Er starrte noch immer Frau Deixlmairs tannene Tür an, als sie schon längst hinter ihr verschwunden war. Ein merkwürdiges Mädel, diese Pfälzerin! Eigentlich dumm oder doch begriffsstutzig – und wieder klug genug, um das einzusehen und noch mehr: um es sogar zuzugeben! Welche Frau tat das wohl sonst?! Gewiß nicht viele. Er pfiff zwischen den Zähnen und sah lange, lange die Tür an. Humor, wie sie alle gedacht hatten, besaß sie also nicht – und doch Taktgefühl, ungeheuer viel Taktgefühl. Eine andere, der plötzlich über sich selbst und ihre Leistungen so öffentlich ein Licht aufgesteckt worden wäre, hätte vielleicht eine Szene gemacht oder geheult – oder sonst irgend etwas. Diese da war sehr tapfer – das hatte sie eigentlich schon den ganzen Tag bewiesen, an dem sie sich so redlich mühte und nicht die geringste Hilfe durch Überlegungen gehabt hatte – schade! Denn nun würde sie natürlich nicht mehr wiederkommen! Schade! Der ganze Kurs war ihm verleidet.

Aber am andern Morgen stand sie tapfer wieder da, beim Treffpunkt. Und ihm nickte sie freundlich und harmlos zu.

»Donnerwetter,« dachte er wieder, »sie ist anders! Die meisten wären schmollend zu Hause sitzen geblieben oder hätten den Ärger benutzt, um sich zu drücken.«

Sie wurde auch keine Musterschülerin des Doktors. Aber menschlich gute Eigenschaften entdeckte der Architekt noch zahlreiche an ihr im Laufe des sechstägigen Kurses. Da fragte er sie zum Schluß, ob sie nicht auch weiterhin zusammen durchs Leben fahren wollten, sie seien so schön eingeübt. Womit er allerdings im stillen wohl meinte, daß sie an seine Hilfe beim Aufstehen gewöhnt sei. Ihre Kunst bestand eben – im Hinfallen.

Aber auch diesmal las sie seine Gedanken und antwortete fröhlich: »Gut! Wenn du mich bei schwierigen Fällen nie fragen willst, ob ich nun das Talbein oder das Bergbein nehmen muß –! Das könnte ich nämlich nie entscheiden: aber Vertrauen mußt du haben, daß ich es schließlich doch recht mache.«

Und das Vertrauen besaß er.

Die Erfindung.

Immer wenn Frau Ellen Mahder von ihrer Arbeit aufsah, was allerdings nur geschah, um die Augen ein wenig vom Mikroskop auszuruhen, bemerkte sie, daß sich der Kopf ihres Nachbarn tief über seine Hände beugte – nicht ein einziges Mal seit acht Tagen waren sich ihre Blicke begegnet. Aber diese scheinbare Unermüdlichkeit täuschte sie keinen Augenblick: ein so wenig ernsthafter Mensch, der wenigstens in ihrer Gegenwart noch kein vernünftiges Wort gesagt hatte, war nicht imstande, sich von seiner Aufgabe absorbieren zu lassen; sie mißtraute ihm und seinem wissenschaftlichen Eifer aufs höchste. Und ebenso ärgerte sie sich über sich selbst, daß sie an diesen »faden« Doktor Zerpfang einen Gedanken verschwendete – und kehrte sofort mit aller Inbrunst zu ihren botanischen Untersuchungen zurück. Sie mußte ja auch doppelt pflichtgetreu und genau sein, um ihre Zulassung in die dunklen Räume der alten Akademie, die unter anderen auch der botanischen Station Aufnahme gewährt hatte, zu rechtfertigen. Denn die Frage dieses »faden« Doktors, ob sie studiert oder wenigstens das Gymnasium absolviert habe, mußte sie verneinen; aber sie interessiere sich nun einmal stark für Chemie und Botanik, und sie hoffte, ihre mangelnde Vorbildung durch Lerneifer – –

Er hatte ernsthaft genickt und sie aussprechen lassen, trotzdem sie sich vor Verlegenheit ein wenig im Satzbau verwickelte. Als sie endlich fertig war, sagte er: »Na, da können S' mir am Ende gleich erklären, was das bedeutet: C, A – C, A, O

Unsicher und zweifelnd hatte sie erwidert: »C, A – C, A, O? – C vielleicht Kohlenstoff, A – Argentum, O Oxygenium –«