Vom 12. November, 15 Uhr.
. . . Heute haben wir einen Übungsmarsch gemacht, so angenehm wie der erste, in einem Wetter von wunderbarer Schönheit. Wir sahen in Blau und Rosa die fernen Ketten der Hügel von Metz, die weite, von Dörfern besäte Ebene, von denen einige einen morgendlichen Sonnenstrahl auffingen, während man die andern mehr ahnte als sah.
Wir führen ein Dasein, das in großen Zügen
so aussieht: drei Tage bleiben wir in der Nähe des Feindes und leben in ganz gut gebauten Verdecken, die wir täglich verbessern, dann bleiben wir wieder drei Tage weiter hinten und schließlich drei Tage im Quartier in einem nahen Dorfe, gewöhnlich in demselben. So kommen wir dazu, Gewohnheiten anzunehmen, zwar recht vorübergehende, aber immerhin kommen wir in Berührung mit der übrigens schwer geprüften Zivilbevölkerung. — Die Wollkleider sind unschätzbar und unübertrefflich. . . .
. . . Wir haben es mit guten Seelen zu tun. Besonders die liebe Frau, bei der ich Dir schreibe und zu der ich schon das letzte Mal gekommen bin, plagt und müht sich zu Tod ab, um uns etwas von dem zu geben, was an das Heim erinnert. Aber, liebe Mutter, was mich an das Heim erinnert, das trage ich im Herzen. Aus Tellern essen und auf einem Stuhle sitzen, das ist nichts, was zählt. Deine Liebe ist’s, die ich so nahe fühle. . . .
Den 14. November.
Seit dem 12., um acht und ein halb Uhr abends wurden wir herumgeschleppt mit der Aussicht, an einem gewaltsamen Vorgehen teilzunehmen. Wir sind nachts fort, und in diesem Frieden der Natur klärten sich meine Gedanken ein wenig ab nach zwei Tagen Einquartierung, während welcher das
Körperliche immer etwas überhand nimmt. Wir gingen zur Verstärkung vor, voll in das Unbekannte hinein. Wir haben die Anordnungen, die zu treffen waren, in einer Scheune abgewartet, wo wir von elf bis vier Uhr auf dem Holzboden lagen. Dann gings in die Wälder, die Felder, die der Tag durch graue, rote, violette Wolken hindurch allmählich beleuchtete in der romantischsten und ergreifendsten Stimmung, die man sich denken kann. Im vollen lieblichen Morgen erfuhren wir, daß die Truppen, die uns vorausmarschierten, dem Feinde außerordentliche Verluste zugefügt hatten und sogar einen sehr leichten Vorteil erreicht hatten. Wir haben also unsern gewohnten Standort wieder bezogen und ich bin wieder hier und genieße die Pracht der französischen Landschaft, die so ergreifend schön ist in dem grauen, stürmischen, leidenschaftlichen November, mit Sonnenstrahlen, die in farbigen Flecken über den endlosen Horizont wie hingeworfen sind. Liebe Mutter, wie schön ist das, diese weite, ernste Landschaft, in der alles edel und wohl abgewogen ist und Einzelheiten sich fein abheben! — Eine mit Bäumen eingefaßte Straße, die bis zur Grenze sich schnurgerade hinzieht, Hügel, die vor den duftigen Linien liegen, in denen man die deutschen Vogesen zu erkennen glaubt. Das ist der Rahmen und dazu kommt etwas Besseres als der Rahmen: es gibt eine Melodie von Beethoven und ein Stück von Liszt, die lauten:
„Segnung Gottes in der Einsamkeit“.[5)] Wir haben allerdings keine Einsamkeit, wenn Du aber die Gedichte von Albert Samain[6)] durchblätterst, wirst Du ein Motto aus Villiers de l’Isle-Adam finden: „Wisse, daß es auf Erden immer eine Einsamkeit gibt für diejenigen, die ihrer würdig sind.“ Jene Einsamkeit der Seele, die alles vergessen kann, was nicht mit ihr mitschwingt. . . .
Ich habe zwei Briefe von Dir erhalten vom 6. und 7. Vielleicht werde ich diesen Abend noch einen haben. Ja, wir wollen unsern Mut nicht darin setzen, daß wir von einander keine Briefe erwarten. Die Briefe sind unser Leben, sie teilen uns unsere Freuden mit, unser Glück, die Fülle des Genusses, den uns in reichem Maße das Schauspiel der Natur und dieser Zeit schenkt.