Den 10. November, 11 Uhr.

Teuerste Mutter!

Was soll ich Dir vom heutigen Tag erzählen! eintönig im Nebel. Beschäftigungen, die nicht stumpfsinnig an sich sind, es aber durch die geistlose Umgebung werden. Ich ziehe mich in mein Innerstes

zurück. Gestern schrieb ich Dir einen langen Brief, in dem ich Dir unter anderem sagte, wie teuer mir Deine Briefe sind. Du siehst also, daß ich mich etwas langweilte als ich das Papier zur Hand nahm; nun aber, da ich mit Dir bin, bin ich froh und denke sofort an die Freuden, die dieser Tag mir gebracht hat.

Heute morgen hat mich der Leutnant beim Kommandoposten Eisendraht holen lassen, in einem verwüsteten Dorfe, um das herum wir seit Wochen liegen. Ich bin durch die Obstgärten hinabgestiegen, die voll waren von den letzten abgefallenen Pflaumen. Einige Soldaten lasen sie sorglos auf und sammelten sie in Körben. Liebliches Bild, ganz ländlich und idyllisch, trotz der roten Hosen, die übrigens sehr abgeschossen sind nach drei Monaten Felddienst. Ich freue mich der Freundschaft von Ch. R. . . Er ist ein Mensch, der in allen Teilen mit mir übereinstimmt. Ich bin daher überzeugt, daß er es mir nicht übelnehmen wird, wenn ich nicht schreibe, besonders wenn Du seine Frau meiner Freundschaft versicherst.

Der kleine Dienst, der mir anvertraut worden ist, zwingt mich von Anbruch der Nacht bis 9 Uhr zu gehen, dann aber habe ich mitunter Gelegenheit in einer Deckung oder einer Scheune zu schlafen, statt nachts in den Schützengraben zurückzukehren.

Ich habe nicht mehr die angenehmen Leseabende zu Hause; wenn wir aber manchmal im Schützengraben, S. . . . und ich, nebeneinander liegen, kannst

Du Dir nicht vorstellen, welche Traumbilder wir wachrufen und welche Freude uns die alten Erinnerungen bringen, die wir aufrühren. O! unter welchen Märchenhimmel reißen uns die Naturwissenschaften und die Neugierde des Intellektes und welches Vergnügen bereiten mir die wunderbaren Geschichten von diesem Metall oder jener Säure! Für mich scheinen Tausend und eine Nacht sich zu wiederholen. Und dann beim Erwachen manchmal die Anmut einer Morgenröte. Das ist das Leben, das ich seit dem 13. oder 14. Oktober führe. Ohne mehr zu verlangen, begnüge ich mich damit zu staunen, daß wir in einem solchen Kriege verhältnismäßig viel ruhige Stunden haben.

Du kannst dir nicht vorstellen, welche Genugtuung es für mich ist, zu wissen, daß Du meinen Sachen Deine Seele zuwendest. Wie freut es mich mir vorzustellen, daß meine Bücher Dich beschäftigen, Du meine Stiche betrachtest! . . . .