Auch für den, der im Sommer versuchte, durch einen vierwöchigen Aufenthalt auf dem Lande, im Gebirge oder an der See die Schäden zu reparieren, die achtundvierzig Wochen in der Großstadt seinen Nerven zugefügt haben, kommt, wenn die Herbstsonne lacht, noch einmal eine unbezwingliche Sehnsucht, sich aus der einengenden Unruhe der Straßen in die stille Öffentlichkeit der Natur zu flüchten. Vielleicht trägt er in sich das Bild der Dolomiten mit ihren tausend großen und kleinen Freuden, aber ihm scheint, dem Objektiv fehle ein Zug: er möchte das Gebirge im Wechsel der Jahreszeiten – als Residenz des Herbstes – kennen lernen. Der um diese Möglichkeit vor anderen Großstädtern reichere Münchener darf seinen Wunsch in die Tat umsetzen: in zwei Stunden ist er in Kufstein – vor ihm liegt, ihm vorläufig nur zarte, mit Wald bestandene Ausläufer zuwendend, der »Wilde Kaiser«. Ein wundervoller Weg, steil ansetzend, dann am Berghang entlang, in gemütlichem Auf und Ab, führt ihn in wenig Stunden ins Herz des »Wilden« – nach Hinterbärenbad, dem Ausgangspunkt für alle schwierigen und gefährlichen Touren der großen Kletterer. Das Totenkirchl, der Predigtstuhl, die beiden Karl- und die Fleischbankspitze – all die Bergriesen mit ihren vielseitigen, berühmten Auf- und Abstiegen liegen lockend bereit; und hier und da trifft man noch auf die »Echten«, die, im Gras hockend, mit dem Fernglas einen neuen, fast unmöglichen Weg ausspionieren und ihrem Ziel einen noch größeren Reiz hinzufügen möchten.

Aber die Saison der höchsten Gipfel ist doch vorüber. Wir bescheiden uns damit, vom Stripsenjoch durch die einst gefürchtete »Steinerne Rinne«, die jetzt auch durch Steiganlagen und Drahtseile gezähmt ist, zur hintern Goinger Halt aufzusteigen und den Gratübergang zur vorderen gleichen Namens, eine nette Kletterei, zu vollführen, um endlich der Elmauer Halt, dem höchsten Gipfel des Kaisergebirges, unseren Besuch abzustatten. Der milde Herbst hat den Tatendrang und die Kampfeslust besänftigt – man möchte genießen, noch einmal aus tiefstem Herzen Höhenluft atmen, aber ohne gewaltige Anstrengungen machen zu müssen. Die Tage sind auch zu kurz, vor sechs Uhr wird es kaum hell und von fünf Uhr ab beginnt bereits die ungemütliche Dämmerung. Dazu kommt, daß man wieder und wieder stehen bleibt, um den Farbenrausch ringsum zu genießen: immer eine neue Nuance, das Graugrün der Fichten zwischen dem Goldgelb der Birken, dem Schwefelton der Eschen, dem Rostbraun der Buchen und Eichen; und immer neue Bilder der in diesen Rahmen gefaßten Sennhütten und Dörfer, in der klaren Luft so nahe gerückt, als könnte man sie mit wenig Schritten erreichen. Und welche Prachtaussicht von den Bergen! Bis in die fernsten Fernen reiht sich Gipfel an Gipfel, über den vorderen, wie mit dunklem Samt bezogenen Ketten erheben sich die weißen Linien der ewigen Gletscher. Ein Panorama, wie es zum Beispiel »die Elmauer Halt« bietet, ein sehr lustiger Kletterberg von nur 2344 m Höhe – also ein »G'lump« in eines Sportmanns Augen! – kann man kaum in den Dolomiten oder Hohen Tauern genießen. Der ganze Höhenzug der Zentralalpen, von den Niedern Tauern bis zu den Ötztaler Alpen, die Loferer Steinberge, der Karwendel, das Wettersteingebirge, breitet sich vor dem Blick aus; der Inn zieht seine glitzernde Schlangenlinie durchs Tal, und durch eine Lücke zwischen dem Treffauer und dem Kaiserkopf leuchtet in herrlichem Tiefblau der Hintersteiner See herauf. Die Gletschermeere des Großglockners und des Großvenedigers schließen mit ihrer feierlichen Schönheit den Horizont nach Süden – in lieblichster Anmut und bezauberndem Kontrast bauen sich fast am Fuß des Berges mit ihren weißen Kirchlein die Dörfer Going und Elmau auf, während weiter draußen in der Ebene der Häuserkomplex von Kitzbühel und ein Eckchen von St. Johann sichtbar werden. Die Glocken tönen mahnend herauf, ein leises Rollen in der Ferne erinnert daran, daß es dort unten Eisenbahnen, Unruhe, Städte und – Pflichten gibt – seufzend macht man sich daran, wieder in die Unterwelt hinabzusteigen.

