Ein paar andere Leute wollen auch hinauf; in tiefer Nacht – in der Gebirgssprache: der Morgen – blüht schon der Handel in der Hütte mit Tee, Speck, harten Eiern und Sardinen zum Mitnehmen. Etwas mühsam, denn es stürmt und die Luft ist so merkwürdig eisigkalt, klettert man über den Fochezkopf und erreicht den vereisten, schneebeladenen Kaindlgrat. Die Steigeisen werden angeschnallt, vorsichtig stapft der Führer voraus, um eine Spur anzulegen, die man gewissenhaft aufnimmt. Der Wind wird schneidend, die ersten Schneeflocken fallen. Gesicht und Hände prickeln. Wir erreichen eben die Wielingerscharte, da bricht ein Schneesturm los mit einer Gewalt, daß man nur noch wenige Schritte weit sehen kann. Keine Möglichkeit, weiterzugehen! Wir hatten beabsichtigt, eine wunderschöne, im ganzen auf zwölf Stunden berechnete Gletscherwanderung über den Bratschenkopf und die Glocknerin zur Franz-Josephs-Höhe zu machen – und mein Hochtourist, der sowieso von Herzen geschimpft hat, daß er für die an und für sich nicht schwere Tour einen Führer nehmen muß, weil er mich wegen seines Armes nicht fest genug an der Strippe halten kann, sagt jetzt nichts als: »Nun geht's aber in den Süden – auf der anderen Seite ist das Wetter immer besser!« Wir kehren um; denselben Weg über den Kaindlgrat geht's zurück, am Heinrich-Schwaiger-Haus vorbei – unverrichteter Dinge umkehren müssen, ist das schmerzlichste für einen Hochtouristen, zumal, wenn man schon so nahe am Gipfel war; dreiviertel Stunden hätten genügt, ihn zu erobern. Im Hotel Moserboden beschließen wir diese Episode, und nach kurzer Rast geht's »dolomitenwärts«. Allerdings ist sich mein Hochtourist nicht ganz klar, wie's dort mit dem Klettern sein wird. Aber die Versicherung des Arztes: »Wenn's auch weh tut, es schadet nichts – es wird bald vergehen«, läßt ihn noch immer hoffen. Kein Weg soll uns zu weit sein, um uns dem Süden heute noch näher zu bringen.
Zuerst geht's ganz bequem über den »Austriaweg« vom Moserboden aus, am Karlinger See vorüber durch die »Wintergasse«, die sich durch den mit Recht beliebten Schutt auszeichnet; für Fußsohlen und Knöchel eine Extraprobe! Nach fast drei Stunden kommt das Kapruner Törl, das zwischen Torkopf und kleinem Eiser hindurchführt und eine schöne Aussicht auf das unerreichte Wiesbachhorn bietet – ein schmerzlicher Anblick trotzdem! Ob's oben noch schneit?! Hier, immer noch auf einer Höhe von über 2600 m, tropft es sanft, aber kalt. Man selbst ist mittlerweile doch warm geworden, dazu die nassen Kleider; die verschiedenen Zustände, kalt, warm, naß, vertragen sich nicht übermäßig gut miteinander. Nun geht's hinab zum Riffelkees und lange über eine Moräne, die allerlei Sprünge über Spalten und Felsen erfordert, bis ganz hinunter ins Tal, über den Bach fort und recht mühsam, zum Teil auf in den Fels gehauenen Stufen, zur Rudolfshütte hinauf. Die Hütte liegt sehr schön und bietet gute Verpflegung – und Ruhe! Wenn man an das überfüllte Schwaiger-Haus zurückdenkt! Hier sind wir die einzigen Gäste. Aber zu lange dürfen wir uns nicht aufhalten! Ja, wir fangen doch erst an mit dem Ausruhen? Bewahre, wir müssen weiter. Erst wieder empor bis zur kreuzgeschmückten Höhe des Kalser Tauern, dann hinab über recht steiles Geröll, am Dorfer See vorüber, und über die unheimlichen Reste eines alten Bergsturzes fort, am Kalser Bach entlang zur Dorfer Alpe, die mit ihren grünen, fruchtbaren Matten nach all dem sterilen Schutt und Geröll, das wir bis dahin passiert haben, wirklich wie eine Oase anmutet. Bald darauf, in der Schutzhütte auf der Rumesoi-Ebene, bekomme ich meinen Kaffee, das einzige, was ich auf Bergtouren, auf denen ich es sonst gelernt habe die bescheidensten Ansprüche zu stellen, ungern entbehre. Und trocknes Brot hineinbrocken, wie wir es als Kinder nur am Sonntag durften, das erlaube ich mir im Gebirge alle Tage; es hält bei mir Leib und Seele zusammen. Endlich, nachdem die »Stiegenwand« überwunden ist, erreicht man in ein paar Stunden, über den Teischnitzbach fort, und je nach der Marschfähigkeit das hübsch und freundlich gelegene Dorf Kals. Eine gesunde Wanderung jedenfalls, mit dem häufig wechselnden Auf und Ab dazu – und in dem kleinen, weißgetünchten Zimmer des »Glocknerwirts« schlafe ich so fest wie wenig Schritte vom Haus fort die Toten unter ihren weißen Steinen. Dafür geht's am nächsten Morgen ganz behaglich im Kalser Tal entlang bis nach Peischlach, von dort per Wagen neben der rauschenden, breiten Isel her bis Lienz. Abermals unfreiwilliger Aufenthalt in diesem an und für sich netten Städtchen, dem ich die Erinnerung an mein erstes und einziges collier de chien verdanke: fleißige Wanzen haben es nachts Stich um Stich auf meinen Hals genäht – anfangs, als ich des Morgens erwachte, fürchtete ich, über Nacht den hier ortsüblichen Kropf bekommen zu haben. Aber es waren nur Wanzen – weiter nichts!
