»Verschnaufen S' mal und schauen Sie sich mal um«, gebot die Hochtouristenstimme hinter mir.

Verwirrt und erschöpft blieb ich stehen: umschauen auch noch?! Tat ich denn noch nicht genug? – Aber gehorsam spazierten meine Augen nach oben und unten, nach rechts und links: Steine, nichts als Steine, große, kleine, glatte, bizarrgeformte, aus der Felswand emporwachsende und wieder lose, die treulos unterm Fuß nachgaben – ein wüstes, ödes, steinernes Meer – –

»Nun?! – Was sagen S' aber jetzt?! Zum Hinknien, nit wahr? Diese Größe – diese Stille – heilig ist's wie in der Kirch'.« – Meine grenzenlose Verwunderung setzte sich allmählich in eine Art Wut um, während neben mir die Begeisterung immer neue Nuancen fand: »Da 'nauf muß man kommen, um wieder zu wissen, daß ma' a Mensch is – da kriegt man wieder an Begriff von der Allmacht – da geht eims Herz auf – Aber Sie sagen ja nichts, Sie! Ja, ja, da verstummen auch Sie einmal – aber schließlich, wissen möcht' i schon, was' denn für einen Eindruck haben und was Sie nun denken« –

»Raumverschwendung,« sagte ich kurz, »eine kolossale Raumverschwendung«.

Die Stille, die nun folgte, war so drückend, daß ich aus eigenem Antrieb, um die letzte Ehre zu retten, bescheiden hinzusetzte: »Was könnte man da für Korn bauen, wenn's eben wäre und nicht so viel Steine!« –

»Sie stehen also glücklich noch auf dem Standpunkt der Naturempfindung vor hundert Jahren – von der Ästhetik des Gebirges haben Sie keine Ahnung«, unterbrach mich der Hochtourist im plötzlich angenommenen, reinsten Hochdeutsch.

Und dann wurde ich ignoriert; an mir waren doch Mühe, Aufklärung und Naturschönheiten verloren. Aber über meinen Kopf fort floß zwischen Führer und Bergsteiger, denen nun Herz und Mund geöffnet waren, ein Strom von Touristengeschichten; von alten Führern, von Erstbesteigungen, von Neulingen im Gebirg und Führerlosen, die auf die harmlose Menschheit unter ihnen Steine herabrollen ließen; von neu entdeckten gefahrvollen Anstiegen, von »Sportbergen« und wunderbaren Errettungen, das alles gewürzt mit immer wiederkehrenden technischen Ausdrücken, wie: Grat, Kamm, Wand, Griffe, Tritte, Kamin, Couloir, Schlucht, Platte, Band – dem Jargon der Alpinisten, dachte ich verzweifelt und ungerecht. Aber von dieser mir bis dahin gänzlich unbekannten Nomenklatur und der Erkenntnis, daß ich also eigentlich schon hundert Jahre alt sei (nach dem Stand meiner Naturempfindung!), wurde mir ganz schwindlig – zum ersten und einzigen Male im Leben.

In diesem Moment äußerster Schwäche erreichten wir den Einstieg. Ich durfte mich hinsetzen, denn aus der Quelle in unmittelbarer Nähe wurden einige Becher voll klaren Wassers geholt, und außerdem mußten hier die Genagelten gegen die Kletterschuhe eingewechselt werden. Welch ein behagliches Gefühl schon, das weiche, schmiegsame Segelleinen gegen das harte, schwere Leder! Mir fiel ein, daß der Mann, der die guten, nie gestörten Nerven der Chinesen auf ihre seidene Fußbekleidung zurückführt, sicher recht hat. Meine Müdigkeit war verflogen. Mit Vergnügen ließ ich mir das Seil um die Taille legen, »die moralische Hilfe«, wie mir lachend versichert wurde; jedenfalls wohnt diesem Zauberband eine merkwürdig beruhigende Wirkung inne.

»Nun klettern S' mir nur nach! Immer hübsch langsam und erst einen festen Tritt für den Fuß und einen sichern Griff für die Hand suchen«, gebot der Führer.

Die hoffnungsvollen Grünen tauchten über meinem Kopf auf, und von Zeit zu Zeit traf mich ein ermunternder Blick des allein vorauskletternden Hochtouristen. Sonst war ich mir allein überlassen, nur durch einen dünnen Faden mit der Menschheit verbunden.