Frühlingsfahrten im Bereiche der italienischen Seen.

I. Locarno.

Eins wollen die seit undenklichen Zeiten an Italien-Sehnsucht krankenden Deutschen nie lernen: daß sie nämlich dieses Land, das wie kein anderes Sonne, Wärme und frisches Grün verlangt, stets viel zu früh aufsuchen und es gerade dann verlassen – wenn es erst anfängt schön zu werden! Den früher so viel beklagten Übelständen: schlechten Heizungsmöglichkeiten, Steinböden usw., ist zwar längst, wenigstens in den besseren, internationalen Hotels und Pensionen, abgeholfen; es gibt überall Zentralheizung, Parkettböden, mit Teppichen ausstaffierte Hallen und Lifts und Wintergärten, und der Deutsche findet es mit steinerner Stirn: »ebenso wie zu Hause« – aber natürlich, den echten, gemütlichen italienischen Albergos muß er aus dem Wege gehen, weil er eben in ihnen friert und sie deshalb für »unmöglich« hält. Das ist der zweite Nachteil seiner vorzeitigen Erscheinung jenseits der Alpen. Der erste, wie gesagt, die tote Natur. Eine nordische Landschaft kann durch schweren, bewölkten Himmel Ausdruck und Stimmung erhalten und malerisch wirken, die italienische wird ohne Sonne farb- und charakterlos. Und weshalb begnügt man sich mit ein paar warmen Mittagsstunden? – In der Hauptsache wohl, weil es diese auch zu Hause nicht gibt. Jetzt dehnt man sich schon morgens im Bett mit dem wohligen Gefühl, zu einem echten, rechten Sommertag erwacht zu sein; durch das weitoffene Fenster zieht laue Luft, durchsetzt vom wundervollen Duft der Glyzinien, deren schwere lila Trauben einen undurchdringlichen Baldachin über der Terrasse bilden. Man hat geschlafen, gewiß; aber bis in den Traum hinein hat man die Nachtigall gehört, die die Nacht durchschluchzte, und von der man ohne weiteres annimmt, daß sie poetisch genug war, ihr kleines Nest im Kamelienbaum aufzuschlagen; über und über bedeckt ist er mit leuchtenden, roten Blüten – und die Nachtigallenkinder werden ihr Leben lang vollauf zu tun haben, wenn sie auch nichts anderes lernen wollen, als ihn würdig zu besingen. Man lächelt vor sich hin, wenn man nun ans Fenster tritt und nach stillem Blick über den stahlblauen Spiegel des Sees die Wunder in der Nähe betrachtet: die Kletterrosen mit ihren Tausenden zartweißen, rosa oder gelben Knospen und Blumen, die prangenden Rhododendrons, die köstlich gefärbten und duftenden Azaleen, die alle in jeder Nacht an ihrer Vervollkommnung weiter arbeiten – aber mischte sich nicht in die langgezogenen Seufzer der Bülbül ein merkwürdig nüchterner Ton?! Man erinnert sich plötzlich: der Hahn war es, den die Kunst der grauen Sängerin nicht schlafen läßt, und der es in Locarno für nötig hält, noch vor Mitternacht die Menschheit an sein Dasein zu mahnen. Aber hier versteht man das; in diesem Zauberreich müssen die ältesten Gesetze ihre Kraft verlieren und aufgehoben werden. Die Natur befreit sich von allen Fesseln, und in ihrer unerhörten Verschwendung verleiht sie auch dem bescheidenen Haushahn die Gabe, über seine eigentliche Bestimmung hinaus zu krähen.

