Ich bemitleide diese Menschen nicht; ich bewundere sie. Denn ich hätte schon längst nicht mehr gekonnt! Für meine Aufnahmefähigkeit sind drei fleißige Museumsstunden schon ein gerüttelt Maß – darüber fort versagt sie vollständig. »Wie schade, nicht wahr, so viel Zeit zu verlieren – und womit füllen Sie sie dann aus?« – Ich gehe spazieren; ich laufe stundenlang durch die Campagna, ich suche zu Fuß all die kleinen Ortschaften auf, die wie leuchtende Punkte in der mächtigen Ebene verstreut liegen, ich klettere auf die Hügel- und Bergketten, die überall den Horizont in weiter Linie umsäumen, und ich entdecke, daß ihre Hänge mit Dörfern und Städtchen besetzt sind, grau und monoton, wie der Boden, aus dem sie emporwachsen, und doch ein jedes von ihnen stimmungsvoll – architektonisch schön – oder voll geschichtlicher Reminiszenzen, die ihre Patina auf verfallene Burgen und Paläste geworfen haben. Das ist meine geistige und körperliche Erholung, mein Schutz gegen allmähliches Abstumpfen angesichts Roms erdrückendem Reichtum: ein stunden- oder auch tagelanger Spaziergang und von Zeit zu Zeit ein weiterer Ausflug, der die überreizten Sinne ausruhen läßt und uns das herrliche Land trotzdem näher bringt, weil wir seine Natur lieben lernen.

Nördlich von Rom, mit fast geradem Rücken, in schwerem Massiv über die lieblichen Hügel dominierend, liegt der Monte Soracte. Wie lange schon zog er wieder und wieder meine Blicke und meine Sehnsucht auf sich – ein wenig wegen seiner schwermütigen Gestalt, ein wenig wegen seiner Höhe – etwa 700 m, aber direkt aus der Ebene aufsteigend, also doch eine bescheidene Bergpartie verheißend! – Hauptsächlich aber, weil man hoffen durfte, dort nicht vielen Menschen zu begegnen! Den Passanten raubt der Ausflug zu viel Zeit – ich bitte Sie, wenn man jede Statue in Rom gesehen haben will! – die andern sind wohl zu bequem. Denn trotz des himmlischen Frühlingstages – o Segen – sind und bleiben wir allein, mein lustiger Begleiter und ich! Und wie wir uns fühlen, einmal wieder mit dem leichten Gepäck für eine Nacht im Rucksack – fernab von Pensionen, Leuten mit Baedekern und der Gewißheit, abends beim Diner den Nachbar rechts und links und gegenüber seine Tageseindrücke nicht memorieren zu hören – nein, ein echter, rechter Ferientag ist es, ein Schuleschwänzen in ewigen Vakanzen! »Da kann ich Sie gleich auf Ihre Bedürfnislosigkeit prüfen«, meinte der Hochtourist. Denn es war unsere erste »Bergtour«, und der Hochtourist, dessen seherischer Blick meine bergsteigerischen Fähigkeiten erst wenige Tage vorher am Turm des Kapitols entdeckt hatte, konnte noch nicht ahnen, wie glänzend sie sich entwickeln würden.

Nur wir entsteigen in Stimigliano dem Coupé; nur wir zwei laufen querfeldein bis hinab zum »Bionde Tevere«, dem blonden Tiber, der hier so köstlich ländlich aussieht, so recht wie ein gemütlicher Bauernfluß, nicht ein bißchen, als trüge er später die Weltstadt auf seinen Ufern; und ganz primitiv, außer uns nur von ein paar Frauen und Kindern benutzt, ist auch die Fähre, die uns ans jenseitige Gestade befördert.

Die Sonne brennt heiß auf den noch brachliegenden Boden nieder, aber da bekanntlich die Götter vor jeden Erfolg den Schweiß gesetzt haben, so tragen wir frohen Muts und unverdrossen die göttliche Prüfung – sind wir doch des schönen Erfolges sicher!

Frühstücksstation: San Oreste. Weiten Rundblick gestattet es über die Sabiner- und die umbrischen Berge, aber »recht einladend«, wie es Gregorovius erschienen ist, der deshalb bedauert, es nicht besucht zu haben, ist es wirklich nicht. Ein Haufen eng aneinander gedrängter, unmalerischer Steinhäuser ohne die geringste Abwechslung oder Ausschmückung; und das Wirtshaus am Dorfeingang wohl noch genau so bescheiden wie zu den Zeiten jenes berühmten italienischen Spaziergängers. Aber das wenige, das man bekommt: Salami, Eier und Wein, so gut wie fast überall in den ländlichen Osterien. Die Befürchtung vieler Reisender, abseits der großen Heerstraßen »nichts« zu bekommen, ist wirklich überflüssig!

