Um vier Uhr früh tranken wir deshalb den »Tourenkakao«, packten harte Eier und Salami in den Rucksack und ließen den zukünftigen Radiumpalast, den jetzt noch eine Stearinkerze erhellte, hinter uns. Empor durch Wiesen, vorbei an leerstehenden Almhütten. Nach gut zwei Stunden ein recht ekelhafter Grasbuckel, auf dem man immer wieder Terrain zu verlieren statt zu gewinnen scheint, so rutschig ist er; dann pfadlos zum Gipfel. Schön?! Unbeschreiblich! Der Lago Maggiore in lichter Morgensonne, gerade noch sieht man das goldene Gegitter des Mondes in den dunklen Fluten vertauchen – leichte, lila Wölkchen um die schneebedeckten Gipfel, als Glanzpunkt des Gebirgspanoramas der Monte Rosa in strahlender Pracht und jetzt jedem banalen Vergleich unerreichbar, dazu die Mischabel, in greifbarer Nähe der stolze Basodino – und dann die Talblicke! Rauschende Ströme, blitzende Wasserfälle, duftige Wälder und überall auf Terrassen und Hängen, vom Grün der Weinberge umschlossen und von malerischen Kirchen überragt, Ortschaften und Dörfer, die immer aus der Ferne wie königliche Residenzen wirken und in der Nähe, ach, von solch schmerzlicher Armut und Verkommenheit sind. Im Augenblick aber freut einen nur die kostbare Schönheit ringsum – man möchte mehr und mehr von ihr haben! Also hinunter zum Sattel – mühelos gewinnt man ihn – und wieder aufwärts über einen steilen Fels- und Schneegrat zum Gipfel des Poncione di Trosa (1874 m). Hier gibt's dieselbe, nur noch erweiterte Aussicht, ein Frühstück im Schnee und dann eine Abfahrt, im Sitz, die steilen Hänge hinunter im Schnee, höchst amüsant und sehr verwegen über die tiefvergrabenen Buchenäste und Alpenrosenbüschen fort – recht groß kommt man sich vor! Ja – bis man plötzlich bis über die Hüften im Schnee feststeckt und das rechte Bein weder rück- noch vorwärts bewegen kann, so zäh umklammert es das Gezweig. Es ist zum mindesten ungemütlich, und wäre man jetzt allein – und bis Mittag frören die Zehen ab und vom Nachmittag an brauchte man von einem Paar Strümpfen nur noch den linken – es nützt nichts, »der« Hochtourist, der unten am Sattel steht und schreit und brillante technische Ratschläge gibt, nach denen jedes bessere Bein ein Korkenzieher würde, muß noch einmal herauf und mit Pickel und freundlichen, auftauenden Worten »der« Bein ausgraben. Es gibt einen unvorhergesehenen Ruck und Bein mit Genageltem schnellen dicht am Antlitz des Befreiers vorüber ans Tageslicht. Daß man sich nun erst recht noch einen Gipfel erkämpfen muß, steht fest. Vom Sattel geht's ziemlich bequem – was man in den Bergen so nennt, wo glitschige Platten, fatales Gestrüpp, steiles Gras und schließlich wieder harter Schnee nur angenehme Begleiterscheinungen sind – zum Gipfel des Madone hinauf (2050 m). Dies Auf und Ab ist durchaus interessant und wohltätig für die Geschmeidigkeit des Körpers, die Aussicht von hier auch noch weiter, noch imposanter, und eventuell noch ein halbes Dutzend Gipfel bequem bei Hand und Fuß. Aber ich bedeute meinem Hochtouristen ernsthaft, daß ich im Leben nie unbescheiden gewesen sei und mir bis vormittags 11 Uhr drei Gipfel genügten, und meine Kousine, deren erste Bergtour es war, erklärt, daß sie sich die Sache überhaupt ganz anders vorgestellt habe und keinen Schritt mehr aufwärts steigen wolle. Darauf fuhren wir froh auf dem Teil, den der liebe Gott zum Sitzen eingerichtet hat, über den Schnee, zum Sattel hinunter, trockneten an einer noch verlassenen Almhütte einige Kleidungsstücke in der mitleidigen, aber doch leis verstimmten Sonne, aßen den Rest der Salami und marschierten ab, auf recht miserablen Alpenwegen, zum Tal der Verzasca hinunter. Was vorher leichter Nebel war, verdichtete sich zu feuchten Niederschlägen; die Feuchtigkeit zu