Drunten pfeift der erste Dampfer, deutlich kann man verfolgen, wie von allen Seiten Omnibusse heranrollen, etwas Gepäck verladen wird und einige Pärchen Hand in Hand den Weg, der zum Schiff hinüberführt, betreten. Der Dampfer gibt ein zweites, wehmütiges Signal: aber niemand kommt mehr. Schwerfällig legt er ab. Und der junge blonde Kontrolleur, der seit fünf Jahren täglich vom Morgen bis zum Abend die zwölf Dampfer seiner Linie kontrolliert, wird keine zu große Arbeit haben. Diese da, die letzten, allerletzten deutschen Hochzeitsreisenden haben richtige Billette, sitzen in der ihnen zukommenden Klasse, verlassen das Schiff ordnungsgemäß an der Isola bella, durcheilen Hand in Hand Schloß und Garten und stehen nach zwei Stunden Hand in Hand wieder bereit, um die Rückfahrt anzutreten. Nicht einen Schritt vom vorgeschriebenen Wege tun diese Leute – nichts sehen sie als die im Reisehandbuch verzeichneten Merkwürdigkeiten, und ohne Aufenthalt setzen sie ihre Tour fort: nach Lugano hinüber, oder gleich zurück über den Sankt Gotthard – und ahnen nicht, daß sie an den Hauptschönheiten vorübergegangen sind und sich ihnen nur eine Spalte des Allerheiligsten geöffnet hat! Nein, ich fahre nicht über den See; ich warte, bis auch die letzten Hochzeitsreisenden fort sind und sich die braven Italiener, die dann mit schwatzenden, lachenden Kindern Vor- und Hinterdeck in Beschlag nehmen, sich nicht mehr über die fabelhafte Ungeniertheit der Jungvermählten chokieren. Und abends kehre ich erst heim, wenn das Mondlicht ein glitzerndes Netz übers Wasser wirft und all die kleinen Uferstädte nur mehr durch die Perlenreihe der Lichter erkennbar sind und nach kurzem wieder in mystisches Dunkel zurücksinken. Jetzt wandere ich lieber die Höhen hinauf, in der tröstlichen Gewißheit, keiner Seele mehr zu begegnen, sobald ich den Stadtrayon verlassen habe. Am wilden Garten der Madonna del Sasso, die sich eher wie eine Festung als wie eine Kirche auf steilem Fels inmitten einer Schlucht erhebt, schlendere ich vorbei, über Orselina Brione und Contra bis zu dem entzückenden, weltvergessenen Mergoscia im Tal der Verzasca, die sich nicht genug tun kann an größeren und kleineren Fällen; oder zur anderen Seite nach dem malerischen Ascona, das noch seinen besonderen Reiz durch die Gruppe der »Naturmenschen« erhält, die sich auf der Höhe des Monte Verità in verlassenen Bauernhäuschen angesiedelt haben und ihren Individualismus durch vegetarische Kost, flatternde Haare, wenig Bekleidung und größte Saloppheit dartun. Ich nehme mir aber bestimmt vor, sobald es noch heißer wird, mich wenigstens »vegetarisch« zu frisieren und alle künstlichen Unterlagen fortzulassen. Ascona ist auf dem Land erbaut, das die Maggia angeschwemmt hat; in ihrem langen Tal ist wohl der schönste Punkt bei Ponte Brolla, wo der Bach durch schroffe Felsen bedrängt wird, und später bei Visletto. In Cevio mündet ein neues Tal ein, das Valle di Campo, von der klaren Rovana durchströmt, von dessen verschiedenen Ortschaften aus über zahlreiche Pässe leichte und etwas schwierige Touren sich nach Gefallen und Wanderlust ausführen lassen. Aber sieh, das Beste liegt so nah! Der köstliche Weg von Locarno nach Ronco, hoch überm See, mit stetem Blick auf seine Fläche und die anmutigen Inseln bei Brissago, führt durch schattenspendenden Wald; nicht durch immergrünen mit hartem, dauerhaftem Laub, sondern unter den zartgrünen Zweigen von Ulmen, Buchen und den lichten Schleiern der Birken hin. Und über allen Vorbergen, die im April noch so plump in ihrem farblosen Massiv dastehen, haben die Birken ebenfalls ihr beständig flimmerndes Grün geworfen; auf den höheren Gipfeln leuchtet noch der Schnee, von den Abhängen erstrahlen die Obstbäume in blendender Pracht, und die Weinreben strecken sich von Maulbeerbaum zu Maulbeerbaum grüne Blättchen auf verlangend wachsenden Armen entgegen. Ein reizender Winkel, verfallende, verlassene Bauernhäuschen, durch dichten Efeu zu malerischsten Ruinen umgewandelt, ist Fontana Martina, noch hinter Ronco gelegen und von Brissago aus über einen mörderisch steilen Pfad zu erreichen. Ein Deutscher wohnt hier einsam in dem toten Gemäuer, das für jemand, der wirklich Ruhe sucht, ein Dorado sein muß. Aber diese Jemande scheinen seltener zu sein, als man im allgemeinen annimmt: kein Liebhaber oder Räuber meldete sich bis jetzt, und der Deutsche, der ein wenig auf die Eigenbrödelei seiner Landsleute gerechnet hat, folgt am Ende eines schönen Tages – die hier ja nicht selten sind! – dem Beispiel seines Vorgängers und zieht sich mit einer reichen Frau in das Weltgetöse Mailands zurück. Die Kontraste liegen im Leben ja meistens dicht nebeneinander.