Und dann, nach kurzem Marsch, kommt ein Wald; ein schattenspendender, kühler Wald ernster Steineichen. Einmal mag der ganze Berg von ihnen bestanden gewesen sein – aber auch dieser Rest ist noch ehrfurchtgebietend genug – und so märchenhaft still – man wartet, ob nicht Böcklins Einhorn langsam zwischen den dunklen Stämmen hervortrabt.

Wenige Minuten unterhalb des Gipfels taucht das Kloster San Silvestro auf, genannt nach dem Papst Silvester, dem der Kaiser Konstantin »das ganze Abendland« schenkte – eine etwas unsichere Gabe! Und eine Zeitlang suchte Karlmann, Karl Martells kampflustiger Sohn, in diesen Mauern Ruhe – bis auch ihn die Menge der Besucher, die nach Rom pilgerten, verscheuchten – Gott sei Dank haben sie jetzt einen andern Weg gefunden!

Ganz oben auf dem Berge erhebt sich eine kleine Kapelle über einer schönen, alten Krypta, in der uns der alte Aufseher auf die Zelle des heiligen Silvester aufmerksam macht. Bedürfnislos genug mag er gewesen sein, Geschmack besaß er jedenfalls! Denn die Aussicht von diesem höchsten Punkt ist einfach superb: die ganze Campagna liegt zu unseren Füßen, dem Lauf des Tibers folgt man bis zu Roms Mauern, das Meer schimmert stahlblau in der Mittagssonne zu uns herüber, Bracciano und den gleichnamigen See glaubt man mit der Hand erreichen zu können – die weichen Linien der Albaner-, Sabiner- und umbrischen Berge umschließen das Bild nach Osten und Süden – kurzum, das Ganze ist so schön, so abwechselungsreich, daß man sich schwer losreißen kann. Aber die Schatten werden länger, eilig geht es auf der Westseite bergab durch Weinberge und Olivenhaine. Von der Haltestelle San Oreste aus benutzten wir die Bahn und erreichen im Abenddämmern, nach entzückender Fahrt, unser letztes Ziel: Cività Castellana. Die Stadt liegt auf einer Felsplatte, zu der sich die Bahn in hübschen Serpentinen hinaufwindet, immer neue Ausblicke in die merkwürdig tief einschneidenden Flußtäler gewährend. Die Treja und der Rio maggiore umströmen die Stadt von drei Seiten, d. h. wenn man so sagen darf: ihr Piedestal. Fast senkrecht, aber mit dichten Schlingpflanzen und Gebüsch romantisch geschmückt, steigen die Uferwände empor, eine natürliche Verteidigung bildend, wie man sie nicht besser, und vor allem, nicht schöner denken kann. Und aus diesem Grunde – der geschützten Lage wegen – wurde die Stadt immer wieder aufgebaut, trotzdem verschiedene Eroberer, zuletzt die Sarazenen, sie zerstört hatten. Aber der Fleck Erde ist auch zu verlockend – die Promenade um die alte Stadtmauer immer wieder überraschend an neuen Ausblicken. Freilich, im Hof der einst berühmten Zidatelle weiden nur noch ein paar Ochsen, nachdem das Gebäude jetzt nicht einmal mehr als Gefängnis benutzt wird. Die Zeit, wo hier mächtige Grafengeschlechter hausten und Päpste sich zum Sterben in das überaus pittoreske Städtchen zurückzogen, ist vorüber; nicht einmal mehr ein Räuberhauptmann, wie seinerzeit Gasparone, lebt in ihr. Ihr einziges, sehr sehenswertes Gebäude ist die Kathedrale Santa Maria mit romanischem Portal, gotischen Rundfenstern und Cosmatensäulen in der Vorhalle. Auf dem Platz vor der Kirche wurde abends ein Ständchen gebracht und am nächsten Morgen der Markt abgehalten, als wir auf einem mittelalterlichen Omnibus vorüberrumpelten, um uns nach Borghetto bringen zu lassen. Von der Bahnstation Cività Castellana, die anderthalb Stunden von der Stadt entfernt ist, benutzten wir die Bahn zur Heimfahrt nach Rom.

II. In den Sabinerbergen.

Wer hätte nicht von deutschem Besitz auf italienischem Boden gehört – von dem berühmten Eichenhain, der Serpentara, der einst von deutschen Künstlern vor dem Ausroden bewahrt und schließlich von ihnen mit gesammeltem Geld angekauft wurde?! Auch mich lockte dieses kleine »Deutschland«.