Teure geliebte Mutter,

Ich habe Dir nichts von meinem mit körperlicher Arbeit ausgefüllten Leben zu erzählen. Kaum wird von Zeit zu Zeit ein Bild in mir wach, ersteht eine Erinnerung. Ich bleibe regungslos und zerschlagen. Ich habe eben einen schönen Aufsatz von Renan über den Ursprung der Bibel gelesen. Ich fand ihn in einer Revue des deux Mondes vom März 1886. Wenn ich etwas davon behalten kann, so wird es mir helfen einige Ordnung in meine recht zusammenhanglosen Kenntnisse über diese Fragen zu bringen.

Ich bin etwa, wie wenn ich mich von einem Nervenfieber erholte. Was mir Freude macht, sind die Gewässer. Die fließenden und stehenden Gewässer der Maas. Die Quellen spielen über den Gräsern und Steinen. Die Teiche ruhen unter den großen Bäumen aus. Wasserfälle und Bäche. Auf den steilabfallenden Abhängen nimmt der Schnee einen träumerischen Glanz an. Ich lebe in allen

diesen Bildern, ohne ihnen eine bestimmte Form zu geben. Ich schäme mich etwas, so stumpfsinnig zu sein, glaube aber, daß es Allen so ergehen wird, jedesmal, wenn man sich von der Hölle der Feuerlinie entfernt. Ich esse und schlafe, wenn mein gräßlicher Hexenschuß es mir erlauben will.

Verzeih mir, wenn ich so tief unter mir selber stehe. Ich bin wie meines innern Haltes beraubt. Nun meinetwegen . . .

5 Uhr Nachmittags.

Ich komme ziemlich müde von der Übung zurück, die herrliche Luft der Maas erhält mich aber immer gesund.

Liebe Mutter, ich möchte wieder mit aller Kraft dem Schönen und Edlen zustreben. Ich möchte immer in mir die Begeisterung verspüren, die mich den Schätzen des Lebens zutriebe. Doch augenblicklich ist mein Denken schwer wie Blei . . .

Den 14. März, morgens,
im sonntäglichen Frieden.

Teure geliebte Mutter, endlich erreichen mich Deine lieben erfrischenden Briefe, nach Tagen der Entbehrung, wodurch ich notwendigerweise den tatsächlich großen Genuß erkauft habe, hier ausruhen zu dürfen. Der hübsche Flecken erwacht in den Nebeln der Maas; der Bach eilt über die abgewaschenen Steine dahin. Alles hat die feine maßvolle zierliche Art, die das Merkmal der Gegend ist . . .