Ein neues Vergnügen harrt des Herbstläufers: die Gruttenhütte ist schon geschlossen, ein Alpinist aber besitzt den Schlüssel; die Läden werden aufgestoßen, um noch möglichst viel Sonne hereinzulassen – und dann beginnt das Robinson-Crusoe-Spielen! Jeder bekommt sein Amt, der das Feueranmachen, jener das Zusammenstellen des Menus, dessen einzelne Gerichte den verschiedenen Rucksäcken entnommen werden, der dritte besichtigt oben die Lagerstätten, der vierte aber kommt mit der Trauernachricht zurück, daß es aus der Quelle nur sehr bescheiden tropfe: in einer halben Stunde ungefähr ein Viertellitermaß voll! – Aber wie können Reissuppe aus Tafeln, Tee aus Konserven, Zitronenlimonade aus Pastillen hergestellt werden ohne das göttliche Naß? Und einmal am Tage – wenn auch ohne jede Verbindlichkeit! – möchte man sich doch wenigstens die Hände waschen. Ja, ja, die negative Wassernot ist im »Kaiser«, wie in jedem Kalkgebirge, groß und nach der langen Trockenheit doppelt bemerkbar – –. Aber allgemeine Redensarten nützen nicht; und die beiden besten Bergsteiger, denen plötzlich neidlos von allen Seiten ihre hervorragenden alpinen Qualitäten zuerkannt werden, müssen sich entschließen, noch einmal die »Genagelten« gegen die bequemen Hausschuhe einzutauschen. Mit Eispickel, Kessel, Eimer und Pfanne ziehen sie aus – wie konnte man nur zaudern? Am Herd steht ja auf einem prunkvollen Zettel: »Man bittet, den Wassergrant (den Beikessel) vor dem Anfeuern mit Schnee zu füllen« – also! Da man selbst nicht mitzugehen braucht, findet man diese kleine Extratour zur nächsten Schneehalde – eine gute halbe Stunde hin und zurück – höchst amüsant.

Endlich ist nun auch das Mahl bereitet; beim besten Willen war ja an den Konserven nichts zu verderben, dennoch fühlt man sich stolz auf seine Produkte! Und die Konkneipanten finden den Tee besonders aromatisch, die Zitronenmischung auf der Höhe aller Limonaden; vielleicht ist der gute Bergappetit nicht ganz verdienstlos an dieser Begeisterung, denn sogar die pièce de résistance, die Mettwurst, die ihrem Umfange nach der »Wurst ohne Ende« auf dem berühmten Bilderbogen gleicht, wird, natürlich nur mit Rücksicht auf die Rucksäcke, bis zur letzten Scheibe gewissenhaft verteilt. Der enge Küchenraum und die heißen Getränke erwecken noch einmal den Wunsch nach frischer Luft; nur die Faulen, ganz Unpoetischen kriechen mit vollem Magen ins Bett. Aber draußen ist's wundervoll, warm und windstill, wie kaum je an einem diesjährigen Sommerabend, aus der Ebene blinken freundlich die Lichter herauf, und auf den Abstürzen des Treffauer liegen dunkle Schatten, die sich mehr und mehr verkürzen – ein silbernes Leuchten füllt die Luft. Atemlos wartet man: da, endlich, schiebt sich das volle, weiche Antlitz des Mondes um die tiefschwarze Spitze der vorderen Goinger Halt herum – und alle Berge umstehen das kleine Plateau, das die Hütte trägt, in klarstem, weißem und doch so köstlich zartem Lichte.