Auch hier. Denn neben den Kindern heißerer Sonne, den hohen Fächerpalmen mit ihren kraftstrotzenden, sich eben öffnenden Blütenkolben sendet unser nordischer Flieder seine lila und weißen Sternchen im leisen Wind hinüber zu dem unendlichen Reichtum der Mimosenbäume; die zarten Kerzen des Kirschlorbeers strecken sich neben den derberen der Kastanie vor, die Orangenblüten erstrahlen doppelt neben den schwarzen Kugelfrüchten der Zypressen, die Iris gesellt sich zum Calicanthus, dem »Erdbeerbaum« unserer Kindheit, und zu Füßen des spielerischen Bambus und des selbstbewußten Eukalyptus sehen uns unsere Stiefmütterchen mit ernsten und etwas größeren Augen als zu Hause an.

Ich will dem deutschen Frühling nicht seine Schönheit bestreiten; er hat längere Frist, sich zu entwickeln, und muß heftig genug um die hartgefrorene Erde und mit seinem Todfeind, dem Nachtfrost, ringen. Das mag seinen Kräften nur förderlich sein. Hier kommen sich Sonne und Erde in langem, heißem Kuß entgegen, es gibt kein Verweilen, nur ein Vorwärtsdrängen, ein Entfalten, Sprießen und Wachsen von Stunde zu Stunde. Und unter den glücklichsten Verhältnissen, vom hehren Rahmen der Berge umfaßt, lacht aus betörender Farbenpracht mit tausend Augen der Sommertag, und klingt sein Herzschlag aus dem Lied der Amsel und dem unablässigen Zirpen der Grillen.

Auf meiner Fensterbank liegt eine smaragdgrüne Eidechse. Sie genießt die Wonne ihres Daseins – sie ist wunschlos glücklich!

II. Vom Lago Maggiore zum größten Kalvarienberg der Erde.

Einen köstlichen »Aussichtsberg« überm Lago Maggiore gibt es, sagte man mir, und nachdem ich so lange darauf angewiesen war, allein oder in Gesellschaft von weder bergkundigen noch steigelustigen Genossinnen über bessere Hügel zu spazieren, wurde der Höhendrang von Tag zu Tag mächtiger. Sofort nach Ankunft des »Hochtouristen«, der auf Entdeckungsfahrten im »unbekannten Italien« auszog und sich, wie er sich bescheiden ausdrückte, »herabließ«, auf der Durchreise dem Lago Maggiore ein paar Tage zu »opfern«, wurde eine größere Tour vereinbart. Der Dampfer brachte uns nach Stresa, wo ein starker Gewitterregen die wichtige Frage nach bequemem Aufstieg, schöner Aussicht usw. zunächst so zweifelhaft machte, daß wir uns erst mal zum Bleiben entschlossen, an den pompösen Hotels und den noch schlafenden Villen der reichen Milanesen vorbeischlenderten und über einen der berühmten, herrlich angelegten Spaziergänge Doktor Georg von Siemens' wieder in das engmaschige Netz der Straßen des Städtchens zurückgerieten. Hallo, dort ist ein Auflauf vor einer Kirche! Wir stellen uns zwischen die anderen Neugierigen, und nach ein paar Minuten fährt – höchst modern! – ein Bischof im Automobil vor und nimmt große Sträuße, von Chiffonschleiern geschmückt, in Empfang. Eine Kapelle empfängt ihn mit dröhnender Musik – leider ist es die Marcia Reale, im Jubiläumsjahre römisch-klerikalen Ohren gewiß eine doppelt unsympathische Melodie. Aber der geistliche Herr findet sich mit Würde in diesen überraschenden Kunstgenuß, verschwindet unter dem feuerroten, mit breiten Goldstreifen umsäumten Baldachin und erscheint nach kurzem wieder, in voller Amtstracht, die Hand mit dem Hirtenring segnend nach links und rechts streckend. Der Zug ordnet sich; als Trägerin eines riesenhaften Kreuzes eine jüngere Person wie eine Schar ihr folgender, bedeutend älterer in blauem Überwurf und weißen Schleiern, dazu haben alle – sogar die Kreuzträgerin – trotz der Heiligkeit des Moments, ihre mächtigen baumwollenen Regenschirme am Arm, die wohl nur im Tode von den Italienern abgelegt werden. In langen Reihen folgen die Schulkinder, Knaben wie Mädchen, von Geistlichen und Schwestern geleitet; am anderen Tage gibt's eine große Firmelung, obgleich der eigentliche Zweck des Signor Vescovo nur eine visita pastorale sein soll, der Besuch des Hirten bei seinen Schäflein. Armselig genug sehen sie aus, die ihm in die nächste Kirche folgen, und sein ernsthafter Blick gleitet über die Fremden hin, die abseits stehen. Und in diesem ruhigen Blick und in der Bewegung der segnenden Hand liegt so viel Achtunggebietendes, daß sich die Köpfe derer, die eben noch über die bescheidene Prozession und den modernen Bischof im Auto gelächelt haben, demütig senken und ihren Teil an seinem Segen hinnehmen.

