Von der Stazione per la Carnia nimmt uns die Bahn über Chiusaforte und Pontafel bis nach Tarvis mit, eine wunderbare Strecke im engen Felsental der Fella, durch Tunnels und über schwebende Brücken in reicher Abwechslung. Wir genießen dankbarst die Großartigkeit der sich rechts und links bietenden Szenerie; denn es klärt sich auf! Wir wagen noch nicht darüber zu sprechen, aber als uns ein leichter Wagen nach Raibl fährt, blicken wir uns hoffnungsvoll an: sollte es wirklich –? Vielleicht erweisen sich uns die Julischen Alpen entgegenkommender, umsonst sind sie wohl nicht so beliebt; auch der König von Sachsen besitzt hier Jagdgebiete.
Sie entsprechen wirklich unseren Erwartungen, die Julischen. Wir können uns von Raibl aus aufmachen zum Manhart. Über den Predilpaß, an starken Fortifikationen vorüber, steigen wir im »Manhartgraben« aufwärts und erreichen nach gut sechs Stunden glücklich den Gipfel (2678 m); seine Rundsicht ist weit und schön, zu den Karawanken hinüber, zum Triglav und der charakteristischen Fünfspitz bei Raibl. Der Abstieg über die Lahnscharte ist fürchterlich steil, man freut sich, als man unten den oberen der beiden entzückend gelegenen Weißenfelser Seen erreicht – mehr noch, als man am unteren die nette Restauration entdeckt und eine köstliche Forelle serviert bekommt. Den Manhart, der sich von hier aus großartig präsentiert, grüßt man mit dankbarem Blick – man hat seine besondere Beziehung zu Bergen, auf deren Gipfel man gestanden hat! Man ist überhaupt zufrieden; ein gutes Mahl und die Aussicht auf bequeme Weiterbeförderung sind wohltuende Faktoren. Denn von Weißenfels bringt uns die Bahn nach Krainburg, am Zusammenfluß von Kanker und Save gelegen. Der Ort gilt für die Hochburg des Nationalitätenkampfes und höchst deutschfeindlich – ich erinnere mich mit Vergnügen an seine anmutige Lage auf einer Anhöhe, an das gemütliche Abendessen im alten Garten der »Alten Post« unter hübschen Arkaden und das Gefühl vollkommensten Ausgeruhtseins beim Erwachen am nächsten Morgen in dem großen, von Sonne durchwärmten Zimmer. Ich bin mit dieser slawischen Behandlung höchst zufrieden!
Auf leichtem Wagen rollen wir über Kanker bis zum »Poschner-Wirtshaus« – denn Landstraßen geht ein ordentlicher Hochtourist nur ungern! Den Steiner Alpen wollen wir einen Besuch abstatten, und zwar dem höchsten Gipfel dieser mächtigen Kalkalpen, die sich auf der Grenze von Krain, Steiermark und Kärnten erheben und uns mit ihren malerisch bewaldeten Vorbergen schon von weitem locken. Aber im Poschner-Wirtshaus wird Station gemacht; ich bestehe darauf, daß wir die Rückkehr des Wirtes abwarten, der zugleich auch als Führer dient; er soll uns begleiten, um den Rucksack meines Hochtouristen zu tragen. Es ist seltsam, wie bleiern ihm der Arm herabhängt, Schmerzen hat er keine, oder doch nur wenig, wie er versichert, aber meine Energie scheint ihm trotzdem willkommen zu sein!
