Das sind Augenblicke der eigentlichen Beobachtung, reiner Überlegung, in die sich die Regungen des Künstlers und des Dichters nicht mischen. Solche Augenblicke sind nicht selten bei ihm; aber dann
handelt es sich immer um die Welt und menschliche Ereignisse. Sie entstehen vor einem Kriegsbilde, einem Charakterzug, bei einer Lektüre, einer künstlerischen oder geschichtlichen Erinnerung (oft ruft er eine Bibelstelle wach und im ärgsten „Wirrwarr“ schöne Bilder aus der griechischen Mythologie). Man bewundert diese heitere Willenskraft eines Geistes, der es verstanden hat, sein früheres rein geistiges Leben wieder aufzunehmen. Das ist sehr schön, ist aber nicht einzigartig: die große geistige Tätigkeit ist nicht selten in Frankreich; andere unter den Soldaten haben unter den Granaten philosophiert. Was diesen Briefen eine besondere Bedeutung zu verleihen scheint, ist der Ausdruck von etwas viel Wesentlicherem, viel Innerlicherem als der Gedanke; das Gefühl, das Unendliche und Unbestimmte seiner Schattierungen, seine Zusammenklänge mit den Bildern der Landschaft, jene Dichtergabe endlich, die mit der musikalischen Begabung zusammenhängt; denn sie geht aus demselben Urgrund des Unbewußten im Menschen hervor und strebt auch ihrerseits allen verschlungenen Linien des Rhythmus und des Gesanges zu. Ich habe schon Shelley aus Anlaß dieses Dichters genannt. Was uns eine Bemerkung wie die folgende offenbart, ist die Vereinigung mit dem Innigsten und Unaussprechlichsten in der Natur, wie wir sie bei Shelley finden: „Namenloser Tag, ohne greifbare Gestalt, in dem trotzdem
geheimnisvoll der Frühling zu quellen anfängt. Warme Luft in der Verlängerung der Tage; plötzliches Erschlaffen, wie ein Vergehen der Natur.“ (3. Februar.) Aus Anlaß dieses Frühlingshauches, dieser zu plötzlichen Milde, gebraucht er sogar einen der häufigsten Ausdrücke des Wortschatzes von Shelley: „Vergehen“.[2)] Was er im Grunde erstrebt, wie der große englische Dichter, den er nicht gekannt zu haben scheint, ist das Selbstvergessen in der lyrischen Stimmung, das unsagbare und selige Gefühl des Ichs, das in dem betrachteten Gegenstand sich selbst auflöst. Was für ihn im Laufe dieser Wochen zählt, was er später ins Gedächtnis zurückruft, was er wiederfinden möchte, um es nie wieder zu verlieren, das sind jene Höhepunkte, da er sich selbst vergessen durfte, weil er das Unaussprechliche empfunden hatte. Der einfachste Gegenstand der Natur kann ihm solche Augenblicke schenken. Zum Beispiel in dieser plötzlichen Erleuchtung: „Ich empfand nicht wie früher den Segen Gottes, als plötzlich ein schöner, so schöner Baum zu meinem Herzen sprach, . . . und ich habe begriffen, daß eine Stunde in dieser Betrachtung das ganze Leben ist.“ Und andauernder, stärker schwingend ist manchmal die innere Erregung, wie wenn der Bogen bis an die
Spitze auf einer feinfühligen Geige eine langgezogene verzückte Melodie entwickelt: „Welche Lust, dieses stets innige Mitschwingen im Schoße der Natur! Gestern abend sah ich denselben Horizont, den wir erwachen sahen, in rosiges Licht gebadet; dann ist der Vollmond in einem zarten Himmel aufgegangen, auf dem die Bäume, wie Korallen und Safran, in zackigen Linien sich abzeichneten.“ (2. November.) Und wahrlich es klingt wie ein Entzücken in jener erstaunlichen Weihnachtsnacht, deren Erinnerung alle, die damals auf der Front waren, bewahren werden, — einer feierlichen, ganz blauen Nacht, voll Gestirne und Gesänge, in der die Ordnung und göttliche Einheit des Weltalls den Augen der Menschen sich zu offenbaren schien, die einen Augenblick aus ihrem Traum des Hasses und des Blutes erwachten und auf den beiden Schützenlinien zu singen begannen: „Hymnen, Hymnen überall“
Doch, im Februar, Gemetzel, deren zunehmende Greuel einige knappe Aufzeichnungen mit genügender Schärfe ahnen lassen. Dann nehmen die Erzählungen eine raschere Bewegung an; man fühlt die schnellen Rhythmen und raschen Ansätze der Handlung, den herrischen Zwang rascher Pflichterfüllung, da der junge Sergeant die Verantwortung von Menschenleben trägt und furchtbaren, abgegrenzten Aufgaben gegenübersteht. Stets aber, im Getümmel des Gemetzels, und in der Eile des