Am anderen Morgen hat es sich so weit geklärt, daß man nach Meinung der Eingeborenen den Aufstieg wagen darf: schlechtes Wetter hält sich hier ja nie länger als einen Tag, der Wind hat gewechselt, Gewitter kommt nicht – also! Und was man gerne glauben möchte, glaubt man ja einfach, obwohl der Hochtourist behauptet, die Einheimischen verstehen vom Wetter nie etwas. Zuerst geht's einen steilen Fosso, eine kleine Schlucht, empor; die Sonne brennt wahnsinnig, besonders, da ein fast senkrechter Bauern-»scorciatoio« zum Abkürzen verlockt hat und man sich mit Unterholz und Geröll herumplagen muß. Dann oben auf dem harmlosen Grat, zum Teil durch Wald, ist es recht hübsch; dann furchtbar langweilig, trotzdem man sich allmählich zur alpinen Flora emporgearbeitet und tiefblaue Enziane auf den sumpfigen Wiesen findet – denn natürlich hat man wieder »abgekürzt«, schon um nicht immer neben dem im Bau befindlichen Damm der Zahnradbahn herlaufen zu müssen. Im Mai dieses Jahres noch soll sie eröffnet werden, dann werden endlich auch die Italiener, die mit wenig Ausnahmen ja das Wandern verabscheuen, diesen Berg gewinnen, und seine Einsamkeit wird dahin sein. Denn jetzt haben wir in den vollen vier Stunden, die wir zum Aufstieg ohne Rast brauchten, nur ein paar Bahnarbeiter getroffen, sonst keine Seele. Dicht vorm Albergo lag noch Schnee, zugleich setzte ein Hagelschauer ein, dem ein heftiges Gewitter folgte; da wir nun doch schon naß waren, erklommen wir gleich den nur zehn Minuten vom Restaurant entfernten Gipfel, mußten aber durch meterhohen Schnee waten. Oben, unter dem 15 m hohen Kreuz, lagerten wir an einer schneefreien, aber leider nicht windfreien Stelle und warteten geduldig, bis das Wetter sich verzog und langsam, langsam die liebe Sonne wieder durch die schweren Wolken kam. Welch ein Wunder sich dann offenbarte, und wie aus der Riesenkette schneebedeckter Häupter allmählich in überwältigender Höhe die Gruppe des Monte Rosa emporwuchs, das wäre auch mit drei Gewittern und vier Meter hohem Schnee nicht zu teuer bezahlt gewesen! Und drüben, über den sieben Seen, die man von oben zählt, fuhren die gewitterschwangeren Wolken noch unruhig hin und her, ein ewig wechselndes, berauschendes Farbenspiel auf den Wasserspiegeln hervorrufend, während der Schnee ihrer Berge in schwefelgelbe Tinten getaucht war. Ich glaube kaum, daß es an besonders klaren Tagen, an denen sich in der lombardischen und piemontesischen Ebene von hier aus Mailand und Turin zeigen sollen, schöner sein kann, als wir es oben hatten. Aber leider haben manche Leute ja ein Vorurteil dagegen, bei Gewittern auf Berggipfeln zu sein!