Fünfter Brief.
Bremen im Juni 1839.
Fortsetzung.
Die Reisegesellschaft war bei ihrer Ankunft nicht wenig bestürzt, als ich ihr die bereits gemachten Erfahrungen mittheilte, und schon sahen sich einige im Geist wieder in die Heimath versetzt. Noch unschlüssig über das, was zu thun oder zu lassen sey, wurde in banger Erwartung der Mittagsstunde entgegen gesehen, wo den Armen durch den Makler selbst ihr Schicksal verkündigt werden sollte. Der schlaue Wirth, meine Abwesenheit benutzend, da ich eben mit einigen Gefährten die Verhältnisse in Erwägung zog, sucht bei den Uebrigen seine Person geltend zu machen und verspricht, wenn sie sich ihm anvertrauen würden, bei dem Makler, welcher sein Freund sey, dahin zu wirken, daß er Etwas von der Forderung ablasse.
Die Leichtgläubigen ließen sich bethören und gingen, ohne meine Ankunft und die bestimmte Zeit abzuwarten, mit Letzterm auf das Komptoir des Herrn W.[12], doch, wie vorauszusehen, galt der Wirth hier wie jeder andere, und seine Absicht ging blos dahin, das Kopfgeld[13] zu verdienen. Aber noch zur rechten Zeit kam ich selbst mit den Uebrigen an, um ihm, wie er uns, den Verdienst zu entziehen.
Alles bot ich auf, des Maklers Mitleid zu erregen, durch Schilderung der Lage derjenigen Armen, welche sich gezwungen sähen, in die Heimath zurückzukehren. Doch nur zu oft kommen solche Scenen vor, um Eindruck auf ein Herz zu machen, welches nur am Golde hängt. Es blieb daher bei der Bestimmung, daß die Erwachsenen 44 thlr., Kinder 40 thlr., die Säuglinge aber 35 thlr. in Golde zahlen sollten. Die Abfahrt nach New-York mit dem Schiff St. Lawrence, wurde zwischen dem 20. und 23. d. festgestellt, und von dieser Zeit an uns die Beköstigung vom Schiffe aus zugesagt. Im Fall aber widrige Winde oder sonstige Umstände den Abgang verzögern würden, sollte die gewöhnliche Vergütung von 10 Groten pro Kopf für jeden Tag eintreten.
Auf dem einer jeden Familie unserer Reisegesellschaft ausgestellten Schiffskontrakt war nur die richtig geleistete Zahlung bescheinigt und die Zeit der Abfahrt bestimmt, ohne daß auf demselben etwas über die uns mündlich zugesagte Beköstigung oder Geldentschädigung erwähnt worden wäre. Auf meine Bitte, dieses nachzuholen, gab man den kurzen Bescheid, solches sey nicht gebräuchlich und auch nicht nöthig, da schon das gegebene Wort genüge[14].
Alle, die wir von Weimar aus die Reise unternommen hatten, waren dennoch im Stande das zur Ueberfahrt nöthige Geld aufzubringen. Nur der Zimmermanns-Familie S. fehlte es wegen dem erhöhten Fahrgeld an Mitteln, da solche für drei Kinder auf weniger, den Säugling aber frei gerechnet hatten. Außerdem war der Vater krank und von einer Ehehälfte geplagt, welche ohne Gefühl und Mitleid den Armen noch mit Vorwürfen quälte, da sie mehr gezwungen, als freiwillig zur Auswanderung sich entschlossen hatte. Sollten sie die Sachen verkaufen und so von Allem entblößt, die Seefahrt zu ermöglichen suchen, oder zurück in die Heimath kehren, wo Haus und Hof veräußert war? Das Erstere verbot die Klugheit und von Letzterem hielt sie falsche Schaam zurück. Auf mich hatten sie daher ihre letzte Hoffnung gesetzt und bestürmten meine Person mit Bitten und Flehen um den nöthigen Vorschuß, welcher mit dem größten Danke dem Retter aus der Noth, in Amerika wieder zurückgezahlt werden sollte[15]. Da der Mann selbst mir als rechtlich bekannt war, so bedurfte es nichts mehr, um sein Flehen zu erhören, und durch eine Unterstützung so die Möglichkeit an die Hand zu geben, mit uns vereint die Reise fortzusetzen.
Den militärpflichtigen Mitgliedern unserer Reisegesellschaft, welche ohne Erlaubniß die Auswanderung beschlossen, wurde bei Ausstellung des Schiffskontrakts, auf deren Anfrage, wegen ihrem sonstigen Verhalten, von Herrn W.[16] der Bescheid, das Wanderbuch, ohne weiter etwas zu bemerken, auf der Polizei nach dem hannöverschen Grenzort visiren zu lassen. Der Weg dahin führe über Bremerhaven; daselbst angelangt, frage dann Niemand mehr, ob die Seereise mit oder ohne Erlaubniß unternommen sei, da man das Wasser nicht gern von der Mühle weise.[17]
Gleich beim Weggang vom Komptoir wurde beschlossen, das Gasthaus zu verlassen und eine Privatwohnung zu beziehen, wo dann Jedem die Gelegenheit werde, möglichst billig leben zu können, und im Hause des Schneidermeisters Achelpohl fanden wir dazu die schönste Gelegenheit. Jetzt hieß es, bei karger Kost und dünnem Kaffee sich in Geduld zu üben, und wir suchten uns, in Erwartung besserer Tage, gegenseitig das Leben so angenehm als möglich zu machen.