Ganz früh, im unaufgeräumten Wartesaal des römischen Bahnhofs, tranken wir unsere Schokolade. – Eine kurze Bahnfahrt bis Zagarolo – von hier mit dem Omnibus bis Genazzano. Vorn neben dem Kutscher erwischen wir noch Plätze; die Bauern hinter uns unter dem muffigen Verdeck des Wagens können nicht begreifen, daß wir die angebotenen Ehrensitze in ihrer Mitte verschmähen! Wir aber blicken über den mächtigen Federbusch eines auf Urlaub für die Festtage gehenden Bersagliere – der uns zu Füßen auf der Deichsel hockt, nach dem schönen Spruch: Besser schlecht gefahren als gut gegangen! – in das sonnengetränkte, köstliche Land hinaus. Nicht tot mehr scheint die Erde – duftend steigt es aus den braunen Schollen empor, in den Zweigen der Kastanien- und Ölbäume regt es sich leise, rötliche Augen zeigen sich an den Weinreben, die sich von Ulme zu Ulme ranken.
Und welch eine Volksmenge, je mehr wir uns der kleinen Stadt Genazzano nahen! Der Tag irgendeines Heiligen ist es, der zum Jahrmarkt benutzt wird – Frühaufsteher kommen uns schon mit ihren Einkäufen entgegen. Rechts und links am Stadttor hängen goldglänzende Kupfergeschirre an den Mauern; Bettladen, Wiegen und Truhen versetzen den Weg. Wir steigen aus und wandern durch den Ort, vorbei an einer Wallfahrtskapelle, die auch heute ihre Anziehungskraft beweist, vorbei am alten Palast der Colonna und den Überresten ihres Aquädukts, dessen von Efeu umsponnene Bogen malerische Rahmen für die Landschaft im Tal bilden. – Der Weg nach Olevano, nicht über die bequeme Landstraße, sondern quer durch die Felder, ist sehr schön; auf allen kleinen Anhöhen alte Klöster und Burgen, in weiterer Ferne Schneehäupter der Abruzzen und ringsumher ein Land, dessen historischen Reichtum man ahnt und fühlt. In der klaren Sonne ist es, als könnte man mit einem Schritt zu all den kleinen Ortschaften hinüber, die sich nur durch eckige Konturen vom Felsboden, dem sie entwachsen, unterscheiden.
Olevano liegt ebenfalls an einem Bergabhang und hat steile und schmutzige Straßen; aber überaus malerisch ist es: der Marktplatz mit seinem Brunnen, an dem die Esel getränkt werden, und zu dem im Abenddämmern prachtvolle Frauengestalten, die kupferne Conca (Krug) auf dem Kopfe, heranschreiten. Die Bewohner von Olevano haben überhaupt einen besondern, kräftigen und schönen Typ, und sind durch den Umgang mit liebenswürdigen Malersleuten zutraulich geworden.
Etwa eine halbe Stunde nördlich von Olevano, am Wege nach Bellagra, liegt die Serpentara, der deutsche Eichenhain, ein Künstlerhaus mit deutschem Namen am Eingang. Wie merkwürdig das ist: plötzlich auf deutschem Boden zu stehen! Die Namen der besten vaterländischen Künstler sind mit diesem Fleck Erde verknüpft, unsere größten »Landschafter« haben hier studiert und gelernt. Ein Felsblock trägt das Relief unsres Kaisers, neben der 1887 gepflanzten »Kaisereiche« – ein andrer das Viktor Scheffels, unter dem seine Worte prangen:
| Hier im Zentrum des Gebirges |
| Lesen wir die alte Keilschrift, |
| Die der Haufe nie versteh'n mag, |
| Das Gesetz des Ewigschönen. |
Einmal also, durch deutsche Künstler, haben wir im Lande unsrer ewigen Sehnsucht ein eignes, wenn auch bescheidenes Besitztum erreicht!