Rein und frei wie hier oben in der staublosen Luft erstrahlt der Zauber des Mondes in der Stadt niemals – nur auf den Höhen oder über der Unendlichkeit des Meeres enthüllt er den vollen Reiz seiner Schönheit. Die einfache Kammer, die man schließlich zur Ruhe aufsucht, verwandelt er in einen Raum mit Marmorwänden, und selbst im Schlaf glaubt man in einem Märchenlande zu sein, in dem alles, was man anrührt, sich in Silber und Gold verwandelt. – Der Ruf nach Befriedigung der materiellen Bedürfnisse erweckt die Schläfer etwas unsanft aus glücklichen Träumen. Aber ehe der Kampf mit dem widerspenstigen Herdfeuer neu begonnen wird, beobachtet man, trotz aller hungrigen Mahnrufe, den viel leidenschaftlicheren Krieg da draußen: noch immer segelt die silberne Scheibe sanft durch die azurnen Lüfte, aber im Osten ziehen glutrote Streifen auf und bereiten der großen Siegerin den purpurnen Triumphesweg – der ganze Himmel gerät in Aufregung beim Nahen seiner Königin! Unten im Tal lagern kalte, weißgraue Nebelschleier über Wald und Flur wie die Sorgen über den Stätten der Menschen. – Und für »die nach uns« mit ihren Ansprüchen und Bedürfnissen setzt man die Hütte großartig instand; mit dem Eifer einer sich plötzlich auf ihre Pflichten beim Abgang besinnenden Küchenfee: die Nachfolgerin soll ihr nichts Schlechtes nachsagen dürfen. Sogar die Lampe füllt man wieder voll Petroleum – es ist rührend! Oder ist man am Ende so voll Dank für die köstlichen Tage, daß man sich in solch unendlich naiver Weise dafür betätigt? – Doch in diese Abgründe des menschlichen Herzens läßt's sich nicht mit einer Petroleumlampe leuchten.

Abwärts geht's; durch goldgelbe Farren und ganze Korallenfelder des Blaubeerenkrauts; die Pilze tragen Krönchen, und die Brombeeren sehen mit melancholischen schwarzen Augen auf die Vorwärtshastenden. Was nutzt es? Zurück in die Alltäglichkeit, ihr Menschen! »Auf seligen Höhen wohnen die Götter ...«

Auf Deutschlands »Allerhöchstem«.

Für jemand, der das Gebirge liebt und Gipfel nicht nur von unten bewundern mag, ist es eine gelinde Folterqual, tagelang im Schatten eines prächtigen Bergmassivs zu sitzen und wegen andauernder Witterung, worunter in den letzten Sommern ja nur schlechte zu verstehen war, nicht hinaufzukönnen. Zudem lag mir jemand, dessen junge Beine ihn erst einmal bis zu einer »Hütte« hinaufgetragen hatten und der sich deshalb nach dem ersten Waffengang mit den Felsen sehnte, Tag und Nacht in den Ohren, daß eine ehrenhafte Mutter ihr Versprechen unter allen Umständen einlösen müßte. Aber ich, die Erfahrene, Erprobte, wartete, bis alle Umstände sich gut vereinen ließen, das Wetter wirklich aufklarte, der Barometer stieg und ein hellerer Schein, den man in weniger zweifelhaften Zeiten harmlos für Sonne erklärt haben würde, sich über die Matten breitete. Bis dahin war ich stets unter der Ägide eines sehr Bergkundigen gegangen – heute traf mich die Verantwortung allein. Ich wählte deshalb einen alten, treuherzigen Führer, mit Augen, in denen sich die stille Bergsonne gesammelt hat, von ruhigem, ungeheures Vertrauen einflößendem Wesen und im Besitz einer deutschen Aussprache, von der man wenigstens einige Brocken verstand. Das letztere schien mir für die Verständigung unterwegs auch nicht ganz gleichgültig zu sein. –