sanftem, starkem – dann brausendem Regen. Bis zum hübschen Mergoscia, das immer noch 735 m hoch liegt, triefte es von meinem guten Hut, und aus meinen Handschuhspitzen lief das Wasser. Aber nach einer Stärkung an entsetzlichem Kaffee, bei dem einem mal wieder klar wurde, wie gut man's hat, daß man den nicht täglich zu trinken braucht, besannen wir uns darauf, daß wir schließlich erst gut acht Stunden marschiert seien, abgesehen von der durch Rasten und Ausgraben verlorenen Zeit, daß die am Nachmittag fahrende Post vielleicht schon besetzt wäre und wir inzwischen keinenfalls auf eine Trocknung unseres inneren und äußeren Menschen zu rechnen hätten. Ich setzte den guten Hut wieder auf und durch das wildromantische Tal, in dem sich die Verzasca durch starre Felsen ihre Bahn gräbt – das also bei schönem Wetter jeden Lyriker begeistern würde – eilten wir mit zusammengebissenen Zähnen heimwärts. Zwei volle Stunden lang im alpinen Schritt. Rucksack und Hut vermehrten ihr Gewicht bedeutend. Den Regen aber kümmerte das nicht. Er tat ganz, als sei er in dieser Umgebung zu Hause und begleitete uns gastlich bis zur Schwelle.


Man muß nicht nur die Feste feiern wie sie fallen, sondern in einer Periode, in der das Wetter höchst beständig, nämlich: beständig schlecht ist, sich zu seinen Unternehmungen sofort auf die auch nur einigermaßen guten Tage stürzen. Solch ein »einigermaßener« Tag war's, den wir von Locarno aus zur Fahrt nach Bellagio benützten, nicht um die Reize dieses Glanzpunktes aller italienischen Seen in gemächlicher Ruhe zu genießen, um Spitzen, Intarsien oder »echte« Antiken einzuhandeln – etwas »Höheres« lockte uns seit langem, der Monte San Primo, der höchste Punkt der Halbinsel, die an ihrer nördlichen Spitze Bellagio trägt. Nach einem wohltuenden pranzo (Mittagessen) im Freien, auf der Terrasse des Hotels Florenz, den herrlichen See zu Füßen, gegenüber im wunderbarsten Blumenflor die Villa Carlotta des Herzogs von Meiningen, und nach einem ausruhenden Bummel unter den Palmen des Parkes Serbelloni, machten wir uns ans Werk, angefeuert vom Studium der Karte, die ungefähr verrät, was einen auf diesem Gipfel erwartet. Der Rucksack ist gottlob nicht schwer, denn die Luft ist fürs Steigen auf der bequem angelegten Straße immerhin schwül. In den Weinbergen schlagen sich schon grüne Bogen von einem Maulbeerbaum zum andern, aus dem hohen Gras ihrer Terrassen glänzen die weißen Sterne der Narzissen. Man denke: es gibt hier Wegweiser! Und so landet man nach dem Durchwandern einiger kleiner Ortschaften ohne alle Fährnisse in Guello, das schon 600 m hoch liegt und uns zur Nacht beherbergen soll. Im Bädeker steht bei diesem Namen: (Whs.) – bedeutet Wirtshaus –, ein »Allogio« dort gäbe es nicht, hatte uns der Kellner in Bellagio versichert. Das schien auch fast so; obgleich der Ort, in dem es außer einigen übrigens über das ganze Dorf verstreuten Villen nur vier Häuser gibt, zwei mit der lockenden Aufschrift »Ristorante« und »Birraria«, zu verzeichnen hat. Die Dämmerung war hereingebrochen; so konnten wir nicht mehr auf des andern Gesicht lesen, was als Hochmut und unberechtigte Anspruchsfülle zu deuten gewesen wäre. Ich trat entschlossen auf das wenigst schlechte Haus zu, in dem eine padrona, die genau so schwarz und so rußig war wie ihr Kupferkessel überm offenen Feuer, uns bedeutete, daß wir nicht allein Eier und Salami, sondern auch, o Wunder, ein kleines, von uns unbeachtetes Häuschen, dass unten eine große, etwas modrig duftende Wirtsstube und, durch eine Außentreppe zu erreichen, oben zwei ganz nette Gastzimmer aufwies, haben könnten. Die Betten sind in Italien auch im bescheidensten Nest gut, auch hier; von der übrigen Einrichtung nenne ich nur einen großen Haufen Schafwolle