Dienstes, plötzliche und seltsame Augenblicke des Träumens und des Mitleids; und dann abends, welche unendliche Ruhe unter den Toten! In dieser Zeit hören die Aufzeichnungen über das Landschaftliche auf; die Beschreibung wird militärisch, technisch, oder aber der Gedanke verläßt die Erde. Einmal, gegen Ende, ein einziges Mal, ein Rückblick auf die eigene Person, eine kurze ergreifende Klage, beim Gedanken an die frühern Hoffnungen, an sein verlornes Künstlerschaffen und an die unendliche Größe des auferlegten Opfers: „Wie lang ist dieser Krieg für Menschen, die zweifellos eine Aufgabe zu erfüllen hatten! . . . Warum bin ich so aufgeopfert, während so viele, die mir nicht gleichkommen, geschont werden? und doch hatte ich etwas Gutes auf Erden zu tun! . . .“ Herzzerreißender Seufzer, der uns noch mehr ergreift als die erhabenen Äußerungen dieser Seele, weil die bis dahin unterdrückte Qual plötzlich hervorbricht, — die ganze Hülflosigkeit des Menschen, die unsrige, bekennt sich hier, am Vorabend einer Passion — wie bei dem göttlichen Vorbilde. Mitunter ein Zweifel, der andauernde Anblick des Todes, die Müdigkeit, die ewige Trostlosigkeit des Regens und des Schlammes, die in ihm den Lebensdrang und den sehnsuchtsvollen Aufschwung des Geistes hemmen. Er war die junge Pflanze, von der er einmal spricht, die wuchs, nach dem Duft und der Pracht ihrer Blume sich sehnte, ihres
Gottes sicher war, weil sie nur ihn, in sich lebend und wirkend, fühlte. Aber plötzlich spürt sie den Schauer, die Drohung der erbarmungslosen Kräfte. Wenn das Weltall leer, wenn in dem Endlosen dieser äußeren Welt, unter dem glänzenden Schein, nichts als eine gefühllose Notwendigkeit wäre? Wenn auch das Opfer Täuschung wäre? „Ich komme in die dunkeln Tage, wo das Nichts das letzte Ende aller Dinge zu sein scheint, während alles in meinem Leben die reiche Fülle des Weltalls mir bezeugte.“ (2. Februar.) Und er stellt sich die qualvolle Frage: „Ist es überhaupt sicher, daß die sittliche Anstrengung ihre Früchte trägt?“ Es ist wie wenn Gott ihn verließe. Doch diese Verdunkelung seiner inneren Erleuchtung vergeht rasch. Er findet die lichten stillen Höhen wieder, die er nur verläßt, wenn die Pflicht und der Kampf rufen, jene Höhen, nach denen er sich sehnte, als er schrieb: „Ich möchte, daß, wenn Ihr an mich denkt, Ihr das Bild von denen wachruft, die Alles verlassen hatten, . . . die den nächsten Verwandten nur noch in der Erinnerung bekannt waren, von denen sie sagten: „Wir haben einen Bruder gehabt, der vor langen Jahren von der Welt sich zurückgezogen hat.“ (13. Januar) Wie seltsam der heitere Friede dieser Höhen ist, wie sehr von ihm selbst und allem Irdischen seine Betrachtungen losgelöst waren, das lassen zwei kleine Züge beurteilen: Er hat einmal nachts aus einem „mit menschlichen
Körperteilen“ und weiter in der Ferne mit Feuersbrünsten übersäten Schlachtfelde, unter dem von Sternen funkelnden Himmel, als Lagerstätte eine Aushöhlung gefunden, von der aus seine Augen die Mondsichel beobachten und das Kommen des Tages erspähen. Von Zeit zu Zeit platzt eine Granate, Erdschollen bedecken ihn, dann sinkt wieder Schweigen auf die erstarrte Erde nieder: „Ich habe sie teuer erkauft, ich hatte aber Augenblicke einer Einsamkeit, die von Gott erfüllt war.“ (28. Februar.) An einem Abend irrt er nach fünf Schreckenstagen herum („wir haben keine Offiziere mehr, alle sind als tapfere Soldaten gefallen“) und steht plötzlich vor dem ausgestreckten Leichnam eines Freundes. „Weißer herrlicher Leichnam im Mondlicht . . . Ich habe in seiner Nähe ausgeruht.“ (22. Februar) In der Unbeweglichkeit der Natur, neben diesem Toten, hat er die innere Ruhe gefunden; er empfindet nur Friede und Schönheit.
Diese Briefe sollen anonym bleiben, wenigstens solange man die Rückkehr des Verschwundenen erhoffen kann. Es genügt zu wissen, daß sie von einem Franzosen geschrieben sind, der mit Liebe und Glauben an den gemeinsamen Mühen und Gefahren teilgenommen hat, und froh war, in den Leiden und der Hingabe Aller die eigene Person zurücktreten zu lassen. Durch eine Gnade, auf die er kaum
gefaßt war, als er die unberührte Stille seines Künstlerheimes mit dem Schweiß, dem schweren Dienst und der Unruhe des Soldatenlebens vertauschte, hat er ohne Zweifel hier sein Bestes offenbart, und man kann sich fragen, ob es ihm im regelmäßigen Verlauf eines abgeschlossenen Künstlerdaseins, je vergönnt gewesen wäre, mit dieser Fülle sein Wesen auszudrücken. Die ihn lieben, finden in diesem Gedanken den Trost, der ihnen helfen kann, Alles geduldig hinzunehmen. Seine Seele ist in diesen Briefen vielleicht wesentlicher und schöner, als sie selbst sie je gekannt haben. Auch Mark-Aurel schrieb im Verlauf eines Krieges seine Gedanken nieder. Vielleicht braucht es das Äußerste, um den Seelenadel des Menschen zu zwingen sich zu offenbaren; dann staunt man darüber, was die Seele in sich selbst entdecken kann, um es dem Schmerz und dem Tode entgegenzustellen. So offenbarten sich in den Tagen der Prüfungen so manche unserer Söhne und es erstand, zum Erstaunen seiner selbst und der ganzen Welt, das Wunder jenes Frankreichs, das noch nicht wußte, was es Alles bedeutete. Dadurch berühren uns solche Briefe so tief. Derjenige, der sie schrieb, hatte seine Seele mit dem Grundton der Allgemeinheit in Einklang gebracht. Unter dem mystischen Ausspinnen der Melodie, das sein eigenes Wesen in diesen Grundton hineinbringt, finden wir den erhabenen Gedanken wieder, den mehr oder weniger deutlich ausgedrückt,