Unten im Tal schied man endlich am späten Nachmittag in vollster Harmonie. Am Abend wollte der Doktor in einem einfachen Wirtshaus einen theoretischen Vortrag halten, und wenn Konny auch im voraus sicher war, wieder kaum etwas zu verstehen, so freute sie sich doch herzlichst auf das Zusammensein mit all den frischen, jungen Menschen. Hatte sie bisher als einzige Unterhaltung doch nur ihre Wirtin gehabt, deren ausgeprägten Dialekt sie überhaupt nur in besonders glücklichen Momenten verstand – aber seit heute war ihr, als trete sie auch in ein besseres Verhältnis zur Natur; nichts mehr schien ihr fremd oder überwältigend, wie im Anfang, an dieser Hochgebirgsszenerie, und wie sie so zurückwanderte, den geschmähten Rock über der Schulter hängend, kam es ihr vor, als habe sie eigentlich ein neues Leben begonnen. Der Sport mußte doch von allgewaltiger Macht sein!
Am Abend, neben dem Architekten sitzend, hörte sie gespannt zu. Und da ihr Humor nun einmal fest anerkannt worden war, lachte er ungeniert über ihre leisen Bemerkungen, die sie in den Vortrag des Doktors einstreute, während Konny ein paarmal dachte, daß es, nach dem sinnlosen Lachen ihres Nachbars zu urteilen, in seinem Hirn nicht ganz richtig sein müsse.
Dann wurden Lichtbilder angekündigt. Der Doktor wandte sich verbindlich lächelnd an Konny, als wolle er ihre Zustimmung einholen – oder auch ihre Verzeihung – wies auf die weiße Leinwand und sagte unter lautem Gelächter ringsum: »Das Talbein«.
Konny lachte mit. Auf der Leinwand stand sie selbst, hilflos und schwankend, in einer wenig vorteilhaften Kleidung: einem oben zu weiten und unten zu engen Beinkleid. Sachlich konstatierte der Doktor die Fehler ihrer Haltung, der Fußstellung, der Handhabung ihres Stockes – und bewies auf allen folgenden Bildern, die immer nur wieder sie zeigten, daß sie ein vollkommen typischer Fall des Anfängertums sei. Darnach schien es ihr ja wirklich, als habe sie mit besonderem Instinkt alles und jedes verkehrt gemacht!
Ja, sie lachte fröhlich mit bei jedem Konterfei; und nur dem Architekten kam es ein paarmal vor, als zittere sie leicht. Aber sie mochte wohl übermüdet sein.
Wirklich erhob sie sich nach schicklicher Pause, als der Vortrag beendet war, und verabschiedete sich. Energisch lehnte sie die Begleitung des Architekten ab, doch er gab es nicht zu, daß sie den weiten Weg durchs Dorf allein machte. Zum Sprechen unterwegs aber konnte er sie nicht bewegen – was fehlte ihr nur?
Erst auf der obersten der drei Steinstufen schien sie wieder Atem zu bekommen.
»Haben Sie Dank, Herr Architekt,« sagte sie mit merkwürdig ruhiger Stimme, »Sie haben mir eine gute Lehre gegeben! Durch Sie bin ich veranlaßt worden, am Kurs teilzunehmen – durch Sie, meinen Rock abzulegen – und ich irre mich wohl nicht, wenn ich Ihnen auch das hinterlistige Photographieren verdanke.«
»Aber ich schwöre ...«, fiel er ein.
»Ach was,« entgegnete sie hastig, »schwören! Nachdem man falsch und verräterisch und – und – schadenfroh gewesen ist! Sie haben ja gewußt, daß ich auch nicht das geringste von allem verstanden habe – weder vom Bergbein noch vom Talbein – und dennoch haben Sie sich über mich lustig gemacht! Pfui!«