in einer Ecke, in der andern das Sonntagszeug der männlichen Hausbewohner. Salami und Eier schmeckten vorzüglich, das Brot mußte man sich im herben vino da pasto (Landwein) erst aufweichen; serviert war, auch wie überall in Italien, auf reinem Tischtuch mit Zugabe von tadellosen Servietten. Das bunte Tischtuch bleibt, Gott sei Dank!, eine deutsche Erfindung, dafür ist in ähnlichen, elenden Wirtshäusern unseres Vaterlandes die Serviette, die der Italiener zum einfachsten Imbiß spendiert, z. B. zum Kaffee oder Tee, etwas total Überflüssiges, Luxuriöses. Um halb vier Uhr rasselte im Nebengemach die Taschenuhr »des« Hochtouristen los, die immer dann geht, wenn man am besten schläft; zugleich versicherte die padrona, daß das Wetter schön und der Kakao fertig sei. Umgekehrt hätte auch nicht gestimmt: das Wetter war trübe, der Kakao schlimm. Aber man muß guten Mut haben! Es klärte sich auch ziemlich auf, so daß man seine Freude an den hier oben noch blühenden Obstbäumen und den sich eben erschließenden, alle Wiesen und Hänge bedeckenden Bergschlüsselblumen haben konnte. Da der weite Talkessel bis hoch hinauf größere und kleinere Sommerhäuschen der Milanesen trägt, geht der Fahrweg am Sasso Lentina, einem berühmten eratischen Riesenfelsblock, vorüber, bis zu einem Wäldchen hinauf, von dem jenseits die Alpe del Borgo liegt. Nun führt ein rauher Bergsteig durch Erikabüsche aufwärts zum östlichen Gipfel des Monte San Primo, den man nach gut drei Stunden betrübten Herzens erreicht; denn die Aussicht wird, bei diesem Nebel, der zuerst das Tal nach links, dann auch die rechte Seite schließt, kaum nennenswert sein. Man konstatiert ärgerlich, daß hier oben noch Schnee liegt, die Christrosen noch grün sind, das kleine, struppelige Buchengestrüpp kaum Knospen ansetzt – und dann, am östlichen Gipfel, zerreißt der Nebel plötzlich, See, Wald, Halbinsel, Ortschaften, Berge tauchen auf, die Wanderung am Grat entlang bis zum Hauptgipfel (1685 m), die noch eine gute Stunde beansprucht, wird zu einem wunderbaren Genuß! Das Kapellchen oben ist zerfallen, der Schutzraum noch voll Schnee – aber der Blick, der wunderbare, unvergleichliche Blick! Die Seearme von Lecco und Como umschließen den Bergrücken, auf dem man steht, die ganze Halbinsel mit ihrem köstlichen Wechsel von Wald und Hang, Villen, Parks und Ortschaften, mit Bellagio und den Städtchen und Dörfern am andern Ufer breitet sich aus, umschlossen vom prachtvollsten Bergkranz, in dem besonders die nahe Grigna und die herrliche Pyramide des Monte Leone, das Wahrzeichen des Comosees, fesselt. Und dieses Bild bleibt, während man den langen Rücken des San Primo abschreitet, ungefähr noch zweieinhalb Stunden, in stetem Auf und Ab, von einem kleinen Gipfel zum andern. Diese gemütliche Gratwanderung mit der großartigen Fern- und Nahsicht ist der Hauptreiz dieser Tour. Am aller- allerschönsten Punkt wird gefrühstückt – Salami und Eier! Dann geht's vom westlichsten Gipfel zuerst weglos hinab. Die großen, blauen Enzianglocken geben den Matten einen blauen Schleier, seltene Orchideenarten gesellen sich zu großäugigen Vergißmeinnichten und unzähligen, zartgelben Stiefmütterchen. Die Nachtigallen können kein Ende finden ihres sehnsüchtigen Gesanges; der Kuckuck mahnt aus der Waldesstille. Und Menschen –? Von Guello ab keine Seele; beim Abstieg die ersten wieder in Nesso, das anmutig genug am See liegt und an dem uns der Dampfer wieder aufnimmt und nach Como trägt. Man mag auch diese Menschenleere einen Reiz des Abstiegs nennen, der übrigens dreieinhalb Stunden dauerte. Die letzte Stunde aber, auf den gepflasterten Wegen nach Nesso hinein – Damen mit empfindlichen Sohlen oder Zehen ist er nicht zu raten! Diesen Reiz des Ausflugs könnte man entbehren.