Am nächsten Morgen wanderten wir nach Bellagra, dem unheimlich schmutzigsten Ort, der mir in Italien begegnet ist und vielleicht durch diese Eigenschaft sehenswert, sonst nicht. Noch einmal steigen wir eine steile Anhöhe hinauf: nach Rocca San Stefano, dann geht es lange neben dem Anio, dem »immerkalten«, her, und ebenso lange liegt links vor uns auf einem Felsen, von einer Burg überragt, Subiaco. Die sechs Stunden von Olevano sind, ohne uns im geringsten zu ermüden, »vergangen«; das Land und die kleinen Orte, die wir durchschreiten, bieten so viel Reize und immer neue Abwechslung, daß man sich der Länge des Weges nicht bewußt wird.
Wer nun wirklich mit seiner Zeit geizen muß, lasse sich an dem äußern, reizvollen Eindruck Subiacos genügen und kehre eilig mit dem nächsten Zug über Tivoli nach Rom zurück. Vielleicht, um dort den Osterfeierlichkeiten in Sankt Peter beizuwohnen? Ach Gott, diese Enttäuschung ist ein Kapitel für sich! Ich feiere meine Ostern stets draußen, in irgendeinem kleinen Nest – weitab von den hastenden Touristen!
Denn um Subiaco recht zu würdigen, bedarf man der Ruhe. Die drei Klöster von Santa Scolastica, »die Wiege des Mönchtums im Abendlande«, sind so reich an Schätzen und historischen Erinnerungen, daß es schade und nutzlos um einen kurzen Besuch wäre. Zur Zeit der Goten in Italien, als das römische Reich sich auflöste, gründete der heilige Benedikt hier eine Zuflucht für weltmüde Menschen, während des ganzen Mittelalters stand es da, »ein einsamer Leuchtturm der Wissenschaft«, wie Gregorovius es nennt, und Deutsche, Arnold Pannartz und Konrad Schweinheim, druckten hier im Jahre 1465 das erste Buch in Italien, den Donatus, ehe sie in Rom, im Palazzo Massimi alle Colonne, die erste Buchdruckerei errichteten. Auch jetzt noch sind die Klöster überreich an Inkunabeln und alten Handschriften, trotzdem die Abtei mehrmals, z. B. von den Sarazenen wie von den Ungarn, zerstört worden ist. Aber die Macht des Klosters wurde durch Schenkungen reicher Barone immer wieder hergestellt, die Stadt Subiaco selbst geriet allerdings erst im Jahre 1068, als der Abt Johannes V. die Burg erbaute, in den Besitz des Ordens. Seit dieser Zeit rivalisierten die Benediktineräbte neben den Orsini und Colonna auch auf dem Kriegsfeld und waren leider wegen ihrer erbarmungslosen Justiz berühmt. Deshalb entzog Urban VI. im Jahre 1386 den Mönchen das Recht, den Abt selbst zu wählen, und setzte zum Teil dadurch ihrem Übermut eine Schranke. Dennoch empörte sich, fast hundert Jahre später, das Volk von Subiaco gegen die Mönche, die an fünfzehn jungen Leuten eine Art Lynchjustiz ausgeübt hatten, verwüsteten das Kloster und mordeten die Mönche. Auch in den ferneren Jahrhunderten spiegelt sich in der Geschichte dieser Abtei im kleinen das ewige Auf und Ab von Größe und Verfall wieder – und viel von dem steten Kampf zwischen geistlichen und weltlichen Würdenträgern!
Ein steiler Weg von fünfundzwanzig Minuten führt weiter aufwärts nach San Benedetto, einer aus Ober- und Unterbau bestehenden Kirche, in deren Garten der heilige Franz von Assisi die Dornen, in denen der heilige Benedikt sich wälzte, um sich gegen verführerische Vorstellungen zu schützen, in Rosen verwandelte. Noch jetzt ist der Garten von Rosenbüschen erfüllt. Die Grotte, in der Benedikt lebte, ist mit einer Statue des Heiligen aus der Schule Berninis geschmückt.