Doch berichtigt Vischer wenigstens seine in dem ersten Werke ausgesprochene Ansicht, dass kein Witz einen eigentlichen Sinn habe, in seiner Aesthetik dahin, dass der Sinn zwar

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nicht innerlich organisch im Witz enthalten sei, doch in vielen Fällen von Aussen hinzukomme [1]. Vollständig treffend, wenn wir die darin enthaltenen Begriffe, Gleichheit und Verschiedenheit, mit unseren obigen Normen in Beziehung bringen, ist die schon erwähnte Definition von Lazarus, die eigentlich auf das Komische überhaupt gemünzt ist, aber, wie wir sehen, im Besonderen auf den Witz passt. Es sollen zwei Vorstellungen vorhanden sein, die einmal wegen ihrer Gleichheit zu einem einzigen Denkacte verschmelzen, während sie nach anderer Richtung hin, wieder ganz und gar verschieden sind, „die Möglichkeit und die Unmöglichkeit der Verschmelzung tritt zu gleicher Zeit ein". Das ist in der That das Charakteristicum des Witzes.

Die Schopenhauer'sche Definition werde ich bei Gelegenheit einer besonderen Form der Witze erwähnen, zu der wiederum alle von ihm aufgestellten Beispiele gehören.

Am ausführlichsten und in vieler Beziehung sehr glücklich hat in neuester Zeit Kuno Fischer [2] den Witz behandelt. Seine Darstellung, die halb vom psychologischen halb vom metaphysisch-ästhetischen Standpunkte ausgeht, weicht aber von der meinigen vor allen Dingen darin ab, dass Fischer ganz entsprechend seiner Auffassung des Thema's hauptsächlich die Frage erörtert, wie der Witz entsteht, auf welchem Boden er aufspriesst und wie er geformt wird. — Das Material, aus dem er besteht, behandelt Fischer nur gelegentlich. Darum ist selbstverständlich seine ganze Eintheilung eine andere, wenn ich auch in einzelnen Formen mit ihm übereinstimme. Entspringend auf dem Boden der ästhetischen Freiheit, die sich vom Begehren und Wollen fern hält und aus dem ungedruckten Selbstgefühl hervorgeht, ist nach Fischer's kurzer und knapper Definition der Witz ein spielendes Urtheil, welches die Fehler und Gebrechen, d. h. das Unfreie im intellectuellen Reich unserer Gedanken und Vorstellungen plötzlich aufdeckt, und mit unserem erhöhten und freien Selbstgefühl in den komischen Contrast bringt. Der Witz muss nach F. ganz entlegene, nicht gleichartige, sondern entgegengesetzte,

[1] l. c. p. 426. [2] Ueber die Entstehung u. die Entwickelungsformen des Witzes. Zwei Vorträge etc. Heidelberg 1871.

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nicht bekannte, sondern einander fremde Vorstellungen mit einander verknüpfen, dieselben aber plötzlich in der Pointe zusammenstossen lassen. „Was noch nie vereint war, ist mit einem Male verbunden und in demselben Augenblicke, wo uns dieser Widerspruch noch frappirt, überrascht uns schon die sinnvolle Erleuchtung". — Sehr mit Recht betont Fischer, wie auch Vischer, besonders das Plötzliche des Zusammenstosses der beiden Vorstellungen, d. h. die Pointe. Wir müssen auf diesen Punkt, der zwar indirect in unserer Aufstellung schon enthalten ist, am Schlusse noch einmal zurückkommen. Zunächst wollen wir die einzelnen Formen des Witzes untersuchen und durch Beispiele erläutern.

Wir können innerhalb des Witzes zwei inhaltreiche Hauptgruppen aufstellen, die sich durch die Entstehung des angenehmen Gefühls von einander unterscheiden; in der einen Gruppe ist dasselbe abhängig von der leichten Vereinbarkeit der beiden dargebotenen Vorstellungen in Rücksicht auf die logischen Normen; bei der andern Gruppe entsteht die Lust aus der leichten Verbindung der beiden Vorstellungen nach irgend einer der drei Normen der Ideen- Association.

In der ersten Gruppe spielt der doppelte Sinn, die zweifache Bedeutung und Beziehung, welche in einer der beiden dargebotenen Vorstellungen steckt und in Rücksicht auf welche die Vereinigung mit der in der vorliegenden Situation enthaltenen zweiten Vorstellung, einmal möglich, das andere Mal unmöglich ist, eine Hauptrolle. Ich will deshalb der bequemeren Bezeichnung halber den Namen „Doppelsinn-Witze" dafür einführen, während ich die andere Gruppe (Ideen-) Associations-Witze nenne.