»Den Monte Nudo,« sagte mein Hochtourist, »ja, den können wir noch morgen machen! Zwei so kleine Touren wie die auf den San Primo und den Nudo hintereinander dürften Sie kaum anstrengen.«

Über das »Dürfen« sind die Touren selbst gewöhnlich eigener Ansicht. Vor einer Höhe aber von 1235 m darf man natürlich die Waffen nicht strecken. Also von Como per Bahn nach Laveno am Lago Maggiore, immer auf italienischem Gebiet. Und nach der Nacht mit der Schafwolle ein höchst kultiviertes Quartier im hübschen Hotel Bellevue von Laveno, das einst Kriegshafen der Österreicher war (1849-50) und das gerade der Papa dieses meines Hochtouristen seinerzeit befestigt hat. Eine Erinnerung, die wir pietätvoll verschwiegen, denn sie hätte hier nicht gerade beliebt gemacht, obwohl die Befestigungen schon längst nicht mehr existieren. Wir bezeugten nur dem Denkmal zur Erinnerung an Garibaldis Alpenjäger, die hier am 31. Mai 1859 beim Angriff auf das Fort gefallen sind, unsere Ehrerbietung. Am nächsten Morgen – ohne Rucksack, nur mit Apfelsinen und einem photographischen Apparat – »besiegten« wir in zweistündigem, steilen Marsch die Pflasterwege bis hinauf nach Vararo. Wir waren dankbar, daß die Sonne nicht noch heißer brannte und die Steine von den Holzschlitten nicht noch glatter gerutscht waren. Man sollte sich überhaupt immer die noch schlimmeren Möglichkeiten vorrechnen, als über eine nicht ganz bequeme Gegenwart zu nörgeln. Das Dörfchen Vararo ist sehr malerisch mit seinen eng ineinander geschachtelten Steinhäusern und einer kleinen Kirche, hinter der der Sasso di Ferro einen imposanten Hintergrund bildet. Vielleicht waren wir dieser Offenbarung auch besonders zugänglich, weil dicht vorm Dorf die Landstraße einsetzte und die Sohlen direkt Mutter Erde berühren durften. Die weiteren anderthalb Stunden zum Monte Nudo hinan erschienen einem darnach leicht, angenehm – das Ideal eines Morgenspazierganges! Was der Gipfel an Ausblicken über den Luganer See, den Lago Maggiore und den See von Varese bietet, ist noch dazu eine großartige Belohnung; die Walliser Alpen in ganzer Ausdehnung und weit, weit die Ebene. Der helle Punkt im undeutlichen Steinmeer dahinten soll der Mailänder Dom sein; das erfüllt zwar mit Ehrfurcht, daß man so weit sehen kann, aber für das gewaltige Gesamtbild ist es kaum von Bedeutung. Daß der Monte Nudo seinem Ruf als schönster Aussichtspunkt der Gegend alle Ehre macht, steht fest; daran konnten auch vorübergehende Wolkenschatten nichts ändern. Wäre das letzte Bergab mit seinem horriblen Pflaster, das nun in voller Vormittagssonne brannte, nicht gewesen, so »dürfte« diese Tour zu den leichtesten und zugleich lohnendsten meines Berglebens gehören; so hat sie am Ende einen Stachel der Erinnerung. Das Wetter hielt sich noch immer, nämlich mäßig, und ließ alle Möglichkeiten zu. Weshalb da nicht noch einmal etwas wagen? Hatten wir den Camoghe, den »hervorragendsten Aussichtsberg« des ganzen Tessin nicht bereits dreimal umsonst belagert? Das viertemal mußte es glücken! Zurück nach Lugano, denn