„Laß dir Zeit!“ bat Peter Voß und hielt ihn am Aermel fest. „Ich hab noch allerhand auf dem Herzen. Du solltest dich wirklich pensionieren lassen. Für deinen Herzklappenfehler hast du doch einen reichlich aufreibenden Beruf.“

„Wenn ich meinen Beruf nicht hätte,“ wies ihn der Onkel zurück, „könnte ich mich sofort hinlegen. Der Beruf hält mich am Leben. Ueber berufliche Dinge rege ich mich überhaupt nicht mehr auf. Man stumpft dagegen ab. Man wird allmählich eine reine Akten- und Paragraphenmaschine.“

„Um so eher würde ich doch den ganzen Krempel über den Haufen schmeißen!“ rief Peter Voß entschlossen. „Du hast doch dein Schäfchen im trocknen. Wenn du nicht reisen willst, setz dich an den Gardasee. Oder komm mit nach St. Louis hinüber.“

„Du bist und bleibst ein Phantast!“ lächelte der Onkel gutmütig. „Zum Juristen hättest du nichts getaugt.“

Dann schwiegen sie beide eine kurze Zeit, und der Onkel schaute sinnend auf die schönen Rauchringe, die Peter Voß mit einer Präzision sondergleichen zur Decke emporschickte.

„Allerdings nicht!“ sagte er plötzlich. „Das Strafgesetzbuch ist mir das unsympathischeste Buch, das ich mir denken kann. Und die Richter sind mir eben nicht sympathischer. So ein Richter teilt die Menschen ein in Verbrecher und Nicht-Verbrecher. Aber das ist verkehrt. Es gibt nämlich Verbrecher, Nicht-Verbrecher — das sind die Philister — und Leute, die weder Verbrecher noch Philister sind. Dazu gehöre ich. Das ist die numerisch stärkste Gruppe. Und die Haupttriebkraft dieser Menschen ist vornehmlich die Phantasie. Damit sehen sie die Dinge voraus, die die andern noch nicht sehen, und suchen die Verhältnisse schon im voraus zu beeinflussen, damit schließlich der gewünschte Erfolg eintritt. Und dieser Erfolg kann doch auch gerade das Gegenteil des Verbrecherischen sein. Nehmen wir einmal folgenden Fall an aus meiner jetzigen Praxis. Ich bin zum Beispiel der erste Buchhalter und Kassierer des Bankhauses Stockes & Yarker, mit einem Wort, die rechte Hand des Chefs. Dieses Bankhaus kommt durch die tollen Spekulationen seines Inhabers an den Rand des Ruins. Nun nimm weiter an, ich wäre dem Inhaber zu großem Danke verpflichtet, was ja auch der Fall ist, da er mich auf der St. Louis Bridge vor dem Selbstmord zurückgehalten hat. Ich kann ihn aber nicht von seinen Spekulationen zurückhalten. Was wird geschehen? Es wird zu krachen beginnen. Der Bank wird der Kredit entzogen werden. Nun habe ich aber die Bücher in Händen und fälsche sie zugunsten der Firma.“

„Das könntest du tun?“ rief der Onkel empört.

„Angenommen!“ lachte Peter Voß. „Und warum nicht? In Amerika ist alles möglich. Also ich fälsche die Bücher, ohne daß der Chef etwas merkt. Er überzeugt sich aus diesen Büchern von dem angeblich guten Finanzstand seines Geschäfts. Was wird geschehen?“

Der Onkel schüttelte den Kopf, er kam offenbar nicht mehr mit.

„Der Mann wird weiter spekulieren!“ sagte Peter Voß. „Er wird die Firma immer mehr hineinreiten, und ich, sein getreuer Kassierer, kann nichts anderes tun, als die Fälschungen weiter fortsetzen, in der stillen Hoffnung, daß dem Inhaber schließlich doch noch ein großer Börsencoup gelingt, um den Unterschied zwischen Sein und Schein auszugleichen. Eine solche Bücherfälschung ist natürlich viel, viel schwieriger als die gewöhnliche Bücherfälscherei durchgehender Bankkassierer. Es wird also weiter spekuliert. Sogar der Kassierer beteiligt sich daran, aber auch das ist vergeblich. Was geschieht?“