Wir unternahmen nachmittags in gemütlichstem Tempo den Aufstieg zur Wiener-Neustädter-Hütte, rasteten an den zwei traditionellen Plätzen, bewunderten die Aussicht auf Biberwier, Ehrwald und Lermoos, die nur ganz wenig verschleiert war, sahen einen Gamsbock, einen echten, lebendigen – nicht so einen, wie er in der Sächsischen Schweiz auf einem kleinen, winzigen Felsblock steht – bewegten uns kühn über die letzten, noch arg verschneiten Steige und standen bei einer plötzlichen Wendung dicht vor der Hütte – eine ihrer angenehmsten und bei Hütten seltenen Eigenschaften; denn gewöhnlich sieht man diese heißersehnten Stationen schon stundenlang vor sich liegen und scheint ihnen statt näher immer ferner zu rücken. – Durch ganz besondere Protektion erhielten wir eine schmale Dachseite, in der zwei Federmatratzen am Boden lagen, für uns allein. Ich empfinde den Mangel an jeglicher Bettwäsche immer noch als störend; heute war es wenigstens so kalt, daß man gern seine Kleider anbehielt. Nach warmer Suppe im überfüllten Speiseraum bildeten wir uns ein, uns nach Ruhe zu sehnen, und kletterten die Hühnerleiter zu unserer bevorzugten Ecke wieder empor. Aber mit dem Schlafen auf den Hütten ist es ja selten etwas. Entweder man friert oder man wird durch die leisesten Bewegungen des Nachbarn gestört, die sich durch die dünnen Wände verraten. Diesmal fror man und hörte rings die Unruhe; und als wir eben eindämmerten, brach unerwartet ein furchtbares Gewitter los, unsere Dachseite stand andauernd im Feuerzauber der Blitze – und dann ein Getöse, als sollte die Welt untergehen! Ein geisterbleiches Gesicht erhob sich von der Nachbarmatratze, und eine bängliche Stimme fragte: »O Gott, Mutter, was war denn das?!« Und wie im Märchen antwortete ich, meine eigene, eben überstandene Todesangst, die Lawine möchte uns mitsamt Hütte und Dachseite ins Tal wehen, mutig überwindend: »Das ist der Wind, mein Kind! Das klingt im Gebirge immer so!« Das Zähneklappern von nah und fern hörte während der kurzen Nachtzeit nicht auf; man war froh, als um drei Uhr zum »Wecken« geklopft wurde – eine fast überflüssige Prozedur!

»Glücklicherweise«, sagte der Führer, habe es Neuschnee gegeben. Deshalb wurden wir schon angeseilt, als die Kletterei begann, und die dicken Wollhandschuhe, die ich, die Erfahrene! mitgenommen hatte, kamen hoch zu Ehren. Der Schnee erleichterte aber den Aufstieg bedeutend – in knapp zwei Stunden waren wir auf der Spitze, die so in Nebel gehüllt war, daß wir uns am meteorologischen Turm und der Hauswand entlang fühlen mußten, um den Eingang zum schmutzigsten und verwahrlosesten aller Hüttenräume, die ich je gesehen habe, zu finden. Zudem war er so überfüllt, daß wir nur abwechselnd sitzen konnten; Leute von der Knorrhütte, sowie über Nacht hier oben gebliebene Touristen – vor deren Selbstüberwindung ich die größte Hochachtung hege! –, zahlreiche Führer, denen der Nebenraum zu kalt war, die beiden Wirtschafterinnen, die auf dem winzigen Herd, auf dem zugleich Dutzende von Pantoffeln getrocknet wurden, kochten und brieten, dazu die Luft voll Tabaksqualm und dem Dunst feuchter Kleider – nein, eine Erholung bot der Aufenthalt nicht, noch weniger die Speisen, die nur von den Preisen gewürzt waren. Aber – bald wird ein neues Haus erstehen – hoffentlich wird damit auf dem beliebtesten deutschen Gipfel auch sonst manches anders!