auf der Nordseite gab's noch zuviel Schnee und der Zugang vom Süden bietet außerdem noch den Vorteil, den Monte Garzirola und den Monte Segor, die man traversieren muß, gleich noch mitzumachen, also drei Gipfel auf einen Schlag! Es ließ sich auch alles vorteilhaft genug an: mit der Elektrischen von Lugano nach Tesserete, von dort in anderthalb Stunden gemächlicher Wanderung nach Maglio di Colla (in der Val di Colla), das trotz seiner hohen Lage (850 m) ein sehr mildes Klima hat. Im ganzen Tal kommen bis zu 1200 m hinauf noch Kastanien und Wein fort; im übrigen gedeihen hier besonders gut die Schmuggler, die zur nahen italienischen Grenze hinüberwechseln und sich ihren ehrlichen Lebensunterhalt durch inoffiziellen Export von Zucker, Tabak usw. verdienen. Denn in all diesen Gebirgsdörfern, auf schweizerischer wie italienischer Seite, gilt der Schmuggel als anständiges Gewerbe. Es kommt auch hier nur auf die Anschauung an. Die Eisenöfen, die einst dem Orte den Namen gaben – Maglio heißt Hammerwerk – sind längst eingegangen und haben schuld an der Vernichtung des Waldes; was also sollen die armen Leute tun? Genug sind auch ausgewandert, die Frauen dominieren in allen Dörfern des Tales. Uns berechtigte ein klarer, köstlicher Abend zu den schönsten Bergsteigehoffnungen. Der Hochtourist stellte seine liebenswürdige Weckuhr auf 3½, in Anbetracht der sehr langen Tour: Garzirola 2119 m, Segor ca. 2100 m, Camoghe 2296 m und auf 1057 m waren wir erst. Man bereitete seine Beine auf drei Gipfel vor. Aber die Rekognoszierung um halb vier ergab Nebel um die Bergspitzen, die um fünf Nebel bis zur Talsohle, die um sechs strömenden Regen! Der Camoghe wollte zum viertenmal nicht – es gab wieder nichts als heimfahren. Ob er je wollen wird? Wir lesen die Wetterberichte; sie lauten aus allen Orten in edler Abwechslung: coperto (bedeckt), pioggia (Regen), nuvoloso (bewölkt). Wir haben viel vor den andern voraus, bei uns ist alles drei: coperto, pioggia, nuvoloso. Und augenblicklich gießt es, wie seit drei Tagen unaufhörlich. Auf Wiedersehen, Camoghe!

IV. Im höchsten Tessin.

Bei zweimaligen längeren Aufenthalten am Lago Maggiore habe ich fast alle Täler, deren brausende, klare Ströme in die Silberschale des Sees münden, durchstreift, habe die Höhen erklettert, die seinen kostbaren Rahmen bilden, und mich immer wieder an den armen und doch so anmutsreichen, in Weinbergen gebetteten Dörfern der Ufer und Hänge erfreut. Freilich, das Geschick ihrer Bewohner ist nicht so heiter und glücklich, wie man leicht nach der Schönheit der Landschaft und dem gesegneten Klima annehmen könnte. Auf wieviele ganz verlassene Weiler trifft man nicht, während es in anderen Dörfern nur Frauen, Kinder und alte Männer gibt, da die arbeitsfähigen Männer in der Fremde ihr Geld verdienen müssen, zum Teil auch nach Amerika ausgewandert sind. Die Arbeit auf den Feldern und in den Weinbergen wird daher meist von den Frauen verrichtet, die solch ein bescheidenes Leben führen, wie es allerdings auch nur in diesem Klima denkbar ist.

