Den 20. November.
Augenblicklich sehe ich vom Fenster aus, in dessen Nähe ich schreibe, die Sonne aufgehen. Sie durchdringt den Reif und ich ahne die schöne Ebene, die soviel Greuel erträgt. Wie ich höre, hat dieser Bajonettangriff, den ich gestern gehört habe, viele Opfer gekostet. Unter andern ist man ohne Nachrichten von zwei Halbzügen des Regimentes, das mit uns die Brigade bildet. Während andere ihr Geschick erfüllten, stand ich auf der Höhe des schönsten, übrigens in andern Augenblicken höchst ausgesetzten
Hügels. Ich sah dem Sonnenaufgang zu; ich war tief bewegt im Anblick des Friedens der Natur und maß das Verhältnis zwischen der Kleinlichkeit menschlicher Gewalttaten und der umgebenden erhabenen Schönheit.
Diese für Dich schwere Zeit, die sich vom 9. bis zum 13. September erstreckt, entspricht genau dem ersten Abschnitt des Krieges für mich. Den 9. September kam ich an, entstieg dem Zug vor der furchtbaren Schlacht an der Marne, die sich in einer Entfernung von 35 Kilometern entrollte. Den 12. erreichte ich das Regiment 106 und seitdem teile ich das Leben der Kämpfenden. Wie ich es Dir geschrieben, verließen wir also am 13. Oktober herrliche Wälder, in denen die feindliche Artillerie und Infanterie uns große Verluste zugefügt haben, besonders am 3. Unsere engere Gemeinschaft hat an diesem Tage einen prächtigen Menschen verloren, einen herzensguten Jungen, der für’s Leben zu gut geworden war. Am 4. wurde ein trefflicher Kamerad, ein Architekt von der Kunstakademie, ziemlich ernstlich am Arm verwundet, seitdem sind aber die Nachrichten, die er gegeben, gut. So haben wir bis zum 13., einem furchtbaren Tag, sehr schwere Zeiten durchgemacht, um so mehr als die sehr wirkliche Gefahr verschlimmert wurde durch den Eindruck des Erstickens und des Unbekannten, der uns in diesen, in andern Zeiten herrlichen Wäldern, erdrückte.
Die Hauptsache ist, den Ernst des gegenwärtigen Augenblickes nicht aus den Augen zu verlieren. Das Problem stellt sich uns in ganz besonderer Form dar. Auf der einen Seite die himmlische Gnade einer bis auf den heutigen Tag vollständigen Unversehrtheit. Andererseits das vollständige Weiterbestehen der zufälligen Gefahr für die Zukunft. Hier muß unser Wunsch, das Beste zu tun, sich auf den gegenwärtigen Zeitpunkt richten. Keine Erforschung der Zukunft kann uns befriedigen, ich glaube aber, daß jedes kraftvolle Streben, das die Gegenwart trifft, seine Wirkung nicht verfehlt. Es gilt, einen heldenhaften Kampf zu bestehen; aber wir wollen nicht auf uns allein bauen und nicht vergessen, daß es eine andere Macht gibt und wieviel wirksamer als unsere menschlichen Mittel!
Den 21. November.
Heute bürgerliches und fast zu bequemes Dasein. Die Kälte läßt uns bei der außerordentlichen Frau bleiben, die uns bei jedem Aufenthalt in dem Dorfe beherbergt, in dem wir drei Tage von neun einquartiert sind. Ich werde Dir nicht von der hübschen Aussicht erzählen, die ich von dem Fenster aus habe, an dem ich Dir schreibe, kann Dir aber das Heim beschreiben, welches Teile unseres Daseins in sich faßt. Am Tag leben wir in zwei, durch einen Glasverschluß getrennten Zimmern und von einem Zimmer ins andere können wir bald das schöne Feuer und
den weiten Kamin bewundern, bald den prächtigen Schrank und die Betten, wie man sie in der Maasgegend hat, mit schönen alten Kupferbeschlägen. Das gemütliche Dasein von zwei alten Frauen (die Mutter, 87 Jahre alt, und ihre Tochter) ist in Unordnung gebracht durch die Rauheit, die Derbheit, die Gutherzigkeit und Freigebigkeit des Soldaten. Sie ertragen alles und opfern sich auf.
Was Spinoza betrifft, dessen Seele Du bereits in Dir besitzest, so glaube ich, daß Du gleich zu den letzten Lehrsätzen übergehen kannst. Du wirst ihn sicherlich unmittelbar begreifen, wenn er von der Ruhe der Seele spricht. Ja es gibt Augenblicke, für uns schwache Menschen leider zu selten, die doch genügen, und in denen wir durch die Erschütterungen und Stöße unserer armen menschlichen Natur hindurch eine gewisse Neigung zum Fortdauernden und Abschließenden unterscheiden, und wir das wunderbare göttliche Erbteil erkennen, das uns anvertraut ist.