Es regnete nicht, sondern goß in unermüdlicher Bravour. Mein Hochtourist klagte über seine Schulter – bei dem Wetter kamen sicher rheumatische Schmerzen hinzu – sobald der Himmel nur eine kleine Pause in der Besprengung der Erde machte, flohen wir auf und davon, zu einem der »Unholden« hinauf, wie die Lienzer Dolomiten ihrer zerklüfteten Formen wegen genannt werden, auf den »Hochstadl« (2678 m). Der Aufstieg ist nicht beschwerlich, in etwa sechs Stunden erreicht man das Hochstadlhaus, und am nächsten Morgen, nach einer sehr kalten Nacht, über die Rudnigsscharte in gut zwei Stunden den Gipfel, der eine wunderbare Aussicht – auch uns! – ins Oberdrautal über die nahen »Unholden« und die ganzen schneeglänzenden Tauern bietet. Einen Abstieg suchten wir uns nach Süden selbst, er war nicht unschwierig, da wir durch dick und dünn – in diesem Falle Gestrüpp und Bäche – mußten, ohne jeden Weg. Mittagsruhe neben einem kühlen Wasserfall und abends gegen sieben Uhr – also nach einer Tagesarbeit von gut vierzehn Stunden – sahen wir endlich im Gailtal Birnbaum, das erwünschte, vor uns liegen.
Im Dorf, vor allem in dem einzigen Wirtshaus, wimmelt es von Soldaten; sie sind sogar auf den Treppenabsätzen und Korridoren einquartiert. Im Staatszimmer, vor dem Vertikow mit Glas und Porzellan, wird mir eine Lagerstatt errichtet. Aber die Soldaten haben noch eine Einquartierung mitgebracht, sie ist braun und sehr behende – meine Nachtruhe ist durchaus getrübt. Ich bin froh, als ich in der Morgendämmerung wieder den Rucksack auf die Schultern lege – mein Hochtourist hat eine seltsame Art angenommen, den Riemen auf der rechten Seite um den Oberarm zu schieben.
Der entzückende Weg durch das Valentintal und über das Törl gleichen Namens und die Aussicht, morgen den Monte Coglians zu besteigen, tröstet über alles hinweg; auch über den Regen – wir sagen euphemistisch »Niederschlag« – der gerade einsetzt, als wir die Wolayerseehütte, am kleinen Wolayersee gelegen, betreten. Beim Hüttenwirt und seiner Genossin ist große Aufregung: der Maulesel, der die Vorräte heraufschafft, ist wieder auf und davon: »ins Ausland hinüber«, sagt der lustige Wirt und deutet mit dem Daumen zur nahen italienischen Grenze. Der Maulesel ist gar nicht so dumm: er sucht ein wärmeres, jedenfalls trockneres Klima auf. Und wir, die wir in die Karnischen Alpen wollten, in die Dolomiten von Sappada und Cadore, auf die Cridola und andere derartige Gipfel, täten wir nicht am Ende auch gut, dem Maulesel zu folgen?! – Zwei Tage belagern wir den Coglians von Norden aus; zwei Tage darben wir, denn der Maulesel weidet noch immer in Italien –, dann steigen auch wir hinab ins Gelobte Land, bis nach Collina. Ein echt friaulisches Dorf, dessen Männer im Sommer auswärts, meistens in Deutschland arbeiten, während die Frauen die geringe Feldarbeit auf den Miniaturfeldern – oft nicht viel größer als ein Bettvorleger – besorgen; die ganz alten und ganz jungen Mannsleute spielen Boccia. Zwei Wirtshäuser stehen uns zur Verfügung, wir wählen das größere – von außen sind beide nicht gerade vertrauenerweckend. Aber mit den Schlafstätten ist es solch eine Sache: der Herr Karabiniere ist auf Besuch da – eine wichtige, beliebte Persönlichkeit, natürlich, denn man ist der Grenze nahe und verdirbt es nicht gern mit ihm! Aber der Herr Karabiniere ist viel zu sehr galant' uomo, um einer Dame nicht Platz zu machen. Er holt sein Gewehr und seinen Kamm aus dem Zimmer und marschiert ab. Ich bleibe erwartungsvoll stehen, um das Bettüberziehen zu überwachen: es ist schwer, meinen Wunsch nach frischer Wäsche begreiflich zu machen, sie ist doch so gut wie neu, und nur zwei Nächte hat der Herr Karabiniere – – Ich bleibe fest. Wenn's denn sein muß –! Darauf wird getuschelt, aus dem Fenster geschaut: er ist schon weit fort, der Herr Karabiniere! Da wird gleich die Matratze des Riesenbettes emporgehoben und aus den Gurten die zwei Gewehre geholt, die man vor der Obrigkeit verstecken mußte! Der Herr Karabiniere hat ahnungslos auf den Waffen geschlafen – besser als die Prinzessin auf der Erbse.