Einer meiner interessantesten Ausflüge war nun der ins »höchste Tessin«. Die kleine Bahn, die durch die Valle Maggia fährt, brachte mich eines frühen Morgens – Abfahrt von Locarno um 5 Uhr 5 Minuten – Ankunft in Cevio um 6 Uhr 26 Minuten – (das zeitige Aufstehen lernt man bei diesen Gelegenheiten so nebenher!) an die Mündung des Campotales, das vom wilden Lauf der Rovana durchströmt wird. Eine schön angelegte Poststraße – überhaupt eine Spezialität der Schweiz! – schlängelt sich in unendlich zahlreichen Krümmungen am Abhang des Madone di Camedo hinauf. Die Postkutsche, mit zwei starken Pferden bespannt, sah ganz vertrauenerweckend aus; aber da ich vor der Abfahrt in unstillbarem Tatendrang noch die beaux restes irgendeines ehrwürdigen Palazzo besichtigte, hatte ein verbindlich lächelnder Pater den begehrten Platz neben dem postiglione eingenommen und ersuchte mich, wieder verbindlich lächelnd, seinen Hut und sein Täschchen zu bewahren. Ich trat diesen Gegenständen, wie meinem Rucksack, lieber meinen Sitz auf den heißen Polstern ganz ab und wanderte – zur Abwechslung allein, denn der Hochtourist trieb sich irgendwo in Kalabrien herum – im selben Tempo wie die armen Pferde aufwärts, allerdings häufig die steilen scorciatoi benutzend, die quer über die Kehren fortführen. Nach gut zwei Stunden erreichten die Pferde und ich etwas atemlos Cerentino, ein wirklich reizend gelegenes Dörfchen, von grünen Halden und Wäldern umgeben. Nun begann erst »programmäßig« meine Arbeit, denn die Poststraße und -fahrt endet hier. Geduldig nahm ich meinen Rucksack auf die Schultern, frühstückte an der ersten Quelle – ein Teil des Tagewerks, der mir stets sehr lieb ist! – und wanderte über die Anhöhe, auf der die Kirche des römischen Märtyrers San Bonifazio steht, ins Tal von Bosco hinein, über eine primitive Holzbrücke das linke Ufer des Wildbaches gewinnend und immer seiner Quelle zu, dem schmalen Saumpfad folgend, der die einzige Verbindung mit meinem Ziel, dem Dörfchen Bosco, bildet. Der Weg war erst seit einigen Tagen schneefrei – auf der anderen Seite lagen sogar noch mächtige, mit Geröll und Baumstämmen durchsetzte Lawinen, deren Sturz der Bach aufgehalten hatte und deren unbehaglichen Nähe man doch gern auswich! Sonst gleicht dieser gemächliche Aufstieg, bis vielleicht auf sein letztes Viertel, das sehr steil durch einen schattigen Lärchenwald aufwärts führt, fast einem Parkspaziergang; so anmutig, an Wäldchen und blumenbedeckten Halden reich, ist das Tal und die wunderbare Luft, von Tannenduft gesättigt, befreit von allen Nöten, unter denen man sonst beim Steigen leidet. Der gute Pater hatte mir noch beim Abschied freundschaftlich geraten, diese Partie aufzugeben, sie sei für eine Dame wirklich unmöglich! Die Italiener haben eben über körperliche Leistungsfähigkeiten besondere Begriffe, und ich fürchte, mein Ratgeber selbst hat sich noch nie auf diese »via brutta« gewagt! Dann und wann traf ich auf primitive Sennhütten, von winzigen Kartoffel- und Rübenäckern, oft nicht größer als ein Bettvorleger, umgeben. Die meisten Hütten standen noch leer, bis ich dicht vorm Walde nach vielen Wochen zum ersten Male wieder ein deutsches Wort von einer Bäuerin hörte! Zwar mußte ich bei unsrer Unterredung manches erraten, denn es