Liebe Mutter, einen wie guten Tag habe ich eben mit Dir erlebt. Wir waren zu dreien: wir zwei und die liebliche Landschaft, die ich von meinem Fenster aus sehe. Von hier aus gesehen, gibt der Winter von den Dingen ein abgedämpftes, abgetöntes Bild. Zwei Wolken oder vielmehr dichter Nebel, hüllen die mir benachbarte Anhöhe ein, ohne die Zeichnung der Sträucher auf dem
Kamm zu vergröbern; der Himmel ist leicht grünlich gefärbt. Alles ist gedämpft. Alles schlummert ein. Jetzt ist die Zeit der nächtlichen Angriffe, des Sturmgebrülls, der Wachen in den Schützengräben. Wie verlangen, jeden Augenblick, unsere Wünsche das Ende dieses Zustandes! Wie sehr wünschen wir die Ruhe für Alle, eine ungeheure Entschädigung, einen Ersatz für so viele Schmerzen, Leiden, so viele Trennungen.
Dein Sohn.
Sonntag, den 22. November, 9½ Uhr.
Von meinem Lieblingsplatz schreibe ich Dir diesen Morgen, ohne daß seit gestern irgend ein Ereignis Erwähnung verdiente, außer vielleicht den tausend wechselnden Einzelheiten der Landschaft. Ich bin mit Sonnenaufgang aufgestanden, ihr Silber überflutet den weiten Raum. Die Kälte ist immer heftig, aber das Zusammenwirken verschiedener Wollkleider wird in den Quartiernächten mit ihr fertig. Das Einzige, was ich erzählen kann, ist: morgen ziehen wir in die Schützengräben der zweiten Linie aus, in die jetzt skelettartigen, eintönigen Wälder. Von unseren drei Standorten ist das vielleicht derjenige, den ich am wenigsten liebe, denn der Himmel ist hinter hohe Äste verbannt. Das ist eher eine Landschaft für R. . ., aber reizlos und durch das Leben, das man darin führt, verdorben.
In unserer Gegend scheinen die Kämpfe mit einiger Heftigkeit wieder beginnen zu wollen. Heute
morgen hören wir ein heftiges Gewehrfeuer, was sehr selten in der Kriegführung von heute ist, die vornehmlich in nächtlichen Angriffen besteht, während der Tag fast ausschließlich zur Beschießung durch die Artillerie benutzt wird.
Liebe Mutter, setzen wir unsere Hoffnung in die Seelenstärke, die jede Stunde, jeder Augenblick verlangt. . . .
. . . . Ja, es freut mich Dir von dem Leben, das ich führe, zu erzählen; es ist in mancher Beziehung schön. Oft wenn ich abends auf der Straße bin, wohin mein kleiner Dienst mich führt und die ich allein durchwandere, bin ich vollkommen glücklich in der Gemeinschaft mit dieser edlen Landschaft, mit den harmonischen Zeichnungen der Gestirne an diesem Himmel, den groß und lieblich geschwungenen Linien dieser Hügel; und wenn auch in diesem Augenblick die Gefahr immer gegenwärtig ist, so denke ich doch, daß nicht allein Dein Mut, Dein Ewigkeitsbewußtsein, sondern auch Deine Liebe mir beistimmen werden, wenn ich nicht immer wieder bei der Erforschung des Rätsels stehen bleibe.
Mein gegenwärtiges Leben bietet also einige Höhepunkte der Empfindungen, die jeder Beziehung auf Fortdauer und Verharren sich entziehen, so z. B. schönes Laub, eine Morgenröte, eine liebliche Landschaft, einen ergreifenden Mondschein. Lauter Dinge, deren Vergänglichkeit und