Nun belagern wir den Coglians von Süden. Zwei volle Tage lang. Es regnet so stark, daß wir kaum bis ans kleine Kirchlein gehen können; und zu jeder Mahlzeit bekommen wir »manzo«, Rindfleisch, mit Salbei gewürzt – der Geschmack geht gar nicht mehr von der Zunge. Mein Hochtourist klagt auch über den schlechten Geruch in seinem Zimmer; ich habe es untersucht und ihn beruhigt: Einbildung! Denn es steht kein drittes zur Wahl. Heute fordert er Käse zum Nachtisch: um den Salbei loszuwerden. Der Wirt verneigt sich, ergreift Teller und Messer, eilt den Korridor entlang – wir sehen es durch die Glastür unserer sala da pranzo – und verschwindet im Zimmer des Hochtouristen! Ich sehe dessen befremdenden Blick, sehe auch den Wirt harmlos zurückkehren und uns den Käse mit Schwung servieren. »Wo kommt er her, der Käse?« donnert mein Hochtourist. Ach, ahnungsloser Engel, seit zwei Nächten schlummerst du über den großen, gelben Käselaiben, die unter deinem Bett zum Trocknen liegen! Er wollte keinen Käse mehr, mein Hochtourist. Manche Menschen sind eigentümlich launenhaft!
Die Abende sind ein Idyll. Wir sitzen mit den Frauen auf den alten Holzbänken, die auf dem niedrigen Herd selbst herumstehen. Der Kessel hängt an langer Kette von der Decke über der glimmenden Asche, alles in der Küche, Plafond, Wände, Geräte sind mit gleichmäßiger, glitzernder, fester Rußdecke überzogen. Der »Rentier« des Dorfes kommt, um mit uns zu plaudern; auch er hat sein Geld in Deutschland erworben, »in 'of« (Hof) – er besitzt ein wackliges Häuschen und zwei Ziegen und braucht nicht mehr zu arbeiten. »Denn Reichtum«, so philosophiert er, »hängt von den Ansprüchen ab, die man an ihn stellt.« Oh, hätte ich auch zwei Ziegen – oder mehr noch: wäre ich mit ihrem Besitz zufrieden! – Aber ich bin noch weit entfernt von der Abklärung des Collinaschen Rentiers. Der Coglians bleibt unsichtbar, hinter Nebeln – ich dränge zum Aufbruch; vor allem, weil unten im Tal die vorangesandten Wäschepakete unserer harren.
An schönen Dolomiten vorüber führt der Weg; und an seltsamen Bergnestern mit übereinandergeklebten Häusern und winkligen, dunklen Gassen – oft führen nur Stufen von einem »Stadtteil« zum andern. Elende Holzbalkone hängen an den brüchigen Mauern, keine Gardine an den Fenstern, keine Blume, nichts Grünes ist zu sehen. So viel Verwahrlosung und Schmutz befremdet selbst den, der Süditalien kennt – dieser abgelegene Winkel von Friaul übertrumpft es! In San Stefano finden wir glücklicherweise die Pakete vor – wir haben auch zu unterst auf dem Leibe keinen trockenen Faden mehr! Von dem reizend am Zusammenfluß von Padola und Piave gelegenen San Stefano nehmen wir die Königlich Italienische Post; sie führt uns über Lorenzago durch das Tagliamento-Tal, also nach der Versicherung glaubwürdiger Reisender durch eins der schönsten Täler der Alpen. Ich muß diesen Reisenden glauben; denn ich habe nichts von dieser Schönheit gesehen. Die Königliche Post zog ein Verdeck über meinen Kopf, stellte mir zu Füßen einen Riesenkorb voll Obst und setzte an meine Seite in der engen Viktoria einen italienischen Papa, dessen dickes, blondes Kind als blinder Passagier zwischen uns geklemmt war. Mein Hochtourist hatte sich auf den Bock gerettet – er zog die Launen des Wetters denen eines Kindes vor. Ab und an sprang der italienische Papa, der einen gestreiften Samtanzug trug und Lackstiefeletten, die mit falschen Knöpfen besetzt waren, aus dem langsam fahrenden Wagen und stürzte sich mit seinem Gewehr ins Dickicht, um womöglich noch nebenher ein paar Singvögel zu erjagen. Dann fiel das dicke, schlafende Kind jedesmal um, erwachte und heulte, bis ich es endgültig zu mir herüberzog; so war ich doch zu etwas nütze; sehen kann man immer weniger, es scheint Tinte zu regnen.