Es kommt auf die Gelegenheit an, seine Fähigkeiten zu entdecken; viele, vielleicht große und rühmliche, schlummern unerkannt mit dem Menschen ins Jenseits hinüber, weil ihnen weder Zeit noch Ort günstig waren, sich zu offenbaren. Solch ein Moment war's, der die Basis für die Entwicklung einer neuen Eigenschaft bilden sollte, als ich an einem schönen Frühlingstage den Turm des Kapitols erstieg, mir aber nicht an der Aussicht von der letzten Plattform genügen ließ, sondern auf die höchste Spitze, neben die Figur der Minerva hinaufkletterte. Ich muß das, ohne Ahnung, überhaupt etwas Besonderes gemacht zu haben, ziemlich geschickt ausgeführt haben, denn der berühmte Hochtourist an meiner Seite, der mir die sieben Hügel Roms bezeichnen wollte, sagte mit einer bei Alpinisten selten zu findenden Anerkennung: »Wissen S', mit Ihnen ging ich auf alle Dolomiten –, da braucht' man nichts zu fürchten wegen dem Abstürzen.«

In dieser Minute spaltete sich mein Inneres wie die schönste, einfache Zelle, und aus dem Protoplasma meines gewöhnlichen Menschen ging der neue Zellkern hervor: Die Hochtouristin!

Alle Vorbedingungen waren plötzlich gegeben: starke Lungen, gesundes Herz, Schwindelfreiheit und Ausdauer beim Marschieren. Rom zu meinen Füßen, wurde mir klar, daß ich bisher mein Pfund vergraben hatte, und daß ich mich einer schweren Unterlassungssünde schuldig machen würde, wenn ich meinem Talent keine Gelegenheit gäbe, sich zu entfalten. Der Schauplatz für diese Betätigung konnte, wie sich ohne viel Nachdenken, was mir immer schwer fällt, ergibt, nur ein Berg sein; es galt also, einen zu finden, der in Gestalt und Art meinen alpinistischen Gaben entgegenkam.

Seite 15 im dritten Band des Purtschellerschen »Hochtourist«: »Große Furchetta (3027 m), der nordwestliche breitere Turm einer kühnen, doppelzinkigen Berggestalt im Hintergrunde des Wasserrinnentals. Interessante und exponierte, schwierige Kletterei.«

Das war, was ich suchte. Denn nach meinem Fähigkeitsnachweis am Kapitol wollte ich es nicht unter einer Hochtour tun und möglichst gleich alle Eindrücke auf mich wirken lassen, die man bei einer Bergbesteigung haben kann. Die äußeren Vorbereitungen wurden getroffen: Das G'wandl mit allen Zutaten, Beinkleid, Kniestrümpfen, Mütze, Sonnenhut besorgt, der Rucksack mit dem Notwendigsten, bis aufs Gramm abgewogen, sauber vollgestopft, ein mächtiger Eispickel erhandelt und als Letztes – die Stiefel ausprobiert. Sie sind das Wichtigste der Ausrüstung, hatte man mir gesagt. Es kam mir auch bald so vor, denn ich trat mir mit den schweren Dingern in der schmerzhaftesten Weise auf die eigenen Füße.

»D' Nägel san zu grob«, meinte der bäurische Hoflieferant, den ich betrübt um Rat fragte.

»Bewahre! Sie kann nur nicht gehen, sie ist noch ungeschickt«, beharrte der berühmte Hochtourist, der auch hier meine ersten Schritte überwachte.

Der Schuster lachte. »Wegen ein'm Paar Schuh braucht doch de Person nit's Gehen z'lernen!« erwiderte er mit köstlicher Philosophie.

Das tröstete mich wunderbar; nicht ich, sondern die Stiefel waren schuld, und deshalb lernte ich es bald, sie zu tragen, ohne mir ernsthaftere Verwundungen zuzuziehen.

Aber als wir dann eines Morgens zu einer Zeit, die es eigentlich gar nicht gibt, in Dunkelheit und Kälte, »um Schatten zu haben«, von der Regensburger Hütte aufbrachen, klopfte mir doch das Herz recht. Die Wiesen naß und schlüpfrig, das Tal voll Nebel, die näher und näher heranzukriechen schienen, ringsum eine atemlose, beklemmende Stille – und vor uns stolz und gewaltig aufragend die Furchetta. Drohend und steil schien mir der Gipfel, eine Vermessenheit, ihn erklimmen zu wollen, und während ich mich tapfer bemühte, meine Füße mit den Genagelten in die weit auseinanderliegenden Spuren des Führers zu setzen, sagte eine laute Stimme in meinem Innern wieder und wieder: »Du kommst da nie hinauf – nie hinauf!« Und nur deshalb äußerte ich nichts von meinen Bedenken, um das in mich gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen; ich glaube, die meisten Heldentaten werden in solch einem passiven, aus der Furcht vor Anderen diktierten Handeln vollzogen. Langsam, Schritt für Schritt, ging es die Serpentinlinien durch den Schutt hinan; vor mir die grünen Wadenstrümpfe des Führers, auf die ich hoffnungsvoll starrte: solange sich die in gleichmäßigem Abstand von mir aufwärts bewegten, genügten auch meine Kraft und mein Können – an sie klammerte sich instinktiv mein Blick. –