Wenn Deine Augen nicht wollen, ist das ein zwingender Grund; aber, abgesehen von Deiner Gesundheit, versage mir nicht Dein Herz, dessen Liebe Deine Briefe mir bringen.
Den 14. November, zweiter Brief.
Treue, geliebte Mutter!
Jetzt sind wir wieder in unserm gewohnten Quartier und mein Herz ist ganz erfüllt von Gedanken, die Dir zustreben. Ich kann Dir nicht alles
sagen, woran ich stündlich denke in dem Wunsche, mit Dir die mannigfaltigen Freuden zu teilen, die inmitten unseres eintönigen Daseins uns durch die Finger gleiten, wie Perlen von einem zerrissenen Faden auf den Sand fallen.
Ich möchte mit Dir aussprechen können, wie schön diese Wolke ist, welchen ernsten Eindruck diese Ebene auf uns macht, der Poesie des Windes lauschen, der über die Berge uns zuweht, wie während unseres Spazierganges in Boulogne. Und wenn wir dann hier sind, erlauben mir so manche prosaische Beschäftigungen nicht, mit Dir zu reden, wie ich fühle.
Deswegen habe ich Dir auch mein Paket geschickt mit meinem Tagebuch vom 18. August bis zum 20. Oktober.[7)] Diese Aufzeichnungen wurden zu einer Zeit gemacht, wo unsere Tornister weniger beladen waren und leichter sich öffneten, wo ich in der Seelenruhe der Tage im Schützengraben, wenn die Gefahr das Geschwätz aufhob, meine Seele ungehindert schwingen ließ. Seitdem habe ich die viel stärkere, weite, volle Freude entdeckt, Dir zu schreiben. Für mich wurde diese neue Zeit ein Paradies. Aber ich liebe das Leben im Quartier nicht, weil die Bequemlichkeit und die Sicherheit die Seelenkräfte entspannen und einen Wirrwar erzeugen, unter dem ich leide.
Du kennst das Bedürfnis, mich zu sammeln und allein zu sein, das ich immer hatte. Übrigens habe ich sehr gute Freunde und die Offiziere sind sehr freundlich. Und dann braucht es nur etwas Geduld, einige Augenblicke, in denen mein Gedanke Dir zugewandt ist, um mich glücklich zu machen. Wie war diese erste Hälfte November gnädig! Ich habe nicht ein einziges Mal unter der Kälte gelitten. Und wie viel Schönheiten! Der Allerheiligentag war ein langer Lobgesang, von der klaren Mondnacht über dem dunkeln Bernstein der herbstlichen Bäume an bis zur zarten Melodie der Dämmerung. Der endlose, rosige Traum der verschleierten Ebene, die sich an die fernen Hügel anlehnt. . . . Welch feierlicher Lobgesang! Und manche Tage seitdem singen den Ruhm Gottes! Coeli enarrant. . . . Das war das Geschenk dieser Zeiten.
Den 15. November, 7 Uhr.
Gestern gab mir das stürmische und aus der Sicherheit des Quartiers beobachtete prächtige Wetter zu Befürchtungen Anlaß für unsern Abmarsch heute nacht; doch als ich erwachte, war der klarste, funkelndste Himmel, den man sich vorstellen kann! Wie dankbar war ich!