Diese Tag für Tag geschriebenen und aus dem Schützengraben oder dem Quartier geschickten Briefe bilden zusammen eine fortschreitende Folge, gleichsam eine Dichtung oder einen Gesang. Ein tiefes inneres Leben birgt sich darin: das Leben einer

Seele, die wir in der Eintönigkeit dieser außerordentlichen Verhältnisse, in denen sehr oft jedes Ereignis fehlt, über den gewöhnlichen Gedankenkreis sich erheben, sich selbst übertreffen und, je näher die schwersten Prüfungen herankamen, in Friede und heitere Ruhe sich hüllen sehen (Februar-April). Man muß diesen seelischen Fortschritt verfolgen, den er mit einem unerschütterlichen Willen leitet. Es gibt keine ergreifendere Geschichte eines inneren Erlebens. Sein ganzes Bemühen ist sich „anzupassen“, und wie fürchterlich es ihm oft wird, das spürt man unter der gewöhnlichen Ruhe und Schlichtheit des Ausdrucks. Er ist Dichter und Künstler; er hat das Leben aufgefaßt, er hat sich entwickelt in einer dem Manne der Tat entgegengesetzten Richtung. Seine ganze Bildung, seine besondern künstlerischen Übungen hatten als Folge die Verfeinerung einer an sich schon angebornen äußersten Zartfühligkeit. Aus innerm Drange und einem selbstgewählten Gesetze folgend, hat er die Einsamkeit und Beschaulichkeit aufgesucht. Er fühlt und weiß wohl, daß er nur lebt, um ein bestimmtes Abbild der Welt zu sein, und hat sich immer, dem innern Triebe gehorchend, bemüht, in sich selbst die reine Form und ursprüngliche Wölbung des Spiegels zu bewahren und zu vervollkommnen, der eine Neigung hat sich unter den Einflüssen der Umgebung zu verzerren und zu trüben. Jetzt heißt es

im Gegensatz zu dem eigenen Gesetze leben, und zwar nicht weil die Not dazu zwingt, sondern durch einen freien Willensakt. Es heißt nun dieses Ich, das sich sorgfältig außerhalb der Welt und der Welt gegenüber bewahrt hat, preisgeben, ohne Murren es in das dichteste Gewühl werfen, Tag und Nacht nur noch in dem Atem und dem Gedränge der Soldatenschar leben, und sich dabei einer rein körperlichen Tätigkeit unterziehen für die furchtbaren Aufgaben des Krieges. Und für ein solches Dasein, das er von seinem frühern Standpunkte aus als ein Sklavenleben betrachtet hätte, muß er als den einzig möglichen Ausgang den Tod ansehen, in absehbarer Zeit. Er muß sich daran gewöhnen, in seinem verflossenen Leben, — jenem Leben, das seine Künstlerträume und Hoffnungen erleuchteten, das wie in einem Rausch allen Regungen und dem Pulsschlag des Lebens des Weltalls entsprach — nur noch einen Traum zu sehen, einen Traum, der entschwunden ist und nie zurückkehren wird.

Das nennt er „sich anpassen“, und wie oft kehrt dieser Ausdruck in seinen Briefen wieder! Denn er bezeichnet die Pflicht, eine Pflicht, deren Schwierigkeit sich an dem Abstand zwischen Gegenwart und Vergangenheit bemessen läßt, zwischen dem angeborenen Trieb einer Seele und der Selbstüberwindung, die sie sich auferlegen will. „In voller Schaffenskraft, in dem Augenblick, wo das Leben für ihn

eine Zeit fortwährender Blüte wurde, wird ein junger Mann herausgerissen und auf einen trockenen Boden verpflanzt, wo Alles von seiner gewohnten Nahrung ihm fehlt. Nun denn! von dem Augenblick an, wo nach dem ersten Riß das Leben ihn nicht verlassen hat, bemüht er sich aus den dürftigen Säften seines neuen Bodens zu schöpfen. Die Anstrengung verlangt eine Anspannung aller Kräfte, die keinen Raum läßt für die Erinnerungen und Hoffnungen . . . Ich erreiche es, außer in rasch unterdrückten Stunden der Empörung, wo die Gedanken, die Handlungen meines vergangenen Lebens sich erheben, wie wenn ich sie nicht vergessen hätte. Ich brauche dann meine ganze Kraft, um meine herzzerreißenden Erinnerungen in der Ergebung in den gegenwärtigen Augenblick zu ertränken.“ Dazu braucht es eine rastlose Anstrengung. Denn „sich anpassen“ bedeutet für ihn nicht sich durchgreifend verwandeln, indem er den Einflüssen der neuen Umgebung nachgibt. Durch die fortgesetzte Tätigkeit seiner Lebenskraft will er, im Sinne seiner eigenen Persönlichkeit, den Stoff umgestalten, den er aus dieser Umgebung zieht; er will darin die Mittel finden trotz Allem in der Richtung seines eigenen Wesens sich zu nähren und weiter zu bestehen. Er will Allem entsagen und das Wesentliche bewahren, weil sein Ich weiter erhalten bleibt, treu dem selbstgeschaffenen Ideal, fähig nicht allein zu leben, sondern noch zu blühen, teilzunehmen an

dem allgemeinen Fluß des Lebens, der sich in der Natur in rastlosem Erblühen offenbart, im Menschen in Regungen der Liebe, der Kunst, der Poesie. Um dieses Ziel zu erreichen, gilt es, unter den Drohungen und in den Unruhen des Krieges, sich für jede Erscheinung des Schönen empfänglich zu erhalten. Denn das Schöne ist für diesen frommen Dichter das Göttliche, das mehr oder weniger deutlich in allen Dingen durchleuchtet; daher auch die Kraft, die er in der Betrachtung des Schönen schöpft, die ihn allmählich über die Zufälligkeiten des Einzelwesens hinaushebt. Um den Eindruck voll zu empfangen, um in sich alle Unruhe zu bannen, muß er der Vergangenheit und der Zukunft Lebewohl sagen, nichts beklagen, nichts erhoffen, nur noch im „gegenwärtigen Augenblick“ leben, der an diesen Segnungen reich ist. „Ich nehme alles aus der Hand des Schicksals an, ich habe ihm aber Alles genommen, was es in den Falten eines jeden Augenblickes an Glück birgt.“ In diesem Zustand der Einfalt, der fast der Zustand der Gnade ist, tritt er mit der lebendigen Wirklichkeit dieser Welt in Berührung. „Laßt uns essen und trinken von Allem was ewig ist; denn morgen sterben wir Allem ab, was menschlich ist“.