war ein »Schwyzer-Dütsch« allerärgster Sorte. Aber es ist rührend, mit welcher Treue und Zähigkeit sich die kleine Gemeinde von »Gurin«, wie sie selbst ihr Dorf nennen, während die Italiener es nach seinem Waldreichtum »il bosco« getauft haben, Sprache und Sitte auf fremdem Boden erhält. Auch das Dorf selbst, das sogleich jenseits des Lärchenwaldes beginnt, unterscheidet sich im Bau der Häuser stark von der sonst im Tessin gebräuchlichen Art; es erinnert an Oberwallis, von dem aus ja auch die Kolonie hier im zwölften Jahrhundert gegründet wurde. Die heutigen Bewohner sind durch ihre Zugehörigkeit zum Tessin wie durch die italienische Umgebung gezwungen, italienisch zu lernen; leider bewilligt man ihnen auch keinen deutschen Geistlichen. Aber untereinander reden sie nur deutsch, und es machte mir viel Spaß, in den engen Gängen zwischen den Häusern – »Straßen« kann man unmöglich sagen! – die Kinder bei ihren deutschen Spielen zu beobachten. Auch Gurin ist sehr arm; und da die Männer als Vergolder, Schnitzer und Maurer in die Fremde wandern, betreiben die Frauen die Viehzucht, schleppen die Holzlasten auf dem Rücken heim und bestellen die Felder, die hier oben einen etwas größeren Umfang besitzen. Die Seidenindustrie, die nach den Reisehandbüchern hier betrieben werden soll, ist dagegen längst erloschen. Die ziemlich große Kirche, dem heiligen Jakob und Christoffel geweiht, enthält als größtes Heiligtum die Gebeine des hl. Theodor, von dem sich auch ein ziemlich unglückliches Gemälde vorfindet. Die guten Fresken der Kirche scheinen dagegen vom Maler Lorynis zu stammen, dessen Arbeiten ich auf diesem Ausflug noch mehrmals begegnete. – Das Wirtshaus »Zum Edelweiß«, das ich mir zum Übernachten bestimmt hatte – ein zweites, von Cevio aus gegründetes neues Hotel war leider noch nicht eröffnet – erwies sich selbst für meine auf solchen Ausflügen sehr niedrig geschraubten Ansprüche als »einfach unmöglich«. Ich aß dort zwar vorsichtshalber nur gekochte Eier, an denen, falls sie frisch sind, ja nicht viel zu verderben ist; aber selbst diese frugale Mahlzeit wurde mir leid, als ich die verwahrlosten Hühner und die nähere Umgebung, in der dies »Edelweiß« wächst, betrachtet hatte. Es blieb mir also nichts übrig, als den kleinen alpinen Spaziergang, der hinauf 2½ Stunden gedauert hatte, noch einmal nach Cerentino zurückzumachen. Dort hatte ich des Morgens ein Wirtshaus mit einer Terrasse gesehen – eine Seltenheit bei Dorfwirtschaften! – und an diese dachte ich nun, um mich selbst zu ermuntern, und mir das »Vernünftige« der Rückkehr klar zu machen. Vorher ein Schlaf im Lärchenwald, blaue Enzianen zu Häupten und zu Füßen – und von der Schlucht herauf, denn hier hat der Bach sich durch Felsen zu zwängen, das Brausen des Wassers als etwas kriegerische Schlafmelodie.

Und die Wanderung im Nachmittagsfrieden war so köstlich, daß ich sie wirklich nicht bedauerte und genug zu tun hatte, um nur alle Schönheit ringsum, das Lichtspiel auf den von allen Seiten herantosenden Wassern, über den Felsen und in den sanft rauschenden Baumwipfeln zu bewundern. – In Cerentino fand ich die Terrasse wieder und außerdem vorzüglichen Barbara, den mir die schöne französische Wirtin »della posta« zu ihren höchst schmackhaften Gerichten kredenzte.

