Denn eine Würde, eine Hoheit

Entfernte die Vertraulichkeit.

Mit Doktor Ruß stand sie nach wie vor auf einem angenehmen Konversationsfuße und sie warf es Engels oft vor, daß er den belesenen, klugen Mann falsch beurteile, denn was dieser ihm nachsagte – Eigennutz und Falschheit – das glaubte sie ganz und gar nicht in ihm zu finden, je näher sie ihn kennen lernte, obgleich ihr manchmal der Gedanke kam: »Meint er es ehrlich?« – Doch sie glaubte diese Frage nicht verneinen zu dürfen – hatte er ihr doch noch keinen Beweis vom Gegenteil gegeben! Dagegen war sie überzeugt, daß Frau Ruß es nicht gut mit ihr meine. An die kurze, absprechende Art derselben hätte sie sich mit der Zeit gewöhnt, aber der kalte, musternde, scharfe Blick dieser hellen Fischaugen, welchen sie oft auf sich ruhen fühlte, verursachte ihr ein Unbehagen, das sie sich gar nicht erklären konnte, dessen Vorempfindung schon so stark in ihr war, daß sie sich oft unter einem Vorwande der Gesellschaft dieser unliebenswürdigen und seltsamen Frau entzog und es gar nicht mehr versuchte, Zuneigung zu erringen. Ihr erschien es eine Sisyphusarbeit, das Vertrauen der Frau Ruß zu gewinnen, denn jedes freundliche und entgegenkommende Wort prallte ab an dem schroffen Felsen dieses unzugänglichen Frauenherzens.

Dieses Zurückweisen ihrer selbst betrübte Dolores mehr, als es sie verletzte, denn Frau Ruß war ihr nicht sympathisch, aber sie hätte ihr gern Liebe erwiesen um ihres Sohnes willen. Mehr noch aber als das verursachten ihr die Nachrichten aus Monrepos thatsächlich Qual, denn die Berichte von dem rastlos tollen Treiben der jungen Frau, und ein gelegentlich aufgefangener müder, doch angstvoller und dann wieder drohender Blick Falkners erzählten ihr von einem traurigen Beginn dieser Ehe, die nichts Gutes verhieß. – –

Es war am Tage vor dem Einrücken der Husaren im Falkenhof. Dolores war am Nachmittage bei Engels in dessen Turmwohnung erschienen, nach langer Zeit zum erstenmal wieder, stürmisch begrüßt vom Teckel Knieper und der Katze Ida.

»Daraus sieht man, wie lange Sie nicht hier waren,« meinte Engels, als Knieper sein Freudengebell etwas gemäßigt und Ida sich auf dem Schoß von Dolores niedergelassen hatte.

»Ja, ja, Sie haben ganz recht mit Ihrem Vorwurf,« erwiderte sie, »aber es ist so manches andere auch noch anders geworden.« – Und sie seufzte.

»Das weiß der Kuckuck!« bestätigte Engels. »Besonders Sie selbst sind anders geworden.«

»Hoffentlich zum besseren,« sagte sie mit schwachem Lächeln.

»Kommt auf die Anschauung an,« meinte Engels. »Mir waren Sie früher lieber – sprühend vor Lebenslust und Laune, die ganze liebe, warme, leuchtende Gottessonne im Herzen, im Blick – – das bißchen ›Teufelin,‹ das Sie darein mischten, kleidete Ihnen gut, sehr gut. Heut' – du lieber Gott! Heut' sind Sie eine Frau, der das Leben irgend etwas Schweres angethan zu haben scheint, und was von Ihrem alten, sonnigen Wesen geblieben ist, das leuchtet nur noch schwach, wie die Abendsonne. Was ist Ihnen eingefallen, daß Sie vom Morgenrot zur Abendsonne übergesprungen sind? Es giebt im Leben doch auch noch einen Mittag und einen Nachmittag! Da haben Sie die Wahrheit!« –