»Sie sucht in seinem Gesicht zu lesen, was sie von der Sache denken darf und was nicht,« sagte sich Dolores und war froh, daß diese schrecklichen Augen nicht auf sie starrten – unausgesetzt starrten, ohne daß ihre Wimpern gezuckt hätten. Doch auch dem Doktor Ruß, der es anfangs nicht zu bemerken schien, wurde dies Anstarren zu viel.
»Es ist feucht, mein Liebling,« flötete er, sich plötzlich zu seiner Frau wendend. »Ich fürchte für deinen Rheumatismus. ›Refma‹ nennt unser guter Graf Schinga dieses Übel,« wandte er sich lächelnd an Dolores.
»Ich habe keinen Rheumatismus,« sagte Frau Ruß, ohne ihrem Blicke eine andere Richtung zu geben.
»Dennoch würde ich dir raten, hineinzugehen, damit du ihn nicht bekömmst,« schlug Doktor Ruß liebevollen Tones vor, und da seine Frau noch zögerte, sagte er etwas scharf: »Nun, meine Teure?«
Da begann sie gehorsam ihren Strickstrumpf zusammenzurollen, ohne die Augen von ihm abzuwenden, doch ehe sie noch fertig damit war, erscholl unten eine helle, frische Stimme. Es war Lolo Falkner.
»Salem aleikum!« rief sie, die Treppen hinaufspringend. »Ich komme, mir eine Tasse Thee und ein Butterbrot ausbitten, Dolores, denn ich habe einen Mordshunger. Wir haben heut' früher diniert, weil unsere Herren von der Artillerie abrücken mußten – na, die vertragen schweres Geschütz vom alten Rheinwein! Dann, wie sie weg waren, habe ich geschlafen und nun bin ich hergelaufen, weil mir so furchtbar einsam war. Darf ich bleiben?«
»Aber ich bitte darum,« sagte Dolores, die vorher den beiden noch zuflüsterte: »Bitte, nichts von dem Schuß sagen!«
Lolo reichte ihr und Doktor Ruß die Hand, that, als ob sie die ihrer Schwiegermutter küßte, und setzte sich, den Hut fortwerfend.
»Wo ist denn dein Mann?« fragte Frau Ruß, welche nun ruhig sitzen blieb.
»Alfred? Ich weiß nicht – er wird wohl zu Hause sein,« meinte Lolo unbefangen.