Am nächsten Morgen bestieg ich einen kleinen Wagen, den der rundliche Gatte der schönen Französin lenkte. Die Break war leider beim Renovieren, und ich saß da, wo sonst Kälber und Schweine mutlos ihrem traurigen Geschick entgegen zu sehen pflegen. Aber ich bildete mir ein, schlecht gefahren sei besser als gut gegangen, wenigstens auf der Landstraße. Wäre der Paß nicht noch verschneit gewesen, so hätte ich es natürlich als brave Hochtouristin vorgezogen, mein neues Ziel »über die Berge« zu erreichen, jetzt vertraute ich mein Leben diesem Wagen an. Es war leichtsinnig; solch eine unbehagliche Straße bin ich denn doch selten gefahren! Nicht, daß sie in schlechtem Zustande gewesen wäre; aber sie geht beharrlich an steilsten Abgründen vorbei, und ist so schmal, daß jede ungeschickte Bewegung an den Kehren, an denen sie überreich ist, das Gefährt in die Tiefe stürzen muß. Gleich im Anfang schlugen wir, trotzdem es stark bergauf ging, ein beschleunigtes Tempo an; und auf meine Frage, die einem geängstigten Gemüte entstieg, erhielt ich die trostreiche Antwort, es sei Eile geboten, um nicht mit dem Postwagen von Campo zu kollidieren, denn Ausweichen sei unmöglich! Ja, das mußte ich schaudernd zugeben. Schließlich warteten wir gleich hinter dem Weiler Pedigiodi auf einer breiten Kurve, bis oben über uns aus dem Wald der kleine Postwagen, durch seine schwarze Plane einem Leichenwagen sehr ähnlich, herauskam und vorsichtig an uns vorüberglitt. Er beförderte übrigens keine Menschen, sondern nur Pakete und Briefe. Wir ratterten weiter – Kälber und Schweine scheinen unbeschadet jeder Elastizität ihres Gefährtes entraten zu können! – an Riva vorbei, das anmutig auf grünen Wiesen am Rande der Rovana gebettet ist und als vis-à-vis das düstere Campellotal, vom unheimlichen Molineva verriegelt, ertragen muß. Nach gut zwei Stunden schwerer Arbeit für das Pferd sowohl wie für die eigene Beherrschung, denn ich fand, man sei wie auf dem Meer auch hier etwas zu sehr in Gottes Hand, erblickte ich von dem kleinen Dörfchen Piano aus: Land! Und zwar zuerst das noch hinter Campo, aber höher gelegene Cimalmotto. Und dann nach ein paar Wegbiegungen taucht Campo auf, aus der Ferne von ganz großartiger Wirkung mit seinen stattlichen Häusern, der schönen Kirche, den saftigen grünen Weiden ringsumher! Aber mein liebenswürdiger, dicker Kutscher bittet mich auszusteigen und den Fußweg ins Dorf einzuschlagen: – »Denn sehen Sie, Signora, wie sich die Straße schon wieder senkt und verdorben ist!« – Ja, ich sehe. Und noch mehr wehmütiges Bedauern ergreift mich, als ich die von unten so schöne St. Bernhardkirche betrete: zahllose Sprünge zerreißen ihre Wände und die feinen Fresken Lorynis; die Schwellen unter ihren Türen haben sich verschoben, die Fenster stehen schief. Ein Stukkateur ist an der Arbeit, die Hauptschäden oberflächlich auszubessern; mit der vollen Pietät des Italieners für Kunstwerke beklagt er mit mir den unaufhaltsamen Verfall der chiesa des Dorfes – des ganzen paese! Es ist verlorenes Land, auf dem ich stehe, ein Land, das dem Untergange geweiht ist. Seit der furchtbaren Überschwemmung des Jahres 1868 untergraben die Wasser die ganze Hochebene, auf der Campo steht, und reißen ein Stück nach dem andern ins Tal hinunter. Man kann sagen: der ganze Berg wandert in die Tiefe. Da ist kein geradestehendes Haus mehr, keine Wand ohne Riß; überall hängen Türen und Fenster in den Angeln, und die Heustadeln sehen traurig aus unter den schiefsitzenden Dächern. Eine Tragik liegt über dem Dorf trotz seiner heitern Umgebung; und was mag in den Seelen der Menschen vorgehen, die unbarmherzig ihren Besitz schwinden sehen? Einmal ist von der Regierung für viele Tausend Lire eine Schutzmauer im Tal errichtet worden; der erste Frühlingssturm riß sie ein. Ein anderes Projekt eines Berner Professors, Abzugskanäle anzulegen, würde Millionen erfordern. Das Stückchen Land ist nicht soviel wert – es muß geopfert werden!