Wie freue ich mich zu erfahren, daß Du zeichnest. Tu’s für uns beide. Wüßtest Du wie es mich juckt, alles was uns hier in der Seele bewegt zu malen! Wenn Du meine Briefe aus letzter Zeit gelesen hast, wirst Du gemerkt haben, wie vieles ich entbehre, aber auch wie vieles mich beglückt.
Den 9. November, Montag 7 Uhr.
. . . Wir haben wieder die freie, weite Ebene erreicht, die ich so sehr liebe. Leider sehen wir sie nur undeutlich durch Mäuselöcher hindurch. Nun, es ist wenigstens so viel! . . . .
. . . . . Alle diese Tage hindurch habe ich den Reiz einer Landschaft genossen, die im süßen Frieden des Herbstes ruht. Dieser Friede wurde gestern durch den erschütternden Anblick eines brennenden Dorfes gestört. Es war nicht das erste, das wir sehen; aber wahrlich wir waren nicht mehr daran gewöhnt.
Wir haben unsern Beobachtungsposten bezogen; es war noch Nacht. Von den Höhen, die wir besetzten, sahen wir die gewaltige Glut und, als der Tag aufging, war das liebliche im Tal versteckte
Dorf nur noch eine Rauchwolke. All das in der Silberglorie eines strahlenden Morgens.
Von unserm Mauseloch aus blickten wir in die Talmulde mit den lieblichen Windungen ihrer Straße, ihrem von Weidenbäumen umrahmten Bach, ihrem Kalvarienberg, und all diese Harmonie sollte in dem Grausen der Zerstörung enden.
Die Deutschen haben es in der Nacht mit der Hand in Brand gesteckt; nach zwei Tagen wütender Kämpfe waren sie daraus vertrieben worden: ihre Handlung kann als ein Zeichen eines auf diesem Punkte beabsichtigen Rückzuges aufgefaßt werden. Dieses von unseren Soldaten gehaßte Verfahren ist, glaube ich, durch eine strategische Forderung vorgeschrieben. Wenn ein Dorf zerstört ist, wird seine Benutzung für unseren Dienst hinter der Front sehr erschwert. So haben wir denn den ganzen Tag dieser Verwüstung zugeschaut, während über unseren Köpfen die kleinen Feldmäuse das Stroh ausnutzen, in dem wir schlafen werden. Unser Infanteristendasein gleicht ein wenig dem der Kaninchen während der Jagdzeit. Wir sind dadurch, wenigstens die schlimmsten Angstpeter unter uns, in einen Zustand immerwährender Spannung gekommen, auf der Suche nach einem Schlupfwinkel. Sobald wir darin vergraben sind, schreibt man uns vor, nicht daraus zu weichen. Diese klugen Vorschriften werden leider nicht immer mit der nötigen Einsicht gehandhabt; so waren wir gestern zu Vieren in einem vorgeschobenen
Schützengraben, der in einer herrlichen Gegend lag und unter Laubwerk vollständig versteckt war. Wir hätten also nach Herzenslust die Landschaft genießen können, hätte nicht der Gefreite, ein braver Junge, davor gezittert uns ein bischen leben zu lassen. Glücklicherweise sind die Artilleristen und Maschinengewehre dazwischen gekommen, haben an unserem Standort einen entsetzlichen Höllenlärm vollführt und uns gezeigt, wie wenig man auf überflüssige Vorsicht halten muß. Durch dieses Beispiel ermutigt, habe ich also in aller Freiheit die Landschaft genießen können, gestern leider raucherfüllt, ein erschütternder Anblick. Merke Dir wohl, geliebte Mutter, daß ich keine Unvorsichtigkeit begehen will; aber wahrlich, dieser Krieg ist der Triumpf des Verhängnisses, der Vorsehung und des Schicksals.
Mein sehnlichster Wunsch ist, die Gnade der Rückkehr zu verdienen; aber abgesehen von kurzen Augenblicken einer sehr menschlichen Ungeduld, kann ich sagen, daß der größte Teil meines Ichs der ruhigen Annahme des gegenwärtigen Augenblicks geweiht ist.