Und plötzlich besaß ich wieder wie auf dem Kapitol Seelenruhe, Muskelstärke, Gewandtheit und Schwindelfreiheit. Hier oben, angesichts der Felsen und der lustigen Kletterei, krochen meine hochtouristischen Begabungen wieder ans Tageslicht. Wie von selbst fand ich Griffe und Tritte – lagen sie einmal weit auseinander, so brachte mich ein Schwung sicher über die gefährdete Stelle fort; das Auge schärfte sich und maß genau die Entfernungen ab, jedes Glied gehorchte dem Willen, und alle turnerischen Kenntnisse aus der Kinderzeit fanden sich wieder ein.
»Das geht ja wie g'schmiert«, meinte der Führer einmal.
Der Hochtourist äußerte sich nicht; ich nahm an, daß ihn meine Fähigkeit nach den übrigen Beweisen meiner Unkenntnis und Unfähigkeit bitter wurmte. – Beim »Band« wurde ich ernsthaft verwarnt: ich begriff nicht, weshalb. Was für eine einfache Sache, über eine freiliegende Stelle, neben der es rechts und links zwar in die Tiefe geht, die doch aber dem Fuß festen Halt bietet, zu steigen! Und dann wieder vorwärts am Felsen entlang – zum erstenmal konnte ich ohne Neid an die Affen im Urwald denken, die sich gemächlich von Baum zu Baum schwingen.
»Gleich san mer oben!« Richtig, noch ein paar kleine Anstrengungen bis zum Gipfelgrat – wenige Schritte auf der Höhe selbst, und da waren wir! Auf dem höchsten Punkt des Berges, der mir wenige Stunden vorher noch so unerschwinglich hoch vorgekommen war. Eine tiefe Befriedigung erfüllte mich; ich hatte also wirklich mal etwas geleistet, hatte mich auf meine Kräfte verlassen und allein durch sie mein Ziel erreicht. Aber dann sank mein ganzes Selbstbewußtsein in sich zusammen vor der Schönheit und der Gewalt des Panoramas, das sich vor meinen Blicken auftat. Ja, hier herauf mußte man kommen, um sich wieder eins mit der Natur zu fühlen – mir war, als sähe ich zum erstenmal der Welt voll ins Antlitz: so schön also war sie, so wunderschön – »Und er führte ihn auf einen hohen Berg und zeigte ihm die Herrlichkeiten der Welt zu seinen Füßen und sprach: ›Dies alles will ich dir geben‹« –
Aber in diesem Augenblick, in der heiligen Stille dort oben, besitzt man ja alles, was der Blick umfaßt; und in der demutsvollen Erkenntnis der eigenen Bedeutungslosigkeit so vieler Größe und Allmacht gegenüber wird man wunschlos.
Der Hochtourist trat auf mich zu und gratulierte mir, er war ganz erschüttert. Aber seine Rührung entsprang einer anderen Quelle als die meine: er hatte mich ja entdeckt – auf dem Kapitol – und mit dem sicheren, nie zu täuschenden Blick des Kenners hatte er die verborgenen Talente geahnt. Freilich, daß sie so groß sein würden –! Es war erstaunlich. Und wenn ich mich bergrunter ebenso bewähren würde –
»Ich habe nie an mir gezweifelt«, sagte ich kaltblütig; wozu jetzt noch meine schwachen Momente verraten?! Überdies würde sie nach dem gelieferten Fähigkeitsbeweis niemand mehr glauben wollen; auch für mich traten sie endgültig in verschwimmende Fernen zurück.
Dann kam das Frühstück; und mit der Kräftigung des leiblichen Menschen wuchs mein Mut ins Ungemessene empor – bis hinauf zu den allerhöchsten Gipfeln der allerhöchsten und -schwierigsten Berge! So war ich zur »Hochtouristin« geworden.
Hochtouren mit allerlei Hindernissen.
