»Eben darum frage ich,« erwiderte Dolores gelassen.

»Hm –! Soviel ich weiß, war diese Kugelmarke nicht in dem Briefe. Die müßte ich ja gesehen haben, nicht wahr? Merkwürdig kleines Kaliber – wie aus einer Teschinpistole.«

»Ja,« sagte Dolores lakonisch, und als sie Engels' fragenden Blick sah, zuckte sie mit den Achseln. »Vielleicht wieder ein Selbstmordversuch von mir,« meinte sie mit einem kurzen Lachen, das etwas forciert war.

»Donnerwetter!« machte Engels.

»Nein, bitte, kein Wort davon,« bat sie. »Das bleibt unter uns. Aber die Augen wollen wir beide offen halten, nicht wahr?«

Und damit ging sie wieder, furchtlos und langsam, denselben Weg nach dem Falkenhof zurück und direkt bis in ihr Schlafzimmer. Dort zog sie das Schubfach ihres Nachttisches auf – da lag die winzige, kleine Teschinpistole, wie immer, daneben stand das Blechbüchschen mit den Patronen. Sie hatte die Gewohnheit, die kleine Waffe allabendlich zu laden und früh die Patrone wieder herauszuziehen – auch jetzt war der Schuß herausgezogen.

»Ich muß doch die Patronen einmal zählen,« dachte sie. Es waren noch dreißig Stück in der Büchse, und die schloß sie fort.

Die nächste Stunde ihres Nachdenkens war nicht gerade erbaulich. Sie dachte zwar nicht an die für sie rätselhafte Episode am Hexentümpel, wohl aber an den rätselhaften Schuß, der sein Ziel wahrscheinlich verfehlt hatte, denn wer hätte die kühne Idee, einen Brief zu durchschießen, der gerade gelesen wurde? Höchstens doch ein Kunstschütze von der Fertigkeit eines Ira Aldridge. Nein, der Schuß galt ihr. Aber warum? Wem hatte sie etwas gethan? Wer hatte ein Interesse daran, sie zu töten?

Sie dachte an einen ihrer brasilianischen Vögte, den sie neulich auf den Bericht ihres Bevollmächtigten, und weil er sie bewiesenermaßen bestohlen, entlassen hatte. Sollte der Mann sich haben rächen wollen? Unmöglich war das nicht, aber wie wäre er von Brasilien nach Norddeutschland gekommen? Das ist ein weiter Weg, und ehe er zurückgelegt ist, wozu Zeit und – Mittel gehörten, da ist die erste Wut schon abgekühlt. Aber es war der einzige Anhaltepunkt für sie, und als sie beim besten Willen keinen anderen fand und der Kopf sie anfing zu schmerzen, da ging sie herab und fand auf der Terrasse die sie suchte – Doktor Ruß mit Frau. Denen erzählte sie die Geschichte dieses Schusses, und Doktor Ruß riet sofort einen Kriminalkommissar kommen zu lassen, der im Falkenhofe Wohnung zu nehmen hätte, um dem geheimnisvollen Schützen auf die Spur zu kommen. Doch davon wollte Dolores nichts wissen. Sie teilte Doktor Ruß ihren Verdacht mit und meinte, es würde wohl auch durch Ramo zu erfahren sein, ob ein Fremder sich hier herumtriebe, denn irgend jemand müsse ihn doch sehen, da ein Mensch Nahrung brauche und dieselbe wieder nur durch Menschen zu erlangen sei.

Doktor Ruß billigte im ganzen den Plan, Ramo auf die Spur des Attentäters zu hetzen, hielt aber seine Idee für erfolgreicher. Frau Ruß sagte, wie gewöhnlich, nichts, doch bemerkte Dolores, daß sie ihr Strickzeug ruhen ließ und die großen, hellen, kalten Augen, welche durch eine merkwürdig kleine Pupille und durch eine sehr große Iris etwas seltsam Steinernes hatten, fest auf ihren Gatten heftete und denselben unausgesetzt ansah, trotzdem es schon zu dämmern anfing.