Diese Befreiung der Seele ist nicht sofort erreicht. Die ersten Briefe sind sehr schön; aber was sie lehren, erfahren wir auch aus fast allen Briefen unserer Soldaten. Er schildert den Seinen die

Begeisterung der Soldaten, ihre innige Gemeinschaft in einem einzigen flammenden Gedanken, die gebieterische Pflicht, seinen eigenen Willen, „ein aufrechtes Gewissen soweit zu tragen, als seine Füße es zu führen vermögen“ (25. August 1914). Aber schon sieht man, wie er sich bemüht, die Richtung seines inneren Wesens gegen die Einflüsse und Aufreizungen des Haufens zu behaupten. Es gelingt ihm. Indem er sich bewahrt, sich absondert „soviel er vermag“, mitten unter den andern, stellt er fest, daß er in geistiger Beziehung unberührt ist. Aber noch ist er zwischen den Kasernenmauern oder schreibt in Bahnhöfen, an den Haltestellen einer endlosen Eisenbahnfahrt („vierzig Mann in jedem Wagen“). Um ihn wirklich kennen zu lernen, wartet bis er in der Kriegszone angelangt, im Quartier, dann in der Feuerlinie, während der langen Stunden der Wachen und auf Posten, mit der Erde wieder in Berührung getreten ist. Sobald er den Hauch der weiten Ebene eingeatmet, erwacht sein angeborener Trieb „Schönheit zu gewinnen“, und vor den Schatten, in die die Zukunft sich versenkt, sie „soviel und so schnell wie möglich zu gewinnen“. „Ich habe im Schlamm Blumen gepflückt, bewahrt sie zur Erinnerung an mich auf,“ schreibt er an einem Tage dunkler Vorahnung (11. Februar). Bezeichnend für ihn ist, daß er in der Eintönigkeit der Tage im Schützengraben, wenn die Gefahr das Geschwätz

nicht aufkommen läßt, sie am häufigsten findet, jene Wunderblumen. Dann kehrt der innere Friede wieder ein, während des Schweigens, das diese Männer befällt, und er kann „seine Seele frei mitschwingen lassen“, und gleich empfindet man den eigentümlichen Widerhall. Diese Seele hatte zunächst nur die Klänge des Mutes und der Brüderlichkeit für uns wiederholt, die sich von unsern Heeren gleichmäßig erheben. Jetzt befindet sie sich mitten im Kriege, den ewigen Dingen wieder gegenüber, und plötzlich glaubt man zum ersten Male den Urklang und die unendliche Feinfühligkeit einer kaum berührten Saite zu vernehmen. Aber diese Klänge bleiben nicht zufällig und unzusammenhängend; bald setzen sie sich zu einer Melodie zusammen, die immer bestimmter, voller, von ergreifender Bedeutung schwerer wird, je mehr er durch eine tägliche Übung es lernt, sich von den drückendsten Umständen besser auszuschließen. Ein ganz unpersönliches Ich scheint sich jetzt von dem körperlichen Ich, das sich abmüht und Gefahren besteht, loszulösen, und die Dinge ohne innere Teilnahme zu betrachten, und auch dieses andere Ich, das an seinem Platze steht in der allgemeinen Ordnung, zu beobachten, eine vergängliche Welle in der Flut, die eine geheimnisvolle Vernunft leitet. Seltsame Fähigkeit, ein Doppel- und Traumleben zu führen! Es gelingt ihm, sie in der Schlacht selbst zu üben, wo seine Tapferkeit und seine militärische

Tätigkeit ihm die Glückwünsche seines Vorgesetzten eintragen. In dem Höllenschlund, in dem sein Fleisch sich auflösen könnte, hört er nicht auf zu schauen, und am nächsten Tage kann er schreiben: „Nun, es war interessant!“ Und er fügt hinzu: „Was ich Persönliches bewahrt hatte, war eine gewisse Empfänglichkeit des Auges, die mich befähigte gewisse Bilder in mich aufzunehmen, deren ergreifende Wirkung sich unmittelbar in ebenso „künstlerischer Weise“ zusammenfügte, wie jede andere menschliche Zusammenstellung. Aber gewöhnlich habe ich in diesen Augenblicken nie die Absicht aufgegeben zu sehen „wie es gemacht ist“ (14. März). Dann offenbart sich ihm die Bedeutung der Gewalttätigkeit. Dieser zarten sinnigen Natur flößt sie Grauen ein. Deswegen vielleicht frägt sein Geist nach dem Warum. Durch die Gewalttätigkeit wird eine unvollkommene und vorübergehende Ordnung durchbrochen und die Erscheinungen, die im Begriff waren zu erstarren, kommen wieder in Fluß. Das Leben beginnt wieder und eine höhere Ordnung wird ermöglicht. Auch hier ist Annahme, Unterwerfung unter die Vernunft der Welt, Vertrauen in das, was sich verwirklicht, die Lösung, zu der er immer wieder gelangt.