. . . Ich lese etwas, bin aber durch die körperliche Anstrengung, zu der man uns anhält, derart ermüdet, daß ich fast sofort einschlafe. Man läßt uns eine Unzahl Schützengräben herstellen.

Liebe Mutter, um auf die außerordentlichen Ereignisse der letzten Februartage zurückzukommen, so muß ich Dir wiederholen, daß ich daran wie an ein wissenschaftliches Experiment zurückdenke. Ich hatte meine Vorstellung von der Gewalt in eine theoretische Formel gebracht und hatte ihre Aufgabe in der Welt erraten. Es war mir aber vergönnt gewesen, ihre praktische Wirkung nur in unendlich abgeschwächten Fällen zu beobachten.

Diesmal nahm die Offenbarung der Gewalt einen Umfang an, vor dem meine Aufnahmefähigkeit in vollem Maße sich betätigen mußte . . . Nun, es war interessant, und ich muß Dir gestehen, daß ich in diesem Augenblick niemals von einer kalt und objektiv beobachtenden Haltung abließ. Was ich persönliches bewahrt hatte, war eine gewisse Empfänglichkeit des Auges, die mich befähigte, gewisse Bilder in mich aufzunehmen, deren ergreifende Wirkung sich unmittelbar in ebenso „künstlerischer Weise“ zusammenfügte, wie jede andere menschliche Zusammenstellung. Aber im allgemeinen habe ich in diesen Augenblicken, nie die Absicht aufgegeben zu sehen, „wie es gemacht ist“.

Ich bin sehr froh festzustellen, daß die Mordlust keine Macht über mich gewonnen hat. Und

ich wünsche, daß es auch so bleiben möge. Leider hat diese Berührung mit der deutschen Rasse für immer meiner guten Meinung von ihr geschadet. Allerdings kann ich es nicht über mich bringen, in mir eine gewisse Rührung und ein menschliches Empfinden zu unterdrücken, die unangebracht sind, wenn sie, wie bei diesem Anlaß, mich zum Opfer eines arglistigen Feindes machen, aber ich gelange dazu zu dulden, was ich früher als die Schande und Verneinung des Lebens betrachtet hätte.

Ich habe den Franzosen im Kampfe gesehen. In der Schlacht ist er fürchterlich, und nachher großherzig; daß ist ein Ausspruch, ein gar vollklingender Gemeinplatz, auf dem unsere größten Schriftsteller, wie das bescheidenste unserer Schulkinder herumgetreten sind; weiland mein dekadenter Intellektualismus findet keinen besseren Ausdruck beim Anblick, welchen die französische Seele gewährt.

Den 14. März 1915.

An Madame de L. . .,

Meine Mutter hat mir die Prüfung erzählt, die Sie soeben wieder betroffen hat; wahrlich, das Leben lastet schwer auf gewissen Seelen. Ich kenne Ihre Stärke und weiß, daß Sie nur zu sehr an den Schmerz gewöhnt sind; wie sehr aber hätte ich gewünscht, daß dieser Ihnen erspart sein möge! Meine Mutter sagte mir, daß man ohne Nachrichten von dem Obersten B . . . sei, und sie war

unruhig . . . Wir haben eine einzige Besorgnis, den Schmerz unserer Angehörigen. In dem Anblick des Soldaten, der fällt, ist eine große, ewige Lehre enthalten, die uns panzert und wir möchten sehen, daß auch die, die uns teuer sind, aus ihr Nutzen ziehen. Seien Sie versichert, daß das Beispiel des Obersten herrliche Früchte tragen wird. Ich kenne aus eigener Erfahrung den Heroismus, der den Soldaten verklärt, dessen Führer gefallen ist.