In dieser Zeit war Lolo Falkner nicht viel daheim. Sie fuhr oder ritt hinaus zum Exerzieren und Manövrieren ins Terrain, dann kam die Mittagstafel mit den Herren, welche auf Monrepos im Quartier lagen, worauf sich dann meist noch die Herren aus den anderen Kantonnements zusammenfanden, besonders von Arnsdorf her, wo die Quartiere schlecht, die Verpflegung noch schlechter war, wenn auch liebenswürdig und gern gegeben. Da hiervon ein junger Leutnantsmagen aber leider nicht satt wird, ebensowenig wie ein älterer Rittmeistermagen, so kam man meist nach Monrepos herüber, wo die kleine reizende Frau von Falkner jeden ganz kameradschaftlich begrüßte und in dem heiteren Herrenkreise übersprudelte von Lustigkeit und Lebenslust.

Das war eine tolle Wirtschaft,

Kriegsvölker und Landesplag' –

Und auch in deinem Herzchen

Viel Einquartierung lag

singt Heine in seinem Liede von den »blauen Husaren.« Und Falkner konnte sich's nicht verhehlen, daß viel Einquartierung in dem Herzen seiner Frau lag, welche in dieser »wilden Wirtschaft« für ihn höchstens hin und wieder ein flüchtiges Wort oder einen zerstreuten Gruß hatte. Aber daß es »viel« Einquartierung war, das beruhigte ihn und ließ ihm die Sache harmlos erscheinen, wenngleich es ihn mit Besorgnis erfüllte, nicht für jetzt, aber für später. Denn Lolo kokettierte unbedingt, dafür gab es keine Beschönigung, und wenn er freundlich mit ihr sprechen wollte und sie ermahnen, vorsichtiger zu sein, da hatte sie entweder »keine Zeit« oder sie war so »entsetzlich müde,« daß sie für ihn ebenso gut oder noch besser hätte in Haparanda wohnen können, denn dort hätte sie doch wenigstens ein Brief von ihm erreicht, während er hier nicht einmal mit ihr sprechen konnte. Und als er sie einmal zwang, ihn anzuhören, und er ihr ernstlich den freien Ton, das Kokettieren, den ungebundenen Verkehr verwies, da lachte sie ihm ins Gesicht und nannte ihn einen Philister, doch als er ihr die vornehme, ruhige und würdevolle Art und Weise vorstellte, mit der Dolores ihre Einquartierung empfangen hatte und mit ihr verkehrte, da flammte sie plötzlich auf in heller Eifersucht und verbat sich einen Vergleich mit der »Komödiantin« und trieb es nur noch toller wie bisher. Falkner mußte sich gestehen, daß der Charakter der »Satanella,« dem er so unsympathisch gegenüber gestanden hatte, sich nun in seiner Frau entwickelte und unter seinen Augen wuchs, ohne daß er ihm steuern konnte. So stand er unter diesem lauten, lustigen Treiben in seinem Hause allzeit auf dem Posten als liebenswürdiger und aufmerksamer Wirt, aber ernst und unbefriedigt im Herzen die drohende Frage: Was soll das werden? So standen die Dinge in Monrepos, so begann Falkners junge vielbesprochene Ehe.

***

Im Falkenhof war Dolores nach den Hochzeiten der Prinzessinnen wieder eingezogen. Der schöne Besitz war ihr so lieb, so traut, aber sie hätte ihn trotzdem gerne bald verlassen wegen Falkners Nähe und hielt sich doch durch ihre dem Rußschen Ehepaare gegebene Zusicherung, bis zum Herbst zu bleiben, für gebunden durch die Bande der Gastfreundschaft und der Rücksicht auf Falkners Mutter, in welcher sie ihn mit feinem Takt zu ehren gedachte. Daß er sich mit seiner Frau nur in den seltensten Fällen im Falkenhofe sehen ließ, dankte sie ihm von Herzen und verstand es voll und ganz, und so lebte sie hin in der schönen Einsamkeit dieser Sommertage, ganz versenkt in ihre Musikstudien, in ihre Träumereien, welche ihr manch stimmungsvolles Lied, manche wehmütige Weise in den Griffel diktierten. Und da sie ihre Gastfreundschaft nach englischem Muster übte, das heißt ihren Gästen die persönliche Freiheit gewährte und sie nicht in ein geselliges Joch spannte, so war sie am Tage meistens allein und nur zur Dinerzeit mit Doktor Ruß und seiner Frau zusammen. Die beginnende Manöverzeit überraschte sie und störte sie widerwillig auf aus ihrer Zurückgezogenheit, denn sie hatte gar nicht daran gedacht, daß sie Einquartierung bekommen könnte, ungewohnt dieses Zustandes des »Kriegs im Frieden,« den sie im Auslande nicht kennen gelernt hatte. Und als zum erstenmal ein Quartiermacher vor ihr stand, seinen Zettel in der Hand, verstaubt, hungrig und wild aussehend, da bedauerte sie schmerzlich, daß sie nicht dennoch fortgereist war. Aber die Bildung des deutschen Offiziers und die Bescheidenheit und Gutmütigkeit der Leute machten ihr die gefürchtete Sache doch leichter, als sie gedacht hatte. Sie nahm die ungebetenen Gäste mit allem Komfort auf, erschien selbst als Wirtin präsidierend an der allgemeinen Mittagstafel, plauderte wohl noch ein Stündchen mit auf der Terrasse und zog sich dann zurück, es den Herren völlig freistellend, zu bleiben oder ihre eigenen Zimmer aufzusuchen.

Als dann die Husaren auf drei Wochen eingezogen und der Stab, sowie die Offiziere von drei Schwadronen in den Falkenhof gelegt wurden, da ward es fast noch gemütlicher als bei dem ewigen Kommen und Gehen, und sie saß wohl abends nach dem Diner noch ein wenig länger mit Herrn und Frau Ruß in dem angenehmen Kreise der verheirateten Offiziere, während die Junggesellen nach dem »Gesegnete Mahlzeit« meist hinübergingen nach Monrepos, nachdem sie entdeckt, daß Dolores ein Bild ohne Gnade sei und mit einem Kokettieren pour passer le temps hier nicht zu reüssieren war. Wohl entflammten sich ein paar leicht entzündliche Herzen an ihrer unleugbaren Schönheit, aber es wurde von ihrer Seite auf diese Herzensflammen so gar kein Öl gegossen, worauf das Strohfeuer knisternd erlosch und sich drüben in Monrepos neu entzündete. Und es kamen auch Söhne des Mars, welchen die Manichäer hart auf den Sohlen saßen und welche Dolores für eine »verflucht gute Partie« erklärten und besiegen wollten, aber leider merkte sie die Absicht und wurde verstimmt, und als wirklich jemand ein ernstes Werben um sie zeigte, da war die Manöverzeit fast vorüber und Dolores mußte schweren Herzens einen Korb flechten und ihn vergolden, so gut es ging, trotzdem ihr sein Empfänger leid that und ganz leidlich gefiel. Aber aus Mitleid ist nicht gut heiraten und das bloße Ganz-gut-gefallen thut's auch noch nicht.

Jedenfalls aber hätte selbst die böseste Zunge dieser jungen Schloßherrin in ihrem Benehmen gegen die Einquartierung auf dem Falkenhofe nicht den leisesten Vorwurf machen können.