Das Drängen und Treiben der Bremer, das Ein- und Ausladen der Schiffe, die schönen Anlagen um die Stadt, die reizenden Parthien in derselben, das im Vorgefühl der schönen Hoffnungen fröhliche, mitunter aber auch traurige Aussehen der Auswanderer, welche zu Hunderten durch den Reiz der Neuheit getrieben, da viele von ihnen noch nie eine so große Stadt wie Bremen gesehen hatten, gaffend in den Straßen standen, oder mit dem Einkauf der zur Seereise nöthigen Gegenstände und Lebensbedürfnisse beschäftigt waren.[18] Der Lärm in Wein-, Schnaps- und Bierhäusern, wo Mancher noch vergeudete, was bei erhöhtem Fahrgeld übrig geblieben war, so wie durch das mitunter herzergreifende Ansehen der Familien, welche durch Krankheit, oder aus Mangel des nöthigen Geldes, die Reise getrennt unternehmen müssen, Alles dieses gab vollauf Stoff, die Zeit zu tödten und Betrachtungen über das menschliche Leben anzustellen, von denen man Folianten füllen könnte.

Unter solcher Zerstreuung war der 16. d. herangekommen, wo das schöne feierliche Glockengeläute am Sonntag zum Besuch der heiligen Stätte mahnte. Auch ich wünschte vor Antritt der großen Reise mich nochmals dem zu empfehlen, welcher das Schicksal der Menschen lenkt. Deshalb besuchte ich, feierlich gestimmt, in Begleitung des Sohnes meines Bruders und dem Glaser R. die St. Pauluskirche. Nach dem Gottesdienste war Kommunion und obgleich nicht festlich gekleidet, waren wir doch willkommene Gäste des Herrn. Nach beendigtem Abendmahl wartete am Ausgang der Kirche der würdige Pastor Hemstängel auf uns, und sprach: „Wir haben uns am Tisch des Herrn gesehen und da ich in Ihnen Auswanderer vermuthete, so wünschte ich nun auch in meiner Wohnung Ihre nähere Bekanntschaft zu machen. Ich bitte Sie, mich dahin zu begleiten.“ Wie eine Stimme von oben, klang uns diese Einladung und mit beklommenen Herzen folgten wir derselben. Nachdem Sr. Ehrwürden die uns zur Reise veranlaßten Gründe erfahren hatte, hielt dieser brave Geistliche eine so herzergreifende Rede, daß jedes seiner Worte tief ins Innere drang, da er alle die Gefahren so treffend berührte, aber auch den Lohn zu schildern wußte, welcher den Menschen erwartet, welcher mit Ausdauer und seinem Gott ergeben, sein Werk mit Muth und Standhaftigkeit zu Ende führe. Daraus gab er uns für die andern Familien Gebetbücher mit den Worten: „sagen Sie solchen in meinem Namen, daß der Herr überall mit Jedem sei, welcher ein gottgefälliges Leben führe; er wandle hier oder in jenem Welttheil, wohin wir zu reisen gedachten. Nur nicht überall gäbe es für die Kinder den nöthigen religiösen Unterricht, damit der Mensch in jeder Lage des Lebens sich seines Gottes und dessen unerschöpflicher Güte vollkommen erfreuen könne. Er fühle sich daher veranlaßt, die Erwachsenen darauf aufmerksam zu machen, daß sie mit Beihilfe der mir übergebenen Bücher für das Seelenheil ihrer Kinder nach Kräften sorgen möchten und nicht dasselbe über Mühe und Arbeit, Verdienst und etwaigen Reichthum vernachlässigten. Denn was ist alles Irdische! fuhr er fort, wenn dabei der Himmel verschlossen bleibt und die Seeligkeit für den Menschen verloren geht, die nur durch richtige Begriffe von Gott und Jesum zu erlangen ist. Um wie viel glücklicher sind Sie, sprach er zu mir, da Sie ihre Familie in einem Lande zurücklassen, wo wahre Aufklärung herrscht. Leiden Sie auch durch die Trennungsschmerzen mehr als die Familienväter, welche die ihrigen um sich haben, ist auch der Gedanke an die zurückgebliebenen Frau und Kinder herzergreifend, so muß Ihnen dagegen zur Beruhigung dienen, daß dieselben wohl versorgt sind und nicht die Beschwernisse einer solchen Reise zu ertragen haben, sondern im sichern Hafen abwarten können, was der Herr unser Gott über sie beschlossen hat. Empfangen Sie hiermit nochmals durch mich den Seegen des Herrn, welcher im Geist mit übertragen wird auf die zurückgelassenen Ihrigen. Was auch Ihr Schicksal sei, Gott wird Sie geleiten auf allen Ihren Wegen und deshalb vertrauen Sie auf den, der Alles zum Besten führt.“ Tief gerührt verließen wir das Haus. Denn noch nie hatte die Rede eines Geistlichen solchen Eindruck auf unserer Aller Herzen gemacht. Möchten doch Viele sich berufen fühlen, den Reisenden in ähnlichem Sinne Muth und Trost zuzusprechen.