Gegen Mittag wanderten wir zu dreien los; es ist drückend schwül, und wir halten es für ratsamer, die Nacht auf der Zoishütte zu bleiben, zu der ein schöner, aussichtsreicher Weg durch den Suhadolnikgraben und unter den steilen Wänden des »Greben« entlang über den Kankersattel führt. Die Zoishütte, auf 1792 m Höhe, liegt entzückend; ein einsetzendes Gewitter treibt uns aber bald ins Haus zurück. Es ist nebelig am nächsten Morgen, aber es kann sich klären, meint der Führer. Wir wählen den »neuen Grintouzweg«, der zwar schwieriger ist als der alte über den Südkamm, uns aber unsern Berg, den »Grintouz«, von seiner schönsten Seite zeigt. Durch ein Felsentor betreten wir einen Alpenvereins-Steig, aber die Markierung ist im Nebel schlecht zu finden, der Aufstieg überhaupt nicht leicht. Vorsichtshalber werde ich angeseilt: »Der Herr hat's fast nötiger«, meint der Führer. Ich sehe selbst, wie ungeschickt mein Hochtourist heute klettert, nur die linke Hand benutzt er und schiebt sich langsam an den Felsen empor. Statt der drei Stunden zum Gipfel (2559 m) brauchen wir vier – im übrigen ist es einerlei. Denn als wir endlich oben sind, ist der Nebel so dicht, daß man die berühmte Hand vor Augen nicht sehen kann, geschweige denn etwas von der Aussicht, die ein Studium der Karawanken, des Koschuta-Gebirges und natürlich auch der Steiner Alpen gewähren soll. Ein graues Meer wallt um uns her, und uns ist nicht einmal das Frühstück noch die Gipfelzigarre und -zigarette ein Genuß: seltsam schwül ist uns zumute – liegt es an der Luft? Der Führer mahnt zum Aufbruch: »nit geheuer« scheint's ihm. Wir beginnen den Abstieg; vorsichtig, denn er ist recht schwierig, klettern wir von Griff zu Griff; ich, als »Ungeübte« voran, habe meine liebe Not, feste Tritte für meine Genagelten ausfindig zu machen. In einem engen Felsenkessel sind wir, unheimlich starr ragen die Wände rings um uns empor, fürchterlich steil und tief geht es zu unseren Füßen hinab. Da – ein furchtbarer Donnerschlag! Unwillkürlich klammere ich mich an den Fels, der Nebel zerreißt, mit grausamer Deutlichkeit erkenne ich die Abstürze – »vorwärts, vorwärts«, mahnt der Führer. Ich klettere Fuß um Fuß hinab und versuche Ruhe zu bewahren. Denn gerade in unserer Höhe, mitten im Felsenkessel, steht das Gewitter. Der Regen peitscht mir ins Gesicht, die Blitze sausen zischend vorbei, schlagen in die Wände, Steine brechen los und krachen in die Tiefe – dabei ist es stockdunkel, nur auf Sekunden erfüllt schwefelgelbes Licht den Höllenschlund, in den wir hinab müssen. Einmal ducken wir uns unter einem überhängenden Felsen nieder, die Finger sind verklamt vom eisigen Regen, ein pfeifender Blitz, der dicht an uns vorbeifährt, treibt uns wieder empor. Schutz gibt's nicht, wir müssen es dem Geschick überlassen, wie und ob wir davonkommen. Einmal noch machen wir kurzen Aufenthalt, der Führer seilt auch den Hochtouristen an, der mit zusammengebissenen Zähnen, den gebrauchsunfähigen rechten Arm von der linken Hand unterstützt, abwärts klettert. An diesen Weg über die Mlinaskoscharte werde ich mich noch oft erinnern – man war »zu sehr in Gottes Hand«, wie's sonst vom Meer heißt. Endlich erreichen wir die Böhmische Hütte, die dem Slawischen Alpen-Verein gehört. Wir sind zu durchnäßt, um lange zu rasten – auch der Führer kehrt um: an die Tour will er denken sein Lebenlang!
Wir machen uns wieder auf, noch sind wir in über 1500 m Höhe; aus der Untern Rauni, in der die Hütte liegt, müssen wir durch die Seeländer Kotschna, drei Stunden munter bergab bis zum Stuller Wirtshaus in Oberseeland, das wir mittags erreichen. So gut hat mir selten eine Suppe geschmeckt – und wie friedlich das fruchtbare, schöne Land, durch das wir nun gemütlich schlendern – doppelt wohltuend unsern Augen nach den Schrecken in der Einöde dort oben! Die 21 km, die zwischen Oberseeland und Bad Vellach liegen, dünken mich eine Kleinigkeit. Über den »Seeberg« (1218 m), der von seiner Kanzel noch einen letzten, erlösten Blick auf die Steiner Alpen erlaubt, geht die Straße; die Kehren hinunter kürzen wir uns durch Fußwege, bei heller Sonne noch sehen wir das anmutig in Grün gebettete Bad Vellach vor uns liegen. Ein Glas von seinem berühmten Eisensäuerling wird probiert, dann ein Wagen bestiegen, der uns nach Klagenfurt, Kärntens schöner Hauptstadt, bringen soll. Wie ich mich auf meinen Koffer freue, der dort für mich lagert – und auf die Bäder im Wörther See; nach etwas Ruhe wird der Himmel uns doch noch zu einigen Gipfeln verhelfen.
»Ich muß vor allen Dingen zum Arzt«, sagt da mein Hochtourist. Über meine Hoffnungen fällt ein leichter Meltau: sollte es mit all den Hindernissen und Enttäuschungen der diesjährigen Bergfahrt noch nicht genug sein?
Mein Hochtourist hat körperlich in aller Stille einen Zuwachs bekommen. Der Arzt nennt ihn einen ungebührlich großen »Kallus«, der sich an der Bruchstelle des Schlüsselbeins gebildet hat. Er verordnet Ruhe, Massieren und andere mit dem Bergsteigen unverträgliche Maßnahmen – vorläufig muß man sich damit begnügen, die Berge von unten anzusehen. Klagenfurt trägt seinen Namen – für uns wenigstens – nicht mit Unrecht.
Ein Rekord war's aber doch, vier Wochen mit gebrochenem Schlüsselbein Bergtouren zu machen!