Zell am See! Der Name trägt sicher für viele oder sogar fast alle, die es je besuchten, die Erinnerung an ein kleines alpines Paradies in sich. Welche Rundsicht, nicht wahr, von der Seite des Sees, diese Berge, die sich da aneinander reihen, die stolze Pyramide des Kitzsteinhorns, Brennkogel und Schwarzkopf, Grieskogel und Hocheiser und wie sie alle heißen; nicht zu vergessen die Schmittenhöhe, auf der sich's so herrlich Kaffee trinken läßt – und am »drüberen« Ufer das hübsche Bruck und Schloß Fischhorn. Und dann dieser See selbst mit seinem angenehmen Bad und der Möglichkeit, Kahn zu fahren. Ja, die Leute sind hier glücklich; das sieht man ihnen an, wie sie im Deandl- und Buamkostüm umherlaufen und sich ganz der ungebundenen Natur angepaßt finden. Aber in mir sitzt Ungeduld; was andere beneidenswert finden: einen längeren Aufenthalt an diesem Ort, an dem sich »fesches« Badeleben mit Primitivität verbindet, das macht mich allmählich nervös – zum Heulen! Der schöne See kommt einem fad vor, so ungerecht wie es ist, wenn man viele Wochen im Norden am Meer war, von den Klippen direkt in die Tiefe sprang, sich auf den Schären vom Schwimmen ausruhte und sonnte und nachts im Schlaf das ewige Brausen in gleichem Rhythmus hörte. Nein, man ist nicht des Sees wegen da, und es genügt einem nicht, die Berge so schön aufgereiht liegen zu sehen – hinauf möchte man, mitten hinein ins Herz der Berge! Aber es regnet tagelang; zärtlich, weich, beschwichtigend, als wenn man droben in den Wolken lache über den ohnmächtigen Zorn der Erdenkinder. Dann soll's eines Morgens losgehen: biegen oder brechen! Man hält die Deandl einfach nicht mehr aus, die Buam noch weniger – Einsamkeit will man und sich Wege suchen, auf die der große Fremdenstrom nicht fließen mag. Aber es biegt sich nicht, sondern bricht erst mal; nämlich das rechte Schlüsselbein meines Hochtouristen, der sich mit Grazie über Abgründe schwingt, Kamine durchklettert, als handle es sich um Verandatreppen, sich von den »unmöglichsten« Punkten selbst abseilt – und den nun das Schicksal ereilt, als er mit kräftiger Hand den neuen Bergschuh im Hacken ausweiten will! Des Himmels Beschlüsse sind unerforschlich. Neuer Aufenthalt; neue Geduld; neue Freude am »feschen« Badeleben. Aber der Bezirksarzt tröstet: nach seiner Meinung liegt kein Bruch vor, nur eine Zerrung der Muskeln; ein paar Tage Eisumschläge – dann ist alles wieder gut! Nur merkwürdig, daß das Schlüsselbein im Dreieck emporsteht – wozu hat man einen Arzt zum Vater gehabt?! Doch über das, was man behauptet, wird nur gelächelt – und schließlich glaubt man gern, was man glauben möchte. Man wandert los; der Hochtourist mit etwas hängender Schulter unterm Druck des Rucksacks, aber man geht ja schließlich nicht mit den Armen. Den berühmten »Kesselfall« nimmt man natürlich unterwegs noch mit und steigt über den »Moserboden«, ein wirklich wunderbares Tal mit sprudelnden Wasserläufen und einer Umrahmung großartiger Berge und Gletscher, und nach kurzer »Futterrast« im Hotel Moserboden zum Heinrich-Schwaiger-Haus hinan. Eine gute Leistung für einen Tag – besonders die letzten zweieinhalb »steilen« Stunden, vom Moserboden empor, werden reichlich sauer, wie immer die ersten Tage, bis das Herz wieder richtig funktioniert und seinen Hochgebirgsschlag annimmt; dafür ist das Gewissen beruhigter: man tat doch etwas, man saß doch nicht müßig da – und morgen, ja morgen geht's auf das lange mit Sehnsucht umworbene Große Wiesbachhorn!