Sechster Brief.

Bremerhaven im Juni 1839.

Fortsetzung.

Ein Tag verstrich wie der andere. Die leer gewordenen Logis wurden sofort mit Neuangekommenen besetzt, wobei nicht selten die Sachen verwechselt oder vorsätzlich entwendet wurden, wie solches dem Konditor T. aus V. widerfuhr. Uhren- und Gelddiebstähle sind häufig, und es ist daher auf Pretiosen die größte Vorsicht zu verwenden. Eben so wenig sollten die Kisten ohne Aufsicht gelassen werden.

Mein gewöhnlicher Spatziergang fing bald an mich zu langweilen, und die prächtigen Karossen, sowie die durcheinander wogenden Fußgänger hatten keinen Reiz mehr für mich, da die mannichfaltigen Erinnerungen an die zurückgebliebene Familie und ein banges Sehnen nach der dunkeln Zukunft, das Warten um so peinlicher machte.

Endlich brachte der 21. d. eine Unterbrechung in das alltägliche Leben, da an demselben Tage die über die Weser führende Nothbrücke dem Publikum geöffnet wurde, welche die Kommunikation der Neustadt mit der Altstadt so lange unterhalten sollte, bis die alte baufällige Brücke abgerissen und an deren Stelle eine neue, von Steinen, aufgeführt worden sein werde. Jeder wollte die Nothbrücke zuerst passiren, und es drängten sich daher von beiden Seiten so viele Menschen auf derselben zusammen, daß Mann an Mann wie eingemauert standen. Von den Ufern aus sahen Tausende der Mannschaft zu, welche an der Brücke gearbeitet hatten und jetzt auf zwei nebeneinander stehenden Schiffen bei Musik und Tanz das erhaltene Freibier verzehrten. Zum Schluß war Feuerwerk verkündet, weshalb eine Masse Kähne auf stiller Fluth die größern Bote umschwärmten und das schaulustige Publikum bis spät Abends auf den Beinen hielt. Doch mehr Witz als Wahrheit war das Feuerwerk, da nur einige Raketen zerplatzten.

Schon war der 22. verstrichen und noch keine Anstalt zu unserm Transport nach dem Hafen gemacht, wir erhielten aber auf dem Komptoir des Herrn W.[19] die Versicherung, daß morgen drei Weserschiffe uns dahin bringen würden. Jedoch auch der 23. und 24. gingen ohne Erfüllung der gemachten Zusage vorüber, und eben so wenig erhielten wir auf diese Tage für Kost eine Entschädigung, sondern wurden damit bis zur Ankunft auf dem Seeschiffe vertröstet. Was sollten aber bis dahin meine armen Reisegefährten anfangen, von denen einige ganz von Baarschaft entblößt und der hungrige Magen sich nicht wie der Geist mit den lockenden Aussichten in dem gelobten Amerika begnügen wollte.