein wenig schwach und matt, woran die nassen Kleider viel schuld hatten, die Nervenerschütterung und die Erschöpfung aber noch mehr. Falkner stützte und trug sie halb, und so gingen sie langsam auf dem kürzesten Wege nach dem Falkenhofe zurück, und wenn sie, blasser und blasser werdend, einhielt im Gehen, da legte er sanft ihren Kopf an seine Schulter und strich ihr ebenso sanft über Stirn und Haar.

»Warum bin ich nicht lieber gestorben?« fragte sie einmal und faltete die Hände.

»Es hing an einem Haare!« erwiderte er ernst. »Aber es scheint, du sollst noch leben!«

Und langsam weiterschreitend, fragte er sie, wie es gekommen, denn im ersten jähen Schrecken hatte er geglaubt, sie habe selbst den Tod gesucht.

»O nein,« erwiderte sie stolz, »Selbstmord ist eine Feigheit, und ich habe sogar den Mut zum Leben.«