. . . Was soll ich von meinem Leben erzählen? Durch Mühen und Wechselfälle hindurch hält mich die Betrachtung der herrlichen Gegend aufrecht, die seit zwei Monaten die Schwermut und die Tragik dieser leidenschaftlichen Jahreszeit anhäuft. Einer meiner gewohnten Standorte liegt auf den Höhen, welche die endlose Ebene der Woëvre beherrschen. Wie herrlich! Welcher Segen ist es, stündlich bei Tag und bei Nacht die glühenden Farben des Laubes zu beobachten, an jedem Herbsttage! Die schreckliche Zerfahrenheit der Menschen vermag die erhabene heitere Ruhe der Natur nicht zu stören. Freilich gibt es Augenblicke,

wo der Mensch alle vorstellbaren Maße zu übersteigen scheint; aber eine aufmerksame Seele unterscheidet bald die Harmonie, die alle diese Mißklänge beherrscht und ausgleicht. Glauben Sie nicht, daß ich der Trostlosigkeit der Bilder, von denen wir übersättigt sind, gefühllos gegenüberstehe: vernichtete Dörfer, in welche die Artillerie weiter wütet; Rauchwolken am Tag, Feuerschein in der Nacht; Elend der Bevölkerung, die unter den Granaten flüchtet. Jeden Augenblick erhält man einen Stich ins volle Herz. Gerade deswegen aber rette ich mich in diese höhern tröstenden Gedanken; denn in demselben Maße leidend, könnte ich, ohne diese Disziplin des Herzens, unsere Lage nicht ohne innere Zerrissenheit ertragen.

Den 17. November, morgens.

Liebe Mutter!

. . . Ich schreibe Dir im vollen Glück der Morgenröte über meinem lieben Dorfe. Die Nacht, die uns im Regen gelassen hatte, hat uns ein klares, strahlendes Wetter zurückgegeben. Ich finde meinen ungeheuer weiten Horizont wieder, die zarten Umrisse der Hügel, die edelgeschwungenen Linien meiner Täler. Wer glaubte, von der Höhe, wo ich bin, daß dieses ländliche und friedliche Dorf in Wirklichkeit nur noch ein Trümmerhaufen ist, daß kein Haus verschont geblieben ist, daß seit zwei Monaten niemand darin verweilen kann im

Höllenlärm der Artillerie? Während ich Dir schreibe, trifft die Sonne den Kirchturm, den ein noch dunkler Baum in meiner Nähe umrahmt, während in der Ferne, über den letzten Hügeln, den letzten Erhöhungen des Bodens, die Ebene im Rosagold ihre köstlichen Einzelheiten zu offenbaren beginnt.

Den 17. November, 11 Uhr.

Das herrliche Wetter ist mein großer Trost. Ich lebe fast wie wenn ich ein Kranker wäre, den man in eine herrliche Gegend schickt, den aber die Kur zu unerfreulichen und ermüdenden Beschäftigungen zwingt. Im Grunde liegt zwischen Leysin und meinem jetzigen Schützengraben nur die Entwicklung des großen Fragezeichens. Immer nichts neues in unserer Kompagnie seit dem 13. Oktober.

Die Art des gegenwärtigen Krieges ist sonderbar. Es ist die Art von Nachbarn, die sich nicht vertragen. Bedenke, daß gewisse Schützengräben vom Feinde kaum durch 100 Meter getrennt sind und daß die Kämpfenden sich Handgranaten zuwerfen können: wie Du siehst, bedienen sich die Nachbarn gewaltsamer Mittel.

Ein eigenes Leben führe ich nur im Augenblick, wo ich bei Dir verweile, und wo ich die Pracht der Natur genieße.