Stelle Dir vor, daß wir während unseres letzten Aufenthaltes in der Feuerlinie die Tage in den Unterständen verbringen mußten, die wir, gezwungen durch die grauenhafte Beschießung bis zu einer Tiefe von ungefähr zehn Metern in die Hügelabhänge graben. Dort erwartet man in völliger

Dunkelheit die Nacht zum Aufbruch. Plötzlich haben wir meine Kameraden, die Unteroffiziere und ich den Schauer der neun Symphonien von Beethoven in uns erweckt. Eine unaussprechliche Begeisterung beseelte uns. Die Musik wirkte wie ein Feuerwerk in diesem Keller. Unsere chinesische Folter, weder sitzen noch stehen noch liegen zu können, war vergessen.

Das Leben eines Sergeanten im Quartier ist recht angenehm; und doch maße ich mir nichts an.

Was die Feuerlinie betrifft, so hoffe ich, daß die Vorsehung mir die Seelenkraft geben wird, bis zuletzt meine Pflicht zu erfüllen. Ein guter Freund, der Führer meines Halbzuges war, ist zum Kompagniefeldwebel ernannt worden. Alles das sind Kleinigkeiten, aber Teuerste, ich fühle mich in diesen Tagen etwas schwach, da ich nach den Ereignissen des vergangenen Monates arg leidend war. So lasse ich mich denn auf den sanften Abhängen des Lebens dahingleiten. Was tuts, wenn man dabei den Abgrund streift. Möge die Vorsehung uns davon fernhalten!

Den 4. April.

Teure geliebte Mutter,

Zeit der angstvollen und von nahen Drohungen schwangeren Erwartung. Bis dahin, Ruhe und Müßiggang. Ich kann nicht denken und gebe mich dem Schicksal hin. Teure, verzeih mir, wenn ich

seit einem Monat sehr minderwertig bin. Liebe mich und sage unsern Freunden, daß sie mich lieben sollen. Hast Du meine Photographie erhalten? . . . Es war in der glücklichen Zeit des Stellungskrieges, da wir friedliche Tage verlebten und unser einziger Feind die Strenge der Witterung war. Bald darauf wurde ich Gefreiter und ein hartes, an unerfreulichen Arbeiten schweres Leben begann für mich. Dann das Gewitter, dessen Wiederschein wenigstens noch mein Leben beleuchtet.

Den 4. April, abends, Ostersonntag.

Liebe Mutter, jetzt stehen wir wieder unter dem Schutze Gottes. Um 2 Uhr gehen wir in den Sturm hinein. Teure, ich denke an Dich, ich denke an Euch. Ich liebe Euch und vertraue uns Alle drei der Vorsehung an. Möge Alles was kommt uns bereit finden! In voller Seelenstärke, das ist mein Gebet für Euch und für mich. Hoffnung trotzdem, aber vor Allem Weisheit und Liebe. Ich umarme Euch ohne weitere Worte. Ich raffe mein ganzes Denken zusammen, einer schweren Aufgabe zu.