Nach einer angenehmen Collazione im vortrefflich geleiteten Albergo, das den in Italien als Gastwirte bekannten Guglielminas gehört, stiegen wir dem westlichsten der oberitalienischen Seen, dem Lago d'Orta, zu, an der Südseite des Mottarone hinunter. Abkürzungswege, auf die wir an diesem Tage nun einmal geschworen hatten, brachten uns schneller ins Tal und dazu durch Gegenden, die absolut menschenleer waren, und in denen außer anderen Vogelstimmen sich sogar auch Nachtigallen hören ließen. Aber diesen wundervollen Weg, der allmählich wieder in die Region der immergrünen Gewächse hinabführte und zum Schluß an ganzen Narzissenfeldern vorbei, beschreibe ich nicht näher; aus Angst, ein Italiener könnte lesen, daß es bei ihm noch irgendwo Singvögel gibt! Dann wär's aus mit ihnen!

Nach gut vier Stunden tauchte endlich am Ende der Schlucht wieder der vom Gipfel des Mottarone schon begrüßte See auf, entzückend in seiner Stille, der malerischen Umrahmung und der Insel San Giulio mit der alten Kirche darauf in seiner Mitte. Zwar fielen jetzt wieder große Tropfen, während ich noch den imponierenden Sassina-Viadukt bewunderte und wiederholt meine Bedenken gegen die Wetterkenntnis der Eingeborenen äußerte. Aber weit vom Ziel konnten wir doch nun nicht mehr sein; ich verwandelte mich mit meinem Wetterkragen in eine der besonders beliebten »Lodendeutschen« und wanderte tapfer fürbaß – wohl noch fast eine Stunde in immer stärker strömendem Regen, unliebenswürdigem Donnergrollen und überflüssig häufigen Blitzschlägen. Manchmal ist einem doch ein heftiges Gewitter pro Tag genug. Jedenfalls war ich recht froh, als wir endlich beim Pranzo auf der kleinen Terrasse des Albergo Orta saßen und ich den Regen nicht mehr direkt ins Gesicht und auf den Kopf bekam. Übrigens ist die kleine Stadt Orta, die eigentlich nur aus einer Piazza und einer einzigen engen Straße, abgesehen von einigen an den Hängen verstreuten Villen, besteht, sehr reizvoll, und ihr Sacro Monte, in dessen Kapellen das Leben des hl. Franz von Assisi in den in dieser Gegend bevorzugten Terrakottafiguren dargestellt wird, bietet eine entzückende Aussicht.

Am nächsten Morgen in Frühe und Kühle brachte uns ein emsiger kleiner Dampfer in einer Viertelstunde ans andere Ufer, nach Pella hinüber, wo ich den Sitz auf dem mich schon im voraus klagend anschauenden Maulesel dankend ablehnte und auf einem Weg, den uns die Italiener als gänzlich unmöglich für Damenfüße schilderten, sehr bequem, zum Teil durch schattigen Wald, nach zwei Stunden den Paß la Colma erreichten. Als gewissenhafte Alpinisten – so ist man nun einmal! – nahmen wir gleich den Monte Briasco von hier aus noch mit, zu dessen Gipfel (1185 m, also fast 300 m weniger als der des Mottarone!) man in dreiviertel Stunden gelangt, und der mir den Monte Rosa einmal ganz ohne Wolken und durch seine Nähe von imponierendstem Eindruck zeigte. Dann ging's von la Colma an recht gemütlich hinab, durch prächtige Kastanien- und Nußwälder, an viel einsamen, von blühenden Obstbäumen umstandenen Gehöften vorbei. Nur wo in Italien immer die Menschen sind, möchte ich trotz meiner Vorliebe für ungestörtes Wandern doch oft gern wissen. Bis unten das Sesiatal auftauchte, kam es mir vor, als gehörte dies herrliche Land allein uns, so wenig wurde es von anderen beansprucht. Alles in allem haben wir vier und eine halbe Stunde bis zu dem durch seine Lage und Architektur überwältigend schönen Varallo gebraucht – warum also kennen Deutsche die kleine Stadt fast gar nicht und überlassen sie den Engländern fast ganz, die allerdings nicht ungeschickt im Aufspüren versteckter Kunststätten sind?!

Varallo ist ein altes Städtchen, überaus malerisch mit seinen Steinhäusern und dem lichten Grün der Laubbäume, dem dunklen der immergrünen Pflanzen dazwischen. Alte Dokumente, zwei Diplome Kaiser Konrads II. erzählen, daß es schon 1025 existierte. Zu größerer Bedeutung gelangte es aber erst, als Bernardo Caimi, ein Franziskanermönch, einer vornehmen milanesischen Familie entstammend, im Jahre 1481 nach seiner Rückkehr aus Palästina beschloß, in seinem Heimatlande ein Sanktuarium zu errichten, das allen heiligen Orten, die er besucht hatte, samt den Begebenheiten, die sich dort zugetragen haben, gleichen sollte. Er erwählte sich Varallo zu seinem frommen Werke und erhielt im Jahre 1486 vom Papst Innozenz VIII. die Erlaubnis, ein Kloster zu errichten. Aber erst nach einer zweiten Reise nach Jerusalem entwarf er die Pläne für das Heiligtum, und im Jahre 1491 wurde der Grundstein gelegt. Seit dem Besuche des Erzbischofs von Mailand, Karl von Borromeo, im Jahre 1578, der das Sanktuarium bedeutend erweiterte und den Beschluß faßte, in einzelnen Kapellen alle Mysterien des Lebens Christi darzustellen, gewann Varallo seine große Wichtigkeit als Wallfahrtsort. In den waldreichen Tälern und auf den kleinen Vorsprüngen des Berges verteilen sich 45 Kapellen um die Hauptkirche, vor der sich ein architektonisch höchst reizvoller Hof hinbreitet. Das Innere der Kirche ist reich, aber modern. In den Kapellen dagegen befinden sich die alten Fresken und Terrakottagruppen, die auf Befehl Karl Borromeos hergestellt wurden. Fast tausend Statuen, darunter unzählige Tiere, Vögel, Reptilien, von 80 Künstlern ausgeführt, veranschaulichen das Leben und Leiden Christi und gelten dem italienischen Volke noch heute als wunderbare künstlerische Leistung; während unser Geschmack wohl durch die ganze Anlage als solche, die Architektur der Kirche und der Kapellen sowie durch die entzückende landschaftliche Umgebung des Heiligtums mehr befriedigt wird als durch die oft sehr bunt bekleideten und daher unruhig wirkenden Gruppen. Einzelne allerdings, wie die »Kreuzigung« aus der Hand Gaudenzio Ferraris, werden auf jeden Beschauer eine erschütternde Wirkung ausüben. Auch darf man nicht vergessen, daß zur Zeit, als die Terrakotten entstanden, die Bauern weder lesen noch schreiben konnten und Bücher eine Seltenheit waren. Da mußte die anschauliche Darstellung der heiligen Geschichte von größtem Einfluß sein.

Am Fuße des Sacro Monte, zu dem man von der Stadt aus auf sehr steilen Wegen in zwanzig Minuten emporsteigt, liegt die äußerlich simple Chiesa Santa Maria della Grazie, die dem 15. Jahrhundert entstammt. Eine vornehme Familie aus Varallo, die Vincini, ließ auf ihre Kosten das große Wandgemälde malen, welches das Prespyterium von der übrigen Kirche scheidet. Es darf wohl als schönste Arbeit Gaudenzio Ferraris betrachtet werden und stellt in zwanzig Vierecken, in der Mitte als größtes die Kreuzigung, Christi Leben dar. Ein anderes Bild desselben großen Künstlers, die Vermählung der heiligen Katharina, befindet sich hinter dem Hochaltar der auf köstlichen Substruktionen sich erhebenden Pfarrkirche San Gaudenzio, zu deren Füßen der Wochenmarkt abgehalten wird. Auch über dem Portal der Chiesa della Madonna di Loreto, eine Viertelstunde von Varallo entfernt, hat Ferrari die Geburt Christi wunderbar al fresco gemalt.

Besonders anziehend wird das Stadtbild Varrallos durch die schönen Trachten der Frauen aus den naheliegenden Dörfern und Tälern. Die aus Fobello tragen breite, leuchtend rote Säume an den schwarzen Faltenröcken, während eine schmale rote, hinten grüne Einfassung die Rocksäume der Frauen aus dem Mastolonetal umgibt. Alle aber tragen sie unter den Jacken und Miedern weiße Hemden mit kostbaren gelblichen Macraméeinsätzen und -spitzen und breitgelegte seidene Tücher auf dem Kopf, die nur bei der Messe durch Schleier aus Spitzen oder feinem Leinen ersetzt werden. Als Beitrag zu einem aktuellen Thema möchte ich erwähnen, daß ebenso allen Frauen ein schwarzes Beinkleid gemeinsam ist, das die Beine eng bis zu den Knöcheln umhüllt; die nackten Füße stecken in den landesüblichen Holzpantoffeln, den »Zoccoli«.

So bringt der kleine Ausflug ins »unbekannte« Italien des Erhebenden, Neuen, Anregenden genug. Mir bleibt der Besuch des größten Kalvarienberges der Welt eine schöne Erinnerung. Und wer die Mühe scheut oder kein flotter Wanderer ist, dem verrate ich einen näheren, bequemeren Weg: eine zweistündige Bahnfahrt von Arona am Lago Maggiore aus bringt auch ans Ziel. Aber, »wem Gott will rechte Gunst erweisen,« der wandre!

III. Hochalpine Spaziergänge.

Für jemand mit der eingeborenen Lust zum Bergsteigen im Herzen ist es undenkbar, lange still an einem Platz zu sitzen, dessen nächste Umgebung Gebirgszüge sind. Sie locken täglich; und täglich dringender. Und nur schlechtes Wetter und die Gewißheit auf »Aussichtslosigkeit« lassen die Genagelten im Schrank stehen. Man hat also Zeit genug, sich vorher zu orientieren; das ist bei allen Bergen an den oberitalienischen Seen nicht leicht. Da gibt's keine schönen Wege wie in den Gebieten des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, auch sehr selten Markierungen. Unzählige Vieh- und Holzwege kreuzen sich und laufen nach allen Seiten, und erst wenn man aus der Waldregion herauskommt, wird es, wenigstens für den, der ein Auge fürs Gelände und für Bergformen hat, leicht, die beste Route zu finden. Im ganzen bieten die Berge keine Schwierigkeiten; es sei denn, daß noch Schnee liegt, der die Aufstiege im letzten Teil ermüdend macht. Denn natürlich besteigt man diese Berge am liebsten im Frühjahr, weil die Aussichten dann schöner sind als im Herbst, auch grade der Schnee die Linien der Gipfel veredelt. Abgesehen von den italienischen Sommergästen, die ja auch sehr bequem sind und sich nur selten zu einer Partie aufraffen, werden diese Berge fast nie bestiegen. Die Touristen, die alles an den Seen besuchen, was sie eben für »alles« halten, sind zu eilig, das internationale Reisepublikum bummelt herum, Hochtouristen erscheinen nicht auf der Bildfläche. Auf viele Berge, z. B. auf den Monte Generoso, auf den Mottarone, auf dem ich vor zwei Jahren noch zu Fuß war, führen jetzt Zahnradbahnen, so daß sich die »Faulen, die zu Hause liegen«, ohne weitere Anstrengung das Vergnügen einer Aussicht verschaffen können. Was ist das aber gegen eine selbst erkämpfte?! Freilich, die Bauern in den kleinen, jetzt in köstlichem Grün gebetteten Felsennestern warnen wie immer vor dem entsetzlichen Weg, der für eine Dame absolut unmöglich sei! und vor dem tiefen Schnee am Gipfel – Schnee bleibt nun einmal in der Vorstellung des Italieners die böseste Naturerscheinung! Trotz der gutgemeinten Ratschläge geht man im steten Schritt weiter; schließlich, steckte man sich nicht höhere Ziele, könnte man einen Aussichtsberg wie die Cimetta von Locarno aus als Morgenspaziergang behandeln, wenn man seinen Tag um fünf Uhr begönne. Denn es handelt sich um keine bedeutenden Höhen – die Cimetta z. B. ist nur 1676 m hoch –, da die Seen aber tief liegen, ca. auf 200 m, so hat man immerhin recht große Höhendifferenzen zu überwinden. Und ist man erst oben, so möchte man gleich mehr genießen!

Wir übernachteten daher in dem 1000 m über Locarno gelegenen »Alpenheim«, zu dem die Straße mit den berühmten 28 Kehren hinaufführt. Sie zeichnet sich durch die Verheißung aus, daß man ab der 22. den Monte Rosa sieht – allerdings zuerst in einem Umfang, daß man ihn mit der wirklich mitgenommenen Zahnbürste decken könnte – und durch ihre Pflasterung. Oh, diese Pflasterung, die man allen hochgelegenen Orten und den zu ihnen leitenden steilen Saumpfaden angedeihen läßt! Hinauf geht's noch – aber hinunter, wenn man ohnehin von seinem Berg-Tagewerk schon müde ist, und nun sich die runden, eckigen, immer aber gebuckelten Steine mit Vehemenz in die Sohlen drücken! Wozu sie noch niederträchtig glatt und rutschig sind, weil sie mit Holzschlitten, die das Holz von oben bringen, befahren werden und den Genagelten daher so gut wie keine Reibung bieten. Da heißt's bei jedem Schritt achtgeben, will man das Mosaikmuster nicht noch andern Körperteilen einpressen. – Im »Alpenheim« sind noch keine Gäste; man eröffnet mit uns die Saison. Die einzige Bedienung, der siebenjährige Sohn der Deutsch-Schweizer Wirtin, serviert uns die vorhandenen Genüsse: Rühreier, und Salami, in den italienischen Bergnestern das Ein-und-Alles! Wahrscheinlich aber bereitet die auch auf Höhen steigende Kultur der wohltuenden Primitivität hier oben bald ein Ende: die Quelle, aus der man beim Aufstieg ahnungslos trank, soll Radium enthalten. Schon naht ein Konsortium – und in einer Vision sieht man statt Hansi mit zu kurzen Hosen und bloßen Füßen befrackte Kellner und beknöpfte Liftboys. Fliehe, ehe es zu spät ist!