Was Wagner betrifft und, so schön auch seine Musik, so unbestritten und verführerisch sein Genie auch ist, ich glaube doch, daß, wenn man ihn nicht mehr hören sollte, man etwas für das französische Genie weniger Wesentliches entbehren würde, als wenn die großen Klassiker, seine Landsleute, in Frage kämen.


Ich darf es Dir aufrichtig sagen, in den Augenblicken, wo mir der Gedanke an die Möglichkeit der Heimkehr kommt, kümmere ich mich niemals um die Frage der kleinlichen Bequemlichkeit, des kleinlichen Wohlbehagens. Etwas

Höheres und Edleres wendet mich dieser Art Hoffnung zu. Darf ich sagen, daß es sogar etwas anderes ist als die unendliche Freude des Wiedersehens? Es ist vielmehr die Hoffnung auf eine Wiederaufnahme unserer gemeinsamen Bestrebungen, unseres Zusammenarbeitens, dessen Ziel die Entwicklung unserer Seele und ihre nützlichere Betätigung auf Erden ist.

Den 19. November, morgens.

Teuerste Mutter!

Heute wurde ich bei der Morgenröte durch ein gewaltiges und zu dieser Tageszeit ungewohntes Geschützfeuer geweckt. In dem Augenblick kamen Kameraden, starr von einer Nacht im Schützengraben zurück. Ich bin aufgestanden, um ihnen Holz zu holen, während auf dem andern Abhang des Tales das Schützenfeuer sehr kräftig ertönte. Ich stieg so hoch hinauf wie ich konnte und sah in dem sehr klaren Himmel die Sonne sich ankündigen.

Plötzlich hörte ich von der Erhöhung gegenüber, einem jener Hügel, die ich so sehr liebe, Geschrei, Geheul kommen: Marsch! Marsch! Es war ein Bajonettansturm. Es ist der erste, dem beizuwohnen mir gegeben ist; nicht daß ich etwas gesehen hätte; die noch andauernde Dunkelheit und vielleicht auch die Beschaffenheit des Bodens verhinderten es. Was ich hörte genügte, um den Eindruck des Sturmangriffs zu geben.

Bis jetzt konnte ich mir nur von dem unpersönlichen Krieg ein Bild machen, der eine von jenem kriegerischen Mut, wie ihn der Zivilist von Alters her sich vorstellt, sehr verschiedene Form der Tapferkeit verlangt. Und plötzlich erinnert mich der furchtbare Lärm von heute morgen, mitten in meiner Ruhe daran, daß junge Männer, ohne persönlichen Grund des Hasses, auf Leute, die sie erwarten, sich stürzen können und müssen, um sie zu morden.

Aber die Sonne ging über dem Boden meines Vaterlandes auf. Sie beschien für mich das Tal, und von meiner Anhöhe aus unterschied ich zwei Dörfer, zwei Trümmerhaufen, von denen ich einen drei Nächte lang hatte brennen sehen. In meiner Nähe zwei Kreuze von weißem Holze . . . . Das französische Blut fließt